neu im club

Schwarz-weiß-Denken ohne Einschränkungen

Henning Grahn Architektur BDA, Schwarzes Haus, Mainz 2016 – 2018, Foto: David Schreyer

Henning Grahn, Architekt BDA, Mainz

„Klar, kommt rein!“ Mit einladender Geste bittet uns der Bauherr des „schwarzen Hauses“ herein. Man sieht dem großzügigen Wohnraum im Erdgeschoss an, dass hier eine junge Familie wohnt. „Die Reste vom Wunschzettelbasteln…“, erklärt der Bauherr lachend und deutet auf Schere, Klebstoff und Papierschnipsel, die den großen Esstisch fast vollständig bedecken. Weihnachten steht vor der Tür und wer noch nicht selber schreiben kann, bastelt sich seinen Wunschzettel eben.

Henning Grahn Architektur BDA, Lageplan Schwarzes und Weißes Haus, Abb.: HGA

Wir sind in Mainz-Gonsenheim. Hier hat der Architekt Henning Grahn gemeinsam mit Marc Flick jüngst eben jenes Wohnhaus fertiggestellt, das von vielen im Viertel nur „das schwarze Haus“ genannt wird. Von der Straße kommend betritt man den von einem asymmetrischen schwarzen Satteldach gekrönten, schwarz verputzten Bau von der schmalen Stirnseite her. Sofort wird dabei die Konzeption der Grundrisskonfiguration erkennbar: Nach Südwesten öffnen sich die Wohnräume zum Garten hin, im Nordosten bildet eine raumhaltige Wand, die die dienenden Räume wie Bäder, Abstellkammern und Treppen aufnimmt, das Rückgrat des Hauses. Diese Gliederung schließlich ist auch die Erklärung für die Dachfigur. Entlang dieses funktionalen Rückgrats schmiegt sich eine auf beiden Stirnseiten des Gebäudes mit einem bodentiefen Fenster geöffnete erschließende Raumschicht an, die einer Membran gleich mal offener, mal geschlossener ist und die Zonen der Wohnräume mit denen der Anräume verbindet.

Henning Grahn Architektur BDA, Schwarzes Haus, Mainz 2016 – 2018, Foto: David Schreyer

Im Eingangsbereich des Erdgeschosses haben die Architekten den großen Einraum durch eine eingestellte Box zusätzlich gegliedert. Sie ist durch ihr Material deutlich als bewusst platziertes Möbel erkennbar, nimmt Garderobe, Technik und Abstellraum auf und bildet so eine Schwelle zwischen dem halb Privaten der Wohnküche und dem Halböffentlichen des straßenseitigen Vorgartens aus. In der Flucht dieser Schwelle steht die Kochinsel, die hier einmal mehr zum Inbegriff des Übertrags von Sempers Idee des Feuers als Mittelpunkt des Hauses wird. Eine große Fensteröffnung mit – auch hinsichtlich der Fähigkeiten der beteiligten Handwerker – beachtlichen Ausmaßen lässt sich verschiebbar zum Garten öffnen und belichtet den Wohnraum.

Henning Grahn Architektur BDA, Weißes Haus, Mainz 2017 – 2019, Foto: David Schreyer

Im Obergeschoss befinden sich die privaten Individualräume. Ihre kleine Fläche wird durch einen geschickten Schachzug von Grahn und Flick ausgeglichen: Auf nur zehn Quadratmetern Grundfläche öffnet sich der Raum über zwei Geschosse. Henning Grahn erklärt: „Die Zwischenebene und die Möbel hat der Hausherr selbst eingebaut“. Und wie: Ein Regal ist so ausgeformt, dass es die Stiege auf die Zwischenebene bildet, die wiederum eine Mulde für ein bodengleiches Bett aufnimmt. Ein Netz zwischen diesem raumgreifenden Hochbett und der Wand bildet Absturzsicherung und luftigen Freisitz zugleich und lässt zudem Licht und Blicke zwischen oben und unten durch.

Die Erschließungszone zwischen den Wohnräumen und dem dienenden Rückgrat wird stirnseitig jeweils zum Teil der beiden Bäder. Während Toiletten, Badewannen und Duschen in die abschließende Raumschale eingefügt sind, hängen die Waschbecken scheinbar im Flur. Was zunächst irritiert, ist hinsichtlich des Flächenverbrauchs bei genauerer Betrachtung aber ebenso sinnvoll wie gesamträumlich reizvoll. Durch zwei gänzlich in der Raumschale verschwindende Schiebetüren lassen sich die Bäder schlussendlich auch komplett schließen.

