Andreas Denk

Der Boden, ein Gut

Zur Einführung ins 19. Berliner Gespräch des BDA

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Mit dem Boden ist es so eine Sache. Was darunter zu verstehen ist, entscheidet sich an den Kriterien der Disziplin, die sich damit befasst. Es kann ganz nüchtern mit der Geographie losgehen: „Boden (Pedosphäre) ist der von pflanzlichem und tierischem Leben erfüllte obere Teil der Erdkruste, der auf dem Ausgangsgestein der Erdkruste (Lithosphäre) liegt. Die Grenze zwischen Boden und Gestein ist meist unscharf“, definieren Busch und Marquardt in ihren „Geologischen und bodenkundlichen Grundlagen“ der Allgemeinen Geographie(1). Diese neutralisierte Form der Betrachtung eignet sich natürlich zur naturwissenschaftlichen Darstellung ganz besonders. Die Stratigraphie des Bodens, die Zusammensetzung und seine Bestandteile, die Qualität seiner Ingredienzien lassen sich zeichnerisch und tabellarisch, als Beschreibung und als Foto festhalten, mit anderen vergleichen und analysieren.

Frontispiz aus Charles Lyells „Principles of Geology“ in der zweiten amerikanischen Ausgabe von 1857: Zu sehen ist die Darstellung der Ursprünge verschiedener Gesteinstypen

 

 

 

 

 

 

 

 

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Aus ökologischer Sicht ist der Boden bereits ein komplexes Ding, nämlich „das mit Wasser, Luft und Lebewesen durchsetzte, unter dem Einfluss der Umweltfaktoren an der Erdoberfläche entstandene und im Ablauf der Zeit sich weiter entwickelnde Umwandlungsprodukt mineralischer und organischer Substanzen mit eigener morphologischer Organisation, das in der Lage ist, höheren Pflanzen als Standort zu dienen und die Lebensgrundlage für Tiere und Menschen bildet“, wie es in Schröders „Bodenkunde in Stichworten“ heißt.(2) Wir verdanken zwar den Großteil der Bildung von Böden geologischen und klimatischen Prozessen, tragen aber in einem gewissen Maß ebenfalls zur Bodenbildung bei. Man muss ja nicht sofort an die niedersächsische Asse oder an Gorleben denken, um die menschliche Beteiligung an Einträgen und Verwerfungen des Bodens zu erkennen.

Phosphatkonzentrationen im Boden entstehen durch Exkremente, Kadaver oder durch Reste von Koch- und Bratprozessen, Graphik: R. Schreg

 

 

 

 

 

 

 

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Doch schon die Stratigraphie des Bodens hat auch eine andere, zeitliche Dimension, die ihn mit den verschiedenen Kulturschichten anreichert. „Als Raum-Zeit-Struktur ist der Boden ein vierdimensionales System“, heißt es in einer einschlägigen Definition(3). Die britische Zeichnerin Becky Brewis hat eine solche Kultur-Stratigraphie aufgezeichnet und künstlerisch interpretiert. Sie hat die zeitlich aufeinander folgenden Bodenschichten am Brixton Hill mit ihren historischen Bezeichnungen erläutert, zudem aber auch singuläre Ereignisse phantasievoll mit ihnen verbunden. Neben den Spuren einer römischen Straße, einer mittelalterlichen Grube oder einer Kiesellage des 18. Jahrhunderts hat sie auch den Ort und den Zeitpunkt entdeckt, an dem der Organist John Manciple ein kleines Schiffsmodell aus Blei findet und einsteckt. 1765 hat ein Junge nach Becky Brewis Aufzeichnungen einen kleinen Umweg an einer Straßenecke gemacht, um Erdbeeren zu pflücken. Und auf dem modernen gepflasterten Oberboden steht John auf, um sich das Denkmal anzusehen anstatt weiter zu warten.

