Buch der Woche

Das Fähnlein der Aufrechten

Das kleine rote Büchlein vereint unter dem Moto „Kritik der Kritik“ elf Gespräche, die der Münchner Architekt Michael Gebhard in den vergangenen Jahren mit Architekturkritikern geführt hat. Erschienen sind die Texte zwischen 2007 und 2013 im Mitteilungsblatt des BDA Bayern, den verdienstvollen „Braunen Blättern“. Die Beiträge, zumeist gut gestellte Fragen und gut redigierte Antworten, werfen ein vielsagendes Licht auf die heutige Kritikerszene.

Fast allen Befragten zueigen ist ein pädagogischer Furor, der die eigene Tätigkeit idealisiert und als Dienst an der Gesellschaft interpretieren lässt. Kritik dient der Verbesserung des Klimas für Architektur (Friedrich Achleitner). Sie hilft mitunter, gute Architekturbüros zu fördern (Wolfgang Jean Stock). Methodische Probleme der sprachlichen Übersetzung architektonischer Sachverhalte sind bewusst (Ursula Baus) und werden unter der Maßgabe gelöst, dass der Leser verstehen soll, was gemeint ist (Hanno Rauterberg). Mitunter besteht die Auffassung, dass eine gute Vermittlung notwendiger ist als eine fachmännische Kritik (Roman Hollenstein).

Viele behaupten, dass ihre Arbeit wirkungslos ist (Benedikt Loderer), hoffen aber das Gegenteil (Wojciech Czajda). Nicht wenige sehen die Architekturkritik in der Krise, weil sie mehr und mehr zur Public Relation geworden ist (Claus Käpplinger). Andere glauben, der Architekturkritik ginge es so gut wie nie zuvor, weil sich immer mehr Menschen für ihr Sujet interessierten (Niklas Maak). Eigentliche Architekturkritik findet am ehesten in den Tageszeitungen statt, weil die Fachzeitschriften finanziell zu abhängig sind, um sich kontinuierlich kritische Meinungen erlauben zu können (Wolfgang Bachmann). Das Internet ist eine Chance, aber kein Allheilmittel (Gerhard Matzig). Architektur ist eine Kunst (Rauterberg) Architektur ist keine Kunst (Käpplinger), die einzig mögliche Kritik ist das Gegenprojekt (Achleitner). Über das eigentlich Kritische der Kritik haben sich die Beteiligten indes nur selten geäußert: Die Kriterien der Kritiker bleiben – wie fast immer – unausgesprochen.

Andreas Denk

Gebhard Michael (Hrsg.): Kritik der Kritik. 11 Gespräche zur Architekturkritik, 110 S., 24,90 Euro, Verlag Dölling und Galitz, München 2014, ISBN 978-3-86218-072-1

Artikel teilen:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*