Spaziergänge mit Heiner Farwick

von der aa zum rhein und zurück

Auch diesmal haben sich die Divergenzen verschiedener Terminkalender als größer herausgestellt als ihre Gemeinsamkeiten. Die Freude eines gemeinsamen Spaziergangs im Schnee blieb BDA-Präsident und Chefredakteur im Monat Januar verwehrt. Stattdessen besannen sie sich auf eine weitere Methode der zeitgenössischen Kommunikation. Der erste „Spaziergang“ 2015 fand ohne Sichtkontakt und an verschiedenen Orten des Münsterlandes und des Rheinlandes statt: In einem zweitägigen E-Mail-Dialog entwickelten Heiner Farwick und Andreas Denk im klassischen Frage-Antwort-Spiel Gedanken zur Zeit – passenderweise zur Heimatlosigkeit.

Andreas Denk: Derzeit bestimmen nicht nur Fragen der zunehmenden Mieten, der daraus folgenden Segregation oder einer vermeintlichen „Islamisierung“ die Debatte um die Stadt. Wieder einmal wird auch die Problematik von Migranten und Flüchtlingen deutlich, die schon seit längerem, und wahrscheinlich andauernd, unsere Wirklichkeit bestimmen wird. Wie sehen Sie die Zusammenhänge zwischen diesen Phänomenen und ihrer Beurteilung in der Öffentlichkeit?
Heiner Farwick: Wenn man in die Geschichte Deutschlands nach 1945 sieht, wird man feststellen, dass Zuwanderung in die Bundesrepublik in unterschiedlichen Formen und aus verschiedenen Gründen nahezu durchgängig erfolgte, wenn auch die Zahlen durch die Flüchtlingswellen nach 1945 unvergleichbar höher waren als in späteren Jahrzehnten. Dennoch darf man die Integrationsleistung nicht unterschätzen. Die letzte größere Zuwanderungswelle liegt gerade mal etwas mehr als 20 Jahre zurück und wurde durch die Zuwanderung von Russlanddeutschen einerseits und Flüchtlingen aus dem Jugoslawienkrieg andererseits bestimmt. Auch damals hat es Debatten über Unterbringung oder Integration gegeben. Die heutigen öffentlichen Auseinandersetzungen zu dieser Frage erscheinen mir – auch angesichts der statistischen Zahlen über religiöse und ethnische Herkunft – wieder von sehr irrationalen Momenten bestimmt zu sein.

Andreas Denk: Trotz der wiederkehrenden Flüchtlingsströme scheinen Staat, Länder und Kommunen immer wieder auf das Neue überrascht zu sein. So auch jetzt: Dass Flüchtlinge in Zelten oder auf dem Gelände eines ehemaligen KZ-Sammellagers untergebracht werden sollen, spricht weder für Professionalität im Umgang mit der Situation noch für  gesteigerte Empathie angesichts der Notlage so vieler Menschen. Haben wir ein naives Bild der Welt?
Heiner Farwick: Es drängt sich schon der Eindruck auf, das wir in Deutschland die Situation der Flüchtlinge sehr aus unserer Sicht heraus betrachten. Es gibt offenbar Teile der Bevölkerung, die nach der Devise „Störe meine Kreise nicht“ denken und handeln. Wenn sich alle klar machen würden, dass aus den Krisengebieten Menschen aufgrund von direkter Bedrohung ihres Lebens, aus existenzieller Not und Verzweiflung ihre Heimat verlassen, müsste daraus eigentlich eine andere Form der Aufnahme der Flüchtlinge resultieren. Viele Kommunen, gerade kleinere, sind jedoch überfordert, auch personell, oft in kürzester Zeit angemessene Lösungen zur Aufnahme, Unterbringung und Begleitung der Flüchtlinge zu finden.

Andreas Denk: Neben der zeitweisen Aufnahme und Unterbringung von Migranten und Flüchtlingen geht es auch um die Integration jener, die bleiben wollen, meist bleiben müssen, weil eine Lebensgrundlage in ihren Heimatländern nicht mehr gegeben ist. Die Projekte, mit denen das versucht wird, werden seitens der personell, finanziell und organisatorisch offenbar überforderten Kommunen zumeist auf kirchliche und ehrenamtliche Initiativen abgewälzt. Integration indes ist eine langfristige Angelegenheit, die auch stadtbauliche und architektonische Auswirkungen hat. Welche Ansätze für Lösungen sind aus Ihrer Sicht denkbar?
Heiner Farwick: Die Frage der langfristigen Integration und ihrer städtebaulichen und architektonischen Auswirkung lässt sich nicht in wenigen Sätzen beantworten, da zunächst die Vielschichtigkeit der Zuwanderungsgruppen betrachtet werden muss. Der weit größte Anteil – nach dem Migrationsbericht 2013 etwa drei Viertel – der Zuwanderung erfolgt aus europäischen Staaten. Zugleich erfolgt auch der größte Anteil der Fortzüge in europäische Staaten. Dies ist eher der Hinweis darauf, dass eine zunehmende Mobilität auch zu Migration führt. Meines Erachtens müssen wir zunächst den Begriff der Integration neu definieren. Was meinen wir eigentlich mit Integration? Ist das die Anpassung der Zuwanderer an deutsche Sitten und Gebräuche, oder die Akzeptanz anderer kultureller Hintergründe und deren Auswirkungen auf Lebensweisen? Letztlich hat