Buch der Woche: Architektur und Du

Ein Kumpeltyp

2005 gründeten Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut ihr eigenes Architekturbüro „Atelier ST“ in Leipzig. Im Prinzip unmittelbar nach dem Studium, ausgestattet mit nur einem Mindestmaß an Berufserfahrung und dem unbedingten Willen, gute Architektur zu machen und dafür im Notfall die eine oder andere Praxiserfahrung auf eigene Faust und in eigener Verantwortung zu sammeln. Wie so viele selbständige Architekten vor ihnen, haben sie sich auf dieses Experiment eingelassen. Das runde Jubiläum und ein inzwischen deutlich angewachsenes – und vorzeigbares (siehe u.a. der architekt 2/11, S90-93) – Portfolio veranlassten die beiden Architekten, eine Monografie vorzulegen. Doch eine „normale“ Werkschau im Sinne einer lapidaren Aneinanderreihung möglichst vieler Bauten, Projekte und Entwürfe sollte es nicht werden. Wie das Arbeiten im Atelier ST auch, war der Wunsch nach einem Experiment vorhanden, sollte doch vor allem Architektur als Prozess und weniger als Stand der Dinge, ehe die Bewohner sich der Baukunst ermächtigen, abgebildet werden.

Dafür haben sich die Architekten noch Jeanette Kunsmann und Stephan Burkoff mit ins Boot geholt. Kunsmann und Burkoff hatten mit der ersten Veröffentlichung ihres Mitte/Rand-Verlags und dem gemeinsam mit Stephan Becker herausgegebenen „Abriss-Atlas“ einiges Aufsehen erregt. Ein Jahr lang haben die beiden Journalisten die zwei Leipziger Architekten begleitet, das Ergebnis ist „Architektur und Du“. Zwar ‚kumpelt‘ der ikeahafte Titel und das Vorwort den Leser etwas an, sehen lassen kann sich die Publikation dennoch. Den Anspruch des Buches hängen die Herausgeber gleich zu Beginn hoch: Mehr soll es sein als all die tradierten Monografien, weder Fachpublikation noch Prosa allein. Aber eben von allem  etwas und mithin „…ein Experiment. Für Dich.“ Nun ja.

Architektur und Du“ versucht auf diesem Weg Architektur als Prozess und nicht als finales Produkt zu vermitteln. Dabei schießt das Buch an der einen oder anderen Stelle etwas über das Ziel hinaus. Neben einem teilweise befremdlich anheischenden Tonfall einiger Texte sind da auch die Bilder: Das Experiment, den prozesshaften Charakter des Bauens darzustellen und dabei auch Alltägliches abzubilden, lässt manch Frage offen, spricht aber für den Mut der Beteiligten – sowohl für den der Herausgeber wie auch den der Architekten und einer Bauherrnfamilie, die im Buch in einem Fotoessay des Münchner Fotografen Wolfgang Stahl porträtiert wird.

Sieben realisierte Projekte weben Jeanette Kunsmann und Stephan Burkoff geschickt in den Kosmos Architektur von Atelier ST ein: das Wirtschaftsgebäude in Eibenstock (2007-2010), das Lutherarchiv in Eisleben (2012-2015), die privaten Wohnhäuser „Waldblick Lucka“ (2006-2008), „Grüner Mäander“ (2011-2014), „Maison du Beton“ (2006-2009) und „Sandwich am See“ (2013-2015) sowie das eigene Waldhaus der Architekten in Klein Köris (2010). Erfrischend ist in dieser Sammlung guter Architektur die Art und Weise der Darstellung. Unterschiedliche Texttypen kommen ebenso zum Einsatz wie die verschiedenen Bildsprachen der Fotografen Anikka Bauer, Bertram Bölkow, Werner Hutmacher und Wolfgang Stahl. Bauherren kommen zu Wort, genau wie die Architekten selbst, Architekturkritik steht neben künstlerischen Fotoessays, ein Gedicht von Paul Zech kommt als Nachdichtung zum Abdruck, ‚klassische Architekturfotografie‘ aus der Zeit der Fertigstellung wird Bildern aus der Jetztzeit der Häuser – nach gut sechs Jahren Benutzung – gegenübergestellt.

Ergänzt wird das Buch um ein Interview mit Silvia Schellenberg-Thaut und Sebastian Thaut, das die Genese des eigenen Büros gleichermaßen beleuchtet wie die Einstellung der beiden Planer zur Art des eigenen Entwerfens oder zum Wettbewerbswesen, sowie durch einen Text von Sebastian Thaut über seine Ausbildung im vogtländischen Reichenbach. Den Abschluss bildet ein Teil, der Vertretern aus der Industrie – gleichsam die finanziellen Unterstützer der Publikation – das Wort gibt und zu dem Schluss kommt, dass Architektur keine One-Man-Show ist. Vielleicht nicht so ganz originell, dennoch wichtig, es immer wieder zu betonen. Schließlich komplettiert ein angenehm unprätentiöses Werkverzeichnis und eine ebenso kurze wie pointierte Darstellung des Werdegangs der Architekten die Publikation.

Scheitert das Experiment „Architektur und Du“ also? Nein. Trotz der streckenweise etwas bemühten Haltung, die dem Wunsch, alles anders zu machen, entsprungen sein mag, geht das Experiment auf. Das Buch zeigt nicht nur gute Architektur, ihre Entstehung und Benutzung, es stellt darüber hinaus Fragen, und besser noch: es provoziert beim Leser weitere. Wie den dargestellten Bauten steht es auch Publikationen in der Regel gut an, genau das zu tun. Wäre dieses Buch ein Mensch, es wäre jener Kumpeltyp, der einem  zwar oft ein wenig zu fest auf die Schulter klopft, den man ob der Qualität der Gespräche und der von ihm ausgewählten Bars aber jederzeit und gerne wiederträfe.

David Kasparek

Stephan Burkoff und Jeanette Kunsmann (Hrsg.): Architektur und Du. Zehn Jahre Atelier ST, mit Texten von Nils Ballhausen, Stephan Burkoff, Jeanette Kunsmann, Sebastian Thaut und François Villon in einer Nachdichtung von Paul Zech, Hardcover, 136 S., zahlr. Abb., 34,90 Euro, Mitte/Rand Verlag, Berlin 2015, ISBN 978-3-9817010-7-4

Fotos: Anikka Bauer/Bertram Bölkow/Werner Hutmacher/Wolfgang Stahl

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