Becky Brewis, Street Stratigraphy: A Stratigraphic History of a Section of Brixton Hill

 

 

 

 

 

 

 

 

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Becky Brewis’ Zeichnung erläutert neben der zeitlichen Dimension auch die kulturelle: „Boden ist Lebensraum für Menschen, Tiere und Pflanzen und kann in vielerlei Hinsicht als Grundlage individuellen wie kollektiven menschlichen Handelns sowie sozialer und gesellschaftlicher Organisation angesehen werden. Da praktisch jede menschliche Tätigkeit Boden beansprucht, ist jeder Mensch in irgendeiner Weise auch „Bodenakteur“. Aus der Sicht des Individuums kommen dem Boden grundlegende Funktionen zu. Er ist unverzichtbare Grundlage der Ernährung, Grundlage für die Einrichtung von Wohn-, Arbeits- und Freizeitstätten, Grundlage für Bedürfnisse nach Kontrolle über Raum und Besitz.“(4)

Endlich auf sicherem Boden? Der Campanile in Pisa, Foto: Andreas Denk

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Gerade diese „Kontrolle über Besitz und Raum“ ist, folgen wir Jean-Jacques Rousseau, einer der wesentlichen Gründe für die Deprivation der menschlichen Moral. In seiner „Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen“ von 1751 geht der Philosoph davon aus, dass der ursprüngliche Mensch, der für Rousseau in etwa die Merkmale eines Steinzeitmenschen hat, keinerlei Bestreben zur Anhäufung von Eigentum gehabt hat. Erst als sich die menschlichen Fähigkeiten entwickelten, habe sich auch das Bedürfnis nach Distinktion ergeben. Konkurrenz und Rivalität auf der einen Seite, Interessengegensätze und Gewinnsucht auf der anderen seien „die erste Wirkung des Eigentums und das unabtrennbare Gefolge der entstehenden Ungleichheit“(5). „Der erste, der ein Stück Land eingezäunt hatte, und auf den Gedanken kam, zu sagen ‚Dies ist mein‘ und der Leute fand, die einfältig genug waren, ihm zu glauben, war der wahre Begründer der zivilen Gesellschaft“(6), sagt Rousseau, für den „Zivilisation“ kein positiv besetzter Begriff ist.

Jean-Jacques Rousseau, Frontispiz der „Abhandlung über die Ungleichheit…“ von 1755

 

 

 

 

 

 

 

 

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Boden ist ein teures und irgendwann auch ein seltenes Gut. Mit jeder Sekunde werden derzeit in der Bundesrepublik Deutschland 8,05 Quadratmeter Boden neu als Siedlungs- und Verkehrsfläche beansprucht, also 69,6 Hektar an einem Tag. Die versiegelte Fläche macht etwa 50 Prozent der Siedlungs- und Verkehrsfläche aus. Jede Sekunde werden etwa 4,03 Quadratmeter versiegelt oder etwa 2,01 Quadratmeter überbaut. Beim derzeitigen Stand entspricht die Siedlungs- und Verkehrsfläche bereits den Flächen der Bundesländer Thüringen, Schleswig-Holstein, Saarland, Berlin, Hamburg und Bremen. Wenn die Entwicklung so weitergeht, wird es in 1116 Jahren außer Wasserflächen nur noch Siedlungs- und Verkehrsflächen geben, jedoch keine Landwirtschaftsflächen und keinen Wald.(7)

In der Stadt fehlt es an Platz: Werbekampagne des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft 2014, Foto: Andreas Denk

 

 

 

 

 

 

 

 

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Ein Blick auf ein Diagramm mit den bereinigten Nettolöhnen der Jahre 2005 bis 2012 lässt ahnen, was dieser kontinuierliche Rückgang des Einkommens für den Besitz an Grund und Boden respektive die Höhe einer erschwinglichen Miete bedeutet. Dass die Einkommensschere in Europa – die Reichen werden immer reicher, der so genannte Mittelstand kann den Anschluss nicht halten und die Armen werden eher ärmer und abhängiger von staatlichen Sozialleistungen – auch Auswirkungen auf die Verteilung des Grundeigentums hat, liegt auf der Hand. Dass dies wiederum in eine Gentrifizierung der Stadt mündet, wohl auch. Ob sich die nach dem Zweiten Weltkrieg von allen Parteien befürwortete Bodenreform jeweils wieder auf die Tagesordnung bringen lässt, bleibt angesichts der herrschenden Verhältnisse zu bezweifeln.

