Josef Frank – Spaces

Buch der Woche

In Deutschland gehört Josef Frank (1885-1967) zu den eher weniger bekannten Architekten, obwohl er mit seinem Doppelhaus in der Stuttgarter Weißenhofsiedlung an einem der Schlüsselwerke der Moderne beteiligt war. In seinem Heimatland Österreich, und insbesondere in Wien, kennt man Frank glücklicherweise noch und wieder – trotz seiner frühen Emigration nach Schweden (1933) aufgrund seiner jüdischen Herkunft und angesichts der zunehmenden Bedrohung durch den Nationalsozialismus. Grund für das Interesse an dem Architekten ist unter anderem, dass er eine durchaus kritische Position gegenüber den Entwicklungen der Moderne einnahm. Vor allem einen radikalen Funktionalismus und einer zunehmenden Hinwendung zur Industrialisierung stand Frank mit einiger Skepsis entgegen. Friedrich Kurrent bezeichnete ihn daher als „antimodernen Modernen“.

Das in seinem Umfang und Format bescheiden anmutende Buch „Josef Frank – Spaces“ der schwedischen Architekten Mikael Bergquist und Olof Michélsen hat sich nun exemplarisch sechs realisierten und unrealisierten Wohnbauten des Wiener Architekten angenommen. Entgegen der poppigen Gestaltung der Publikation wirken Franks Einfamilienhäuser zunächst übersichtlich, klar und unaufdringlich. Die Bauten zeichnen sich zumeist durch ein Flachdach, eine geschlossene Straßenseite und eine Terrassen ausbildende gestufte Gartenseite mit großzügigen Fenstern aus. Das Besondere oder Beeindruckende entfaltet sich eher im Inneren dieser Bauten, denn hier bewies Frank nicht nur eine sorgsam durchdachte Wegekonzeption, sondern auch seine Fähigkeit, spannungsreiche Raumsituationen zu schaffen: durch Treppen, Podeste, Galerien und Säulen sowie die Variation von Raumhöhen und Fensterformen – die Räume sind dabei lichtdurchflutet und modern, strahlen zugleich aber eine gewisse Behaglichkeit aus.

Der Aspekt der Wohnlichkeit stellte ein zentrales Thema in Franks Schaffen dar. Hier offenbart sich auch am deutlichsten seine Moderne-kritische Haltung, die an den weißen Fassaden seiner kubischen Bauten zunächst nicht unbedingt ablesbar ist. „Jeder Mensch hat ein bestimmtes Maß von Sentimentalität, das er befriedigen muss“ schrieb er in seinem Aufsatz „Der Gschnas fürs G’müt und der Gschnas als Problem“ von 1927. Den „Gschnas“, wienerisch für spielerische Ausschmückung und Ornamentik, hielt Frank für ein legitimes Mittel, um ebendiese menschliche Sentimentalität zu befriedigen. Seine Inneneinrichtungen, die er mit Möbeln seiner eigenen Firma „Haus und Garten“ ausstattete, wirken dementsprechend eher konservativ: zartgliedrige Holzmöbel, wulstige Sessel und Sofas, bunt gemusterte Teppiche und Vorhänge mit Puscheln und Quasten. In der Zeit der aufkommenden Stahlrohrmöbel musste Frank in seinen Kreisen daher auch bösen Spott ertragen. Seine Ausstattung im Doppelhaus in der Weißenhofsiedlung wurde mitunter als „Bordell Frank“ bezeichnet.

Als größte Leistung, und das stellt das Buch klar heraus, müssen jedoch die Raumkonzepte des österreichischen Architekten gelten. Diese werden in knappen, aber sehr gehaltvollen Kapiteln in Hinblick auf Aspekte wie die Bewegung durch und in das Haus oder die Raumorganisation und -folge dargelegt. Dazu werden zahlreiche Fotografien, Renderings und Entwurfszeichnungen präsentiert, die durch farbliche Markierungen auf besonders gelungene Weise das Geschriebene verdeutlichen. Insgesamt schafft es das kleine Buch, die Eigenschaften der Bauten konkret und anschaulich zu machen und somit den vorgestellten Werken in ihren spezifischen Qualitäten gerecht zu werden. Wie die Autoren selbst betonen, soll damit auch ihre Relevanz und ihr Vorbildcharakter für heute tätige Architekten herausgestellt werden. Die Buchgestaltung scheint in ihrer Verspieltheit dabei vom Geiste Josef Franks durchdrungen: Dieser errang in seiner Wahlheimat Schweden unter anderem mit seinen farbenfrohen und fantasievollen Textilmuster-Designs Bekanntheit. Tatsächlich ein „Gschnas fürs G’müt“.

Elina Potratz

Mikael Bergquist, Olof Michélsen: Josef Frank – Spaces, 144 S., 58 farbige und 157 s/w Illustrationen, 14 x 23 cm, Text in English, Hardback, ISBN 978-3-03860-018-3

 

 

 

 

 

 

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