Buch der Woche: Fragments of Metropolis Berlin

Expressionismus in und um Berlin

Auf dem Cover dräut uns eine düstere Stadtkrone entgegen, expressiv und etwas unheimlich. Schnell separiert das Auge in dieser Photoshop-Collage bekannte Bauten aus Berlin und Umgebung: Ganz oben das Ullsteinhaus, darunter die Singer-Fabrik in Wittenberge, der Wasserturm in Neuenhagen, Mendelsohns Mossehaus und der Borsig-Turm in Tegel. Es sind dies Bauten, die man landläufig dem Expressionismus zuordnet. So heißt das Buch im Untertitel auch „Berlins expressionistisches Erbe“. Unfreiwillig komisch dann allerdings der Anspruch des Klappentextes, „alle 135 noch existierenden Bauten in Berlin und Umgebung“ zu dokumentieren – als wäre der Expressionismus ein abgeschlossenes Sammelgebiet mit einer genau festgelegten Anzahl an Artefakten. Selbstverständlich gibt es noch weitere Bauten, die dieser Stilrichtung zuzuordnen sind. Wo sind etwa die Bahnhöfe Sundgauer Straße und Feuerbachstraße? Genügten sie etwa den stilistischen Kriterien nicht?

Wer dieser Frage nachgeht, stößt auf etwas Merkwürdiges. Denn die Definition des Expressionismus erfolgt in diesem Buch nicht etwa „stilistisch“, also unter Benennung formaler Merkmale, sondern „prozessual“ und „qualitativ“. Was ist damit gemeint? Lesen wir: „Die Bauten, die heute gemeinhin als expressionistische Architektur bezeichnet werden, betonen die Möglichkeit eines Neuanfangs über Kontinuität. Vielfach griff man auf tradierte, genuin architektonische Eigenschaften zurück, betonte etwa Materialität und Handwerk.“ Der Expressionismus erscheint hier als das Neue, das auf das Alte setzt. Hans Kollhoff wird im Vorwort noch deutlicher: „An eine Modernität, die aus der Tradition hervorgeht, bruchlos, aber sich allem Stilistischen verweigert, daran glaubten die Expressionisten, und so gelang ihnen ein eigener Stil.“ Stil durch Verweigerung des Stilistischen – das erinnert an die Dialektik des „Noch nicht und doch schon“ der Eschatologie des Neuen Testaments. An so etwas muss man glauben. Oder eben auch nicht.

Jedenfalls ist dieses Buch nicht als harmlose baugeschichtliche Fotosammlung konzipiert, sondern es hat eine Botschaft in die Gegenwart. Noch einmal Kollhoff: „[Die Expressionisten] vertreten für uns heute eine ,andere Moderne‘, die sich intuitiv schon gegen den weißen Modernismus in Stellung gebracht hat, bevor sich dieser als ,International Style‘ feiern ließ“. Abgesehen davon, dass der Popanz „weiße Moderne“ gar nicht so weiß war, wie man heute weiß, übersieht Kollhoff auch persönliche Entwicklungen, die über eine Zwischenstation des Expressionismus bei der „funktionalistischen“ Moderne landete. Im Ersten Weltkrieg und bis etwa 1923 herum war Expressionismus Avantgarde. Bruno und Max Taut, aber auch Gropius und Mies hatten da ihre expressionistische Phase. Deren Bauten tauchen hier aber kaum auf – von Bruno Taut sehen wir lediglich einen unbedeutenden Industriebau von 1911. Walter Gropius‘ expressionistisches Wohnhaus Otte von 1921-22 fehlt hier ebenso, obwohl es – anders als das fast zeitgleiche Haus Sommerfeld – noch steht und also hätte fotografiert werden können. Max Taut hingegen ist mit vier Bauten vertreten, darunter allerdings einem, der kaum expressionistische Züge aufweist: dem Verbandshaus der Buchdrucker von 1924, mit dem Max Taut zum Rationalismus konvertiert ist. Wie dem auch sei: Die angestrebte Unterscheidung zwischen (guten) Expressionisten und (bösen) Modernisten funktioniert natürlich nicht – weder bautechnisch, noch formal, noch biografisch.

Wenn man sich also den ideologischen Überbau dieser Publikation wegdenkt, wird ein gutes Buch daraus, das wegen der sehr guten Karten im Anhang auch den Nutzen eines praktischen Architekturführers hat. Alle Fotos sind für das Projekt neu aufgenommen worden, sie haben korrigierte Perspektiven und weisen dennoch häufig einen eher künstlerischen als dokumentarischen Blickwinkel auf. Oder mag es mangelnder (Spezial-)Ausrüstung geschuldet sein, dass die Kirche am Hohenzollernplatz von Fritz Höger ohne ihren markanten Turm fotografiert wurde?

Benedikt Hotze

Niels Lehmann, Christoph Rauhut: Fragments of Metropolis Berlin. Gebunden, 256 Seiten, 140 Abbildungen in Farbe, 55 Planzeichnungen und Kartenmaterial, 29,80 Euro, Hirmer Verlag, München 2015, ISBN: 978-3-7774-2290-9

Alle Fotos: Niels Lehmann

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