Real-Nettolöhne in Deutschland 2005 – 2012, Graphik: www.querschüsse.de

 

 

 

 

 

 

 

 

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Die Definitionen, die bisher gegeben wurden, geben eine wesentliche Eigenschaft des Bodens nicht wieder. Als materielles Phänomen ist er dem Zentrum der Erde immer näher als wir: Die Schwerkraft macht uns fast immer vom Gehen und vom Stehen auf dem Boden abhängig. Jede Form der menschlichen Wahrnehmung und vor allem der Raumwahrnehmung, nahezu jede Form der Fortbewegung, die wir vermögen, hat mehr oder minder unmittelbar mit dem Boden zu tun.

Tänzerin auf der Architekturbiennale, Venedig, 2014, Foto: Andreas Denk

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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In unserer Wahrnehmung und unserem Gefühlserleben hat er auch die Bedeutung der Heimat und damit identifikatorisches Gewicht. Die Art und Weise, wie der Mensch mit seiner Herkunft „verwurzelt“ ist, hat für viele etwas mit dem Boden zu tun, auf dem er steht und geht, wo sein Haus und seine Wohnung liegt, wo die Familie und die Freunde daheim sind. Dieses Heimatempfinden ist natürlich irrational und hat auch schon zu unschönen Übersteigerungen geführt. Dennoch ist es eine Konstante im mentalen und emotionalen Haushalt des Menschen.

Home is where your heart is, Foto: Andreas Denk

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Das trifft natürlich auch auf alle jene zu, die die Böden, die ihnen Heimat und Nahrung boten, verlassen mussten, weil Krieg, Klimawandel oder Naturkatastrophen ihre Lebensgrundlage vernichtet haben. Wie die entwickelten und reichen Länder Europas und Amerikas die Heimat- und Bodenlosen so aufnehmen können, dass sie zumindest das Angebot als Versuch eines Ersatzes verstehen können, ist gerade im 21. Jahrhundert eine Frage, die sich  unmittelbar an den Begriff des Bodens knüpft.

Boat People aus Haiti, 2005, Foto: US Coast Guard/John Edwards

 

 

 

 

 

 

 

 

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Schließlich bleibt als Trost nur die allgemeinste aller möglichen Hoffnungen, die mit dem Gut verbunden sind, über das hier gesprochen wird:
„Böden sind die belebte oberste Erdkruste des Festlandes.“8

Strandbewohner der Voidokilia-Bucht bei Pylos, Foto: Andreas Denk

 

 

 

 

 

 

 

 

Anmerkungen
1 Busch, Paul / Marquardt, Dorothee: Grundriss Allgemeine Geographie, Teil II: Geologische und bodenkundliche Grundlagen, 1984, S. 22.
2 Schröder, Dietrich: Bodenkunde in Stichworten, 1992, S.9.
3 Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen: Welt im Wandel: die Gefährdung der Böden. 1994, S. 7.
4 ebda.
5 Rousseau, Jean-Jacques: Abhandlung über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen. Aus dem Französischen übersetzt und herausgegeben von Philipp Rippel, Stuttgart 1998, S. 89
6 ebda., S. 74.
7 Schröter, Frank: Flächenverbrauch in der Bundesrepublik, zit. n.: http://www.dr-frank-schroeter.de/bodenverbrauch/Aktueller_Stand.htm, letzter Zugriff: 2. Februar 2015.
8 Scheffer, Fritz / Schachtschabel, Paul (Hrsg.): Lehrbuch der Bodenkunde, 152002, S. 1.

Prof. Andreas Denk (*1959) studierte Kunstgeschichte, Städtebau, Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Vor- und Frühgeschichte in Bochum, Freiburg i. Brsg. und in Bonn. Er ist Architekturhistoriker und Chefredakteur der Zeitschrift der architekt des BDA und lehrt Architekturtheorie an der Fachhochschule Köln. Er lebt und arbeitet in Bonn und Berlin.

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