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Architekturpreis Nordhrein-Westfalen

Der BDA-Architekturpreis Nordrhein-Westfalen bietet regelmäßig die Gelegenheit, aktuelles Bauschaffen in Nordrhein-Westfalen zu porträtieren. Auch dieses Mal waren unter der großen Zahl der eingereichten Projekte – insgesamt 438 in der ersten Verfahrensstufe – fast alle Gebäudetypologien und -größen sowie die unterschiedlichsten Kategorien von Auftraggebern zu finden. Die ausgezeichneten Arbeiten weisen sowohl regional als auch typologisch eine gute Mischung auf. Leider mussten wir jedoch erneut – 2015 war es nicht anders – feststellen, dass am Ende der Auszeichnungskette eine wichtige Bauaufgabe nicht mehr erscheint, und zwar der mehrgeschossige Wohnungsbau. Lediglich „gehobene“ Einfamilienhäuser und engagierte, schmal budgetierte Eigenbauprojekte konnten sich vereinzelt durchsetzen.

Ministerin und Schirmherrin Ina Scharrenbach, Foto: Thilo Saltmann

Dieser Mangel schmerzt gerade heute besonders. Denn keine Bauaufgabe steht so im Fokus und fordert Politik, Bauwirtschaft und Architektenschaft so heraus wie der Wohnungsbau. Die Herausforderung hat verschiedene Facetten: sie betrifft die Zahl der Wohnungen, die in den nächsten Jahren gebaut werden müssen, sie gilt für die Kosten, die immer noch steigen – hier die Themen Barrierefreiheit, Energiesparen und den Bodenpreis, und sie hat auch etwas mit planerischer und gestalterischer Qualität zu tun, an die wir hohe Anforderungen stellen. Trotz des Drucks, viel und kostengünstig zu bauen, ist von der Immobilienwirtschaft im Ganzen und der Wohnungswirtschaft im Besonderen gerade heute der Mut zu innovativen Konzepten gefragt, denn vermeintlich bewährte Lösungen der Vergangenheit genügen neuen Anforderungen und Wünschen, die sich heute und in der Zukunft insbesondere aus veränderten Formen des Arbeitens und Lebens ergeben, vielfach nicht mehr.

Ich weiß, dass das nicht leicht ist. Ein bekanntermaßen enges Korsett städtebaulicher Vorgaben, etwa hinsichtlich Bebauungsarten, Dichten und Nutzungstrennung, führt oftmals dazu, dass die Erprobung neuer Wege als zu aufwendig erscheint. Preiswürdig sind solche Gebäude dann eher selten. Nur wenige architekturbegeisterte und risikofreudige Investoren wagen sich an Neues und Interessantes. Dass diese wenigen Leuchtturmprojekte breit diskutiert und publiziert werden, täuscht darüber hinweg, dass unser Land im Großen und Ganzen Diaspora für innovativen Wohnungsbau jenseits des Mainstreams ist. Dabei müsste dies nicht so sein, wie ein Blick ins benachbarte Ausland, zum Beispiel in die Niederlande, die Schweiz und auch Österreich, zeigt, wo es eine deutlich höhere Dichte interessanter Wohnbauprojekte gibt.

Gert Lorber mit Ministerin Ina Scharrenbach, Foto: Thilo Saltmann

Die Austeritätspolitik der vergangenen Jahrzehnte hat dem Bausektor hierzulande einen gigantischen Investitionsstau, vor allem im öffentlichen und halböffentlichen Bereich beschert, der in den nächsten Jahrzehnten bewältigt werden muss und, verstärkt durch die europäische Zinspolitik, einen Bauboom erzeugt hat. Die hieraus resultierende gute konjunkturelle Situation beinhaltet große Chancen für Architekten. Wir sollten diese nutzen, um gute Lösungen für den individuellen Bauherrn und die Allgemeinheit zu entwickeln. Besonders der in den Ballungsräumen forcierte Wohnungsbau eröffnet vielfach die Möglichkeit zur Reparatur und Neuentwicklung unserer in die Jahre gekommenen Lebensräume.

Durch die Komplexität und Größe der Aufgaben werden gesellschaftliche und politische Fragestellungen zur Architektur wieder stärker diskutiert. In seinen vor wenigen Monaten beim BDA-Tag in Hamburg beschlossenen „Politischen Grundpositionen zu Stadt, Land und Architektur“ fordert der BDA von Politik und Verwaltung, auf allen Ebenen einen Rahmen zu sichern, der den Weiterbau unserer Lebenswelt in sozialer und globaler Verantwortung ermöglicht. Eine klare Ausrichtung aller politischen Entscheidungen auf Qualität sei zwingend erforderlich, um die gesellschaftlichen, ökologischen und wirtschaftlichen Zukunftsaufgaben zu lösen.

Bez + Kock Architekten BDA, Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum 2013–2016, Foto: Brigida González

In Nordrhein-Westfalen sind die politischen Rahmenbedingungen durch die 2002 von der damaligen rot-grünen Landesregierung beschlossenen „Baupolitischen Ziele des Landes Nordrhein-Westfalen“ definiert, die unverändert in Kraft sind. Ein Bekenntnis der aktuellen Landesregierung und insbesondere der zuständigen Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung, Ina Scharrenbach, zu den dort formulierten Wegen und Zielen würden wir als Ermutigung ansehen. Es sollte möglich sein, auch wenn die politische Konstellation eine ganz andere ist als zum Zeitpunkt der Abfassung. Architektur und Städtebau verbieten ein Denken in Wahlperioden. Architekten und Stadtplaner arbeiten in qualifizierten Prozessen an Aufgaben, die das Leben für Jahrzehnte nachhaltig beeinflussen. Eine langfristige Ausrichtung kann man auch von der Politik erwarten.

Baukultur entsteht nicht von selbst. Sie braucht Bereitschaft und Qualitätsbewusstsein auf allen Ebenen: bei Politikern und in den kommunalen Verwaltungen, bei institutionellen und privaten Bauherren, bei Architekten und Stadtplanern und vor allem in der Öffentlichkeit. Und sie benötigt Instrumentarien, die Qualität hervorzubringen helfen. Dazu gehören faire Planungswettbewerbe und ein breiter Zugang zu Vergabeverfahren, dazu gehören Gestaltungsbeiräte in möglichst vielen Kommunen, dazu gehört schließlich eine Beteiligungs- und Dialogkultur, die die Vorstellungen der Bürger zum Tragen kommen lässt.

Bez + Kock Architekten BDA, Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum 2013–2016, Foto: Brigida González

In Nordrhein-Westfalen haben wir mit der Landesinitiative StadtBauKultur eine ganz besondere, herausragende Einrichtung, die sich seit 17 Jahren auf das Ziel konzentriert, die Gesellschaft für einen verantwortungs- und qualitätsbewussten Umgang mit der gebauten Umwelt zu sensibilisieren. Nicht durch Theorie, sondern durch unzählige große und kleine Projekte, die sie initiiert, fördert oder selbst durchführt. Von großer öffentlicher Wirkung sind zudem die Aktivitäten des M:AI als Teil der Landesinitiative. Der BDA ist der Auffassung, dass es an der Zeit wäre, StadtBauKultur aus der Situation jeweils auf wenige Jahre befristeter Unterstützungszusagen zu erlösen.

Um nochmal auf das so drängende Thema des Wohnungsbaus zurückzukommen: Der BDA sieht die Notwendigkeit, über neue Planungs- und Baumethoden sowie über eine geänderte Bodenpolitik und Planungsbeschleunigungsverfahren zu diskutieren, um mehr und kostengünstigen Wohnraum zu schaffen. Es ist uns dabei wichtig zu betonen, dass gerade beim Wohnungsbau die Messlatte hinsichtlich der architektonischen und städtebaulichen Qualität besonders hoch anzulegen ist. Wie ein aktuelles Beispiel wieder zeigt, ist dies oftmals nicht der Fall. So hat das Ergebnis des jüngst vom GdW, dem Spitzenverband der Wohnungswirtschaft, gemeinsam mit der Bundesarchitektenkammer ausgeschriebenen Wettbewerbs für seriellen und modularen Wohnungsbau nach Auffassung des BDA keinen Beitrag für einen zukunftsweisenden Wohnungsbau erbracht.

Insbesondere vor dem Hintergrund der marginalen Zeit- und Kosteneinsparung wäre es aus unserer Sicht nicht zu rechtfertigen, die von der Bauindustrie angebotenen standardisierten Wohngebäude in Serie zu bauen und damit die Fehler des industriellen Wohnungsbaus der 1960er und 1970er Jahre zu wiederholen. Wir haben den Eindruck, dass hier ausschließlich dem Ziel der Politik nach kurzfristig hohen Fertigstellungszahlen und dem Bestreben der Bauindustrie nach Gewinnmaximierung Rechnung getragen wird. Die Lösung liegt nach unserer Auffassung nicht in der Einsparung von Planungsleistungen und nicht in der Standardisierung eines gesamten Gebäudes, sondern in der intelligenten Verknüpfung standardisierter Konstruktionsmethoden und vorgefertigter Bauteile.

Bez + Kock Architekten BDA, Anneliese Brost Musikforum Ruhr, Bochum 2013–2016, Foto: Brigida González

Dass sich mit den Modellgebäuden, wie sie der GdW nun zur Verfügung stellt, „Heimat“ realisieren lässt, möchte ich bezweifeln. Nicht vorgefertigte, standardisierte Strukturen, sondern Flexibilität und Nichtdeterminierung von Räumen sind wichtige Voraussetzungen, damit die Menschen gerne in ihren Häusern und Quartieren leben. Die durch das neue „Urbane Gebiet“ gemäß der Baunutzungsverordnung geschaffenen Spielräume erleichtern die überfällige, dem zeitgemäßen urbanen Leben entsprechende Nutzungsmischung unabhängig von städtebaulichen oder architektonischen Prämissen. Hierin sehe ich einen aussichtsreichen Weg, vielen Menschen heute und in der Zukunft Heimat zu schaffen. Wir Architektinnen und Architekten arbeiten gerne daran mit, dieses Ziel zu erreichen.

Gert Lorber, Vorsitzender des BDA Nordrhein-Westfalen

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