Henning Grahn Architektur BDA, Weißes Haus, Mainz 2017 – 2019, Grundriss EG, Abb.: HGA

Henning Grahn Architektur BDA, Schwarzes Haus, Mainz 2016 – 2018, Grundriss EG, Abb.: HGA

Aus dem – einem Studiolo gleich an das Ende dieser immer privater werdenden Raumkette gelegten – Arbeitszimmer sieht man im Norden des Grundstücks den zweiten Teil des momentan in der Fertigstellung befindlichen Ensembles: „Das weiße Haus“. „Im Viertel spricht man über das Projekt“, führt Henning Grahn aus, während wir die Treppe wieder hinabsteigen. Der Stadtteil ist geprägt von frei in die waldigen Hügel drapierten Villen. Weiß verputzte Häuser gibt es hier zwar, ein schwarzes aber war bis dato nicht dabei. Zum Abschied umarmen sich der Bauherr und sein Architekt – das Verhältnis zueinander scheint offenkundig in bester Ordnung zu sein.

„Das ist auch ganz gut so“, wirft Natalie Failla-Grahn ein, während wir durch die noch unfertigen Außenanlagen zum zweiten Gebäude gehen. Die promovierte Soziologin hat sich zu uns gesellt: Sie und ihr Mann werden hier einziehen, sobald der Bau fertig ist. „Mit dem Büro und der Familie“, wie Failla-Grahn lachend anfügt. Ein gutes Verhältnis zu den Nachbarn kann also nicht schaden. Ursprünglich war diese räumliche Nähe nicht geplant, aber spontane Planänderungen der Bauherrin und ihrer Familie haben es möglich gemacht: Die beiden Obergeschosse des „weißen Hauses“ werden künftig Platz für das Büro von Henning Grahn und die Familie bieten.

Henning Grahn Architektur BDA, Weißes Haus, Mainz 2017 – 2019, Foto: HGA

Das Ensemble aus schwarzem und weißem Haus fasst das gemeinsame Grundstück, die Bauten ähneln sich, ohne dass sie gleich wären. Andere Kubatur, bei Parallelen in der Grundrisskonfiguration, das eine schwarz, das andere weiß – vom Putz bis zum Ziegel. Auch beim weißen Haus arbeitet Grahn mit Marc Flick zusammen. Eine projektbezogene Partnerschaft, „die mir gut tut“, wie Grahn bekennt. Der Austausch ist ihm wichtig, der Dialog und das Miteinander. Auch hier haben die beiden Architekten, die sich aus gemeinsamen Studienjahren an der TU Darmstadt kennen, die Systematik der Raumschalen angewandt. Um 90 Grad zum „schwarzen Haus“ verschwenkt steht der Bau am nördlichen Rand des Grundstücks und gräbt sich teilweise in das flachwellige Areal ein. Die dienenden Räume, Treppen und Bäder sind im Norden platziert, gen Süden öffnet sich das Haus in Richtung Grundstück und seines schwarzen Pendants – im Erdgeschoss mit ähnlich großformatigen Fenstern, die schon den Wohnraum des Gegenübers prägen, im Keller- und Obergeschoss mit kleineren Fenstern.

Henning Grahn Architektur BDA, Transformation Typenhaus, Klein-Winternheim 2015 – 2016, Foto: David Schreyer

Der bewohnbare Keller ist als neues Element eingeführt. „So ließ sich das Haus, das ursprünglich für eine Familie geplant war, relativ einfach zu einem Zweifamilienhaus umorganisieren“, sagt Grahn. Mit dem ungedeckten Freiraum, der vom Dachgeschoss aus zu erreichen ist, führen die beiden Architekten zudem eine weitere Variation ihres schwarz/weißen Themas ein. Innen- und Außenraum sind durch eine Fensterfront verbunden, die kaum zu sehen ist, wenn man unmittelbar vor dem Haus steht. Eine immens große Scheibe folgt der Dachneigung gen First ebenso wie die Tür, die den kleinen Patio erschließt. „Wir hatten erst gedacht, das würde nicht funktionieren“, bekennt der Architekt lachend, um dann anzufügen: „Aber der Fensterbauer hat nur gemeint: ‚Das bekommen wir schon hin.‘ Ein toller Handwerker.“

Henning Grahn Architektur BDA, Transformation Typenhaus, Klein-Winternheim 2015 – 2016, Foto: David Schreyer

Diese von den ausführenden Fachleuten wie den Bauherrenfamilien mitgetragene Liebe zum Detail ist beiden Projekten anzusehen. Bis zu den beiden Neubauten in Gonsenheim hat Henning Grahn vor allem mit Umbauten auf sich aufmerksam gemacht: eine bemerkenswerte Neustrukturierung eines Typenhauses in Klein-Winternheim, ein Reihenhaus in Frankfurt, ein Wohnhaus in Drais, zuletzt ein kleines Hofhaus in Gonsenheim. Wie schon bei diesen Projekten überzeugt das eingangs beschriebene schwarz-weiße Neubauensemble durch eine ausgewogene Melange aus dem Blick fürs Kleine bei gleichzeitiger Angemessenheit in der Wahl der architektonischen Mittel.
David Kasparek

www.hga.archi

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit Henning Grahn:
16. Januar 2019, 19.00 Uhr

Werkschauprojektion:
16. Januar bis 5. März 2019

www.neuimclub.de

www.daz.de

Medienpartner: www.marlowes.de

neu im club wird unterstützt von
dormakaba, Erfurt und Heinze sowie
den BDA-Partnern.

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