Buch der Woche

Baukunst und Nationalsozialismus

Überall in Europa drängen rechtsgesinnte Parteien auf die Bühne der National- und Europapolitik. Die hohen Stimmanteile der AfD in den vergangenen Landtagswahlen sind ausreichendes Zeugnis dafür. Die vermeintlich entstehende Hegemonialmacht Deutschland innerhalb der Europäischen Union befeuert Fürsprecher und Feinde gleichermaßen. Seit Beginn der Flüchtlingskrise steht eines dabei immer wieder im Vordergrund: die deutsche Kultur. Aber was meinen wir eigentlich damit und was haben beziehungsweise drohen wir nach Meinung der Populisten zu verlieren? Eine Frage, mit der sich auch Architekten beschäftigen müssen. Unsere gebaute Umwelt als Zeuge gesellschaftlicher Umwälzungen wird früher oder später darauf reagieren müssen, der Architekt positioniert sich. Weniger als 100 Jahre zuvor gab es im Zuge der Industrialisierung und einsetzenden Globalisierung diese Diskussion bereits einmal. Jörn Düwel und Niels Gutschow haben sich dieser dunklen Zeit der deutschen Geschichte angenommen und aus der Perspektive der Architektur beleuchtet. Ein Buch, das aktueller kaum sein könnte: Baukunst und Nationalsozialismus – Demonstration von Macht in Europa.

„Bis ins frühe 19. Jahrhundert habe Deutschland eine eigene Kultur und Architektur gehabt, die allmählich verloren gegangen sei. Schuld daran hätten die Industrialisierung, der Liberalismus und die verhängnisvollen Mietskasernen. Gehörten die Bauwerke von Schinkel und Klenze noch zur letzten Blütezeit der Baukunst, so habe das Verderben mit der nächsten Generation und der rasanten Ausweitung des Bauens begonnen. Unglücklicherweise habe der Staat damals nicht lenkend ins Bauen eingegriffen, vielmehr habe der Staat in einer passiven Haltung verharrt.  Während die Bauaufgaben immer vielfältiger wurden, habe sich die bauliche Form verloren. Der damalige Staat habe völlig versagt. Die Baukunst konnte, so Bonatz, ‚erst auferstehen, nachdem das deutsche Volk als geeinte Gemeinschaft seinen Willen zum Ausdruck brachte‘. (S. 247)

Der rote Leitfaden des Buchs wird durch die Ausstellung Neue Deutsche Baukunst von Rudolf Wolters gebildet. Diese wurde von 1940 bis 1943 als Propaganda für Nazi-Deutschland in mehreren europäischen Großstädten gezeigt. Inhaltlich konzentriert sich die Publikation auf drei Aspekte im Zusammenhang mit der Ausstellung: die Diskussionen zu einer neuen Baukunst vor und während der NS-Zeit, das Leben und die Karriere Rudolf Wolters als Städtebauer und Propagandist sowie die Dokumentation der Ausstellung zusammen mit ihren verschiedenen Haltestellen.

Das fast 500 Seiten starke Buch der Reihe Grundlagen stellt sich im Gesamten als eine kommentierte Dokumentation und Sammlung geschichtlicher Ereignisse und Zeugnisse dar. Anhand von Reden und Texten, unter anderen von Le Corbusier, Adolf Behne und Hans Poelzig, aber auch von Adolf Hitler, werden die Meinungen der damaligen Zeit als Wortmeldungen wiedergegeben, kommentiert und in Zusammenhang gebracht. So entsteht ein einzigartiger Blick auf die Entwicklungen der damaligen Zeit und die Bedeutung der Architektur und des Städtebaus für die Ideologie der Nationalsozialisten. Ein privater Einblick in die persönliche Entwicklung Rudolf Wolters geschieht über private Briefwechsel und Reisedokumentationen. Sein beruflicher Wechsel vom Städtebauer im Büro des Generalbauinspektors Albert Speer hin zum Hauptabteilungsleiter Kultur, Presse und Propaganda der paramilitärischen Bautruppe Organisation Todt steht exemplarisch für die Verwicklungen von Architektur und Politik. Die Vorbereitungen und Durchführung der Ausstellung in mehreren Balkanstaaten, Spanien oder auch Dänemark zeigen die propagandistische Wirkung: Deutschland als Machtzentrale Europas. Es ging um Illusion und Verführung gleichermaßen.

Inhalt und Struktur des Buchs machen es nicht zu einer leicht verdaulichen Lektüre – was bei dem Thema auch nicht wundert. Der ständige Wechsel zwischen Originaldokumenten und Zusammenfassungen der Autoren funktioniert mal mehr, mal weniger gut. Bei ernsthaftem Interesse an dem Thema und dem Wunsch nach Vertiefung ist die Publikation sehr lohnenswert, für den Einsteiger hingegen ist sie eher harte Arbeit.

Robert Bauer

Jörn Düwel, Niels Gutschow: Baukunst und Nationalsozialismus. Demonstration von Macht in Europa 1940 – 1943, Die Ausstellung Neue Deutsche Baukunst von Rudolf Wolters, DOM publishers, 480 S., 270 Abb., Softcover, ISBN 978-3-86922-026-0 

Fotos: Bundesarchiv/Arxiu Nacional de Catalunya/Dom

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