Buch der Woche: Angola Cinemas

Spiegel und Gedächtnis

Die Schlagzeilen über den afrikanischen Kontinent werden zwar dominiert von Kriegen, Epidemien oder Flüchtlingsströmen, doch seit einigen Jahren schwappen auch immer wieder Berichte über das Entdecken der Kulturen Afrikas gen Europa. Seit geraumer Zeit schon machen sich diverse Musiker um die Verbreitung von Melodien und Rhythmen von unserem südlichen Nachbarkontinent verdient, als populärstes Beispiel sei hier unter vielen nur der Blur-Frontmann Damon Albarn genannt. Allein in diesem Jahr widmen sich mehrere Ausstellungen der Architektur und dem Design des sogenannten „schwarzen Kontinents“ – etwa das Vitra Designmuseum in Weil am Rhein, und bereits 2013 zeigte das Architekturmuseum der TU München die bemerkenswerte Schau „Afritecture“.

Ebenfalls beeindruckend ist der Bildband „Angola Cinemas“ von Walter Fernandes und Miguel Hurst, den das Goethe-Institut Luanda im März dieses Jahres zusammen mit dem Steidl-Verlag veröffentlicht hat. Er widmet sich den Kinobauten Angolas und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Zwischen 1930 und 1975, in der Zeit der portugiesischen Kolonialzeit in dem südafrikanischen Land, entstanden hier zahlreiche hervorragende Lichtspielhäuser. Sie sind beredte Zeugnisse für die bauliche Manifestation gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Die Fotografien stammen allesamt vom angolanischen Fotografen Walter Fernandes und zeigen Kinos, die mehr sein wollten als nur bloße Hüllen für Leinwand, Tonsystem und eine möglichst große Anzahl von Sitzplätzen.

Einige diese Lichtspielhäuser belegen zum Teil den immensen Zukunftsglauben der Zeit in der sie entstanden, andere reihen sich deutlich in die – in Europa oder den USA – vorherrschenden architektonischen Vorlieben jener Tage ein. Was sie jedoch eint, ist der Wille ihrer Erbauer zum Mehrwert. Die Art und Weise, wie sich manche der Bauten zur Stadt hin präsentieren, ja öffnen und mit bewusster Willkommensgeste den Besuchern entgegentreten, wie Kinokasse und Bar als Orte der Gemeinschaft und das Kino selbst zum Haus der Geselligkeit ausdefiniert wurden, sind beeindruckend anzusehen. Erst recht in Hinblick auf die heutigen Multiplex-Centren und deren mitunter lieblose Gestalt, die so viel weniger ist, als die in diesem Buch gezeigte „Fiktion von Freiheit“, so der sprechende Untertitel des Bildbands.

Den oft visionären Ehrgeiz der Architekten der hier gezeigten Gebäude fängt das Buch ebenso ein wie die Experimentierfreude, die beim Entwickeln der Bauten zugrunde lag und hier offenkundig wird. Gleichzeitig wird deutlich, in welch miserablem Zustand viele der Häuser heute sind. So ist die in orangenem Leinen eingeschlagene und mit einem Schutzumschlag versehene Publikation gleichsam eine Dokumentation, die den Umgang eines Landes mit einem Teil seines gebauten und damit kulturellen Erbes spiegelt. Eine Bewertung der Gründe für diesen Umgang findet dabei dankenswerter Weise nicht statt.

Eingeleitet wird das Buch durch erläuternde Texte in englisch und portugiesisch, das Vorwort ist zudem in deutsch verfasst. Abgeschlossen wird „Angola Cinemas“ von einem Anhang, das jedes sonst nur im Bild gezeigte Lichtspielhaus kurz erläutert, seine Entstehungszeit und – wenn bekannt – den Architekten benennt. Auch sei an dieser Stelle zudem auf die Website Cineafrica hingewiesen, die das Thema afrikanischer Kinobauten und ihres heutigen Zustands erweitert und ein Werkzeug zur Aufarbeitung der Bauten als Teil des kulturellen Erbes vor Ort sein möchte. Hier werden fortlaufend neue Informationen und Kommentare zur Kinoarchitektur Angolas gesammelt und veröffentlicht. Denn dieses Erbe, so die Herausgeber im Vorwort des Buches, sei „… zugleich Spiegel und Gedächtnis der Menschheit. Die Sicht auf die Vergangenheit ist Ausgangspunkt für Gegenwart und Zukunft.“

David Kasparek

Walter Fernandes/Miguel Hurst: Angola Cinemas – A Fiction of Freedom, deutsch/portugiesisch/englisch, 240 S., zahlr. Abb., Steidl, Göttingen 2015, 45, Euro, ISBN: 978-3869307947

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