Alle Mies-Bauten in einem Buch

Klare Kante

Ja, die Klassiker sind auch mit dabei. Ob Barcelona-Pavillon, die Häuser Esters, Lange und Tugendhat, die Neue Nationalgalerie oder die Crown Hall des IIT, Farnsworth House, Seagram Building und 860-880 Lake Shore Drive: Carsten Krohn hat sie in seinem opulenten, im Birkhäuser Verlag erschienenen Buch „Mies van der Rohe. Das gebaute Werk“ alle versammelt. Über Mies selbst ist wohl das allermeiste gesagt und geschrieben, interessant wird die rund 240 Seiten starke Publikation aber vor allem ob der Vollständigkeit seiner Bauten. Auch wenig rezipierte und kleine Architekturen des Großmeisters führt das Buch an; etwa die Frühwerke Haus Warnholtz und Haus Urbig oder die 1968 fertiggestellte Tankstelle im kanadischen Montreal. Dazu gesellen sich außerdem inzwischen zerstörte Projekte wie das Berliner Café Samt und Seide, der Anbau an das Essener Haus Henke und einige mehr.

Jeder Bau, und sei er noch so klein, wird in einem – je nach Projekt kurzen oder langen – Text erläutert und mit einer Grundrisszeichnung erklärend abgebildet. Zusammen mit den wunderbaren Fotos und den immer wieder auftauchenden Detailzeichnungen ergibt sich so eine großartige Übersicht über das gebaute Werk Ludwig Mies van der Rohes. Vor allem der Duktus der reduzierten Zeichnungen in Kombination mit dem feinen Layout überzeugen. Die Zeichnungen erfüllen im doppelten Sinne pädagogische Zwecke, zeigen sie doch auf, dass der Meister der reduzierten „modernen“ Details aus heutiger Sicht auch ein Meister der Wärmebrücke war. Der eigentliche Wert liegt hier jedoch nicht im erhobenen Zeigefinger, der die nachfolgenden Architektengenerationen ermahnen mag, es Mies aus ökologischen Beweggründen nicht gleich zu tun, sondern vielmehr in der dokumentierenden bauhistorischen Aufnahme und Analyse, die sie leisten.

Einzelne Projekte – nicht nur, aber auch die eingangs genannten Klassiker – werden von Krohn mit längeren Texten und ausführlicheren Fotostrecken gewürdigt. Angefangen vom 1908 fertiggestellten Haus Riehl in Neubabelsberg über das Haus Kemper in Berlin-Charlottenburg (1921 – 1923), die Promotory Apartments in Chicago (1946 – 1949) und das Highfield House in Baltimore (1962 – 1964) bis hin zum Westmount Square in Montreal (1964 – 1968) werden alle Phasen des Mies´schen Werks ebenso adäquat abgebildet wie die unterschiedlichen Typologien, denen sich der Architekt im Laufe seines Lebens widmete: Fabriken, Kapellen, Tankstellen, Bürobauten und nicht zuletzt Wohnhäuser finden sich hier.

Nicht nur weil Texte, Fotos und Zeichnungen vom Autor selber stammen, sondern seiner Umfänglichkeit wegen ist dieses Buch ein Muss für jeden Fan des 1886 in Aachen geborenen Architekten – eine wahre Würdigung für einen der ganz Großen der Architekturgeschichte.

David Kasparek

Carsten Krohn: Mies van der Rohe. Das gebaute Werk, gebunden, ca. 240 S., 280 Abb., 69,95 Euro, Birkhäuser, Berlin 2014, ISBN: 978-3-0346-0739-1

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*