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Afritecture

Im Architekturmuseum der TU München, und dort in der jüngst nach Renovierung wiedereröffneten Pinakothek der Moderne, läuft derzeit die bemerkenswerte Ausstellung Afritecture – Bauen mit der Gemeinschaft, kuratiert von Andres Lepik und Anne Schmidt. Anhand von 26 Projekten aus zehn Ländern – alle in oder südlich der Sahara wie Kenia, Nigeria, Burkina Faso oder Südafrika – legt die Ausstellung den Fokus der Betrachtung auf Projekte, die von Architektinnen und Architekten initiiert, dann aber vor allem mit Hilfe der Bevölkerung vor Ort konzipiert und umgesetzt werden. Nach Jahrzehnten der Gleichmacherei durch Einflüsse der Moderne sind auch hier Projekte mit genuin lokalspezifischen Formen und Typologien zu finden, die offensichtlich nicht nur für, sondern auch aus dem Ort heraus entstanden sind. Lepik und Schmidt konstatieren: „Der wirtschaftliche Boom Afrikas geht mit einem rasanten Städtewachstum einher, das den Kontinent einschneidend verändert. Innerhalb dieser transformativen Prozesse entstehen Ansätze einer individuellen, ökologischen und kontextsensitiven Architektur.“ Viele der gezeigten Projekte zielen innerhalb der sich verändernden urbanen Strukturen auf eine gesellschaftliche Wirkung und machen die Stadt zum Experimentierfeld. Die Planungen auf dem Land hingegen entwickeln lokale Traditionen der Bautechnik, Architektursprache und Materialien durch technologische und stilistische Neuerungen weiter.

Die Macher der Schau, StiftungFREIZEIT und Rusmir Ramic, haben ein großes, L-förmiges Möbel aus brauner Sandwichpappe in den Ausstellungsraum gestellt: über eine kleine Rampe betritt man – ohne Schuhe, vom Aufsichtspersonal erhält man Papiertüten zum Transport durch den Raum – den liegenden Schenkel des „L“s. Dieser ist, wie der stehende Schenkel auch, mit einer Vielzahl von Informationen übersät. Was an der – dem Fenster gegenüber liegenden – Wand in Sinn macht, verkommt auf dem Fußboden zu einer etwas gewollten Geste. In der Vertikalen lassen sich die aufbereiteten Fakten zu den einzelnen Projekten gut und in aller Ruhe aufnehmen, Zeichnungen und Bilder ergänzen sich hervorragend mit kurzen Texten und Filmen, die auf in die Pappwand eingelassenen Monitoren gezeigt werden. Auf dem Fußboden jedoch ist es, je nach Besucherzahl, bisweilen eher schwierig, zwischen all den besockten Füßen die Grafiken und Textergänzungen zu dechiffrieren. Interessant ist, dass das Gemeinschaftliche der Schau noch gesteigert wird, in dem die Besucher mittels post-its und Notizblöcken ihre Eindrücke zu den Projekten hinterlassen und die Ausstellung so gemeinschaftlich bereichern können. In diesem partizipatorischen Ansatz  liegt zwar auch die Gefahr, zu einer Art Meckerkasten zu verkommen, aber bei „Afritecture“ wird dem durch konkrete Fragestellungen entgegengewirkt.

Ebenfalls gelungen ist das abschließende Element der Ausstellung: mittels tablet-computer und Riesenmonitor kann man versuchen, die Initiatoren der jeweiligen Projekte via skype zu erreichen – so diese gerade online sind. Interessant wäre hier eine Untersuchung, wie viele Besucher dies am Ende tatsächlich getan haben.

Das Projekt wird begleitet von einem umfangreichen Rahmenprogramm mit Vorträgen und einem Symposium am 14. und 15. November, das zentrale Aspekte der Ausstellung wie die Urbanisierung Afrikas, Partizipation und die Frage nach der architektonischen Identität aufgreift.

Deutlich ruhiger im Design ist der von Weiss-heiten (Berlin) gestaltete und im Verlag Hatje Cantz erschienene  Ausstellungskatalog. Dieser sammelt neben Beiträgen des Architekturhistorikers und Kurators Andres Lepik Arbeiten von Tomà Berlanda, Filip De Boeck, Killian Doherty, Dirk Donath, Susanne Gampfer, Rodney Harber, Dirk Hebel, Lesley Naa Norle Lokko, Iain Low, Mark Olweny, Alfred Omenya, Edgar Pieterse und Hans Skotte, ergänzt um ein Interview mit dem in Nigeria geborenen Direktor des Hauses der Kunst München, Okwui Enwezor. Das Buch präsentiert rund zwanzig beispielhafte Positionen der zeitgenössischen Architektur Afrikas südlich der Sahara, was durchaus ein Alleinstellungsmerkmal ist.

David Kasparek

AFRITECTURE – Bauen mit der Gemeinschaft
bis 12. Januar 2014
Di – So 10.00 – 18.00 Uhr
Do 10.00 – 20.00 Uhr
24.12., 25.12. und 26.12.2013 und 31.12.2013 geschlossen
Eintritt: 10,– Euro, ermäßigt 7,– Euro, Sonntagseintritt 1,– Euro
Pinakothek der Moderne
Barer Straße 40
80333 München

Katalog
Andres Lepik (Hrsg.): Afritecture. Bauen mit der Gemeinschaft, Texte von Tomà Berlanda, Filip De Boeck, Killian Doherty, Dirk Donath, Susanne Gampfer, Rodney Harber, Dirk Hebel, Lesley Naa Norle Lokko, Iain Low, Mark Olweny, Alfred Omenya, Edgar Pieterse, Hans Skotte, Interview mit Okwui Enwezor, Deutsch, 272 S., 206 Abb., 38,– Euro, Hatje Cantz Verlag, Ostfildern 2013, ISBN 978-3-7757-3660-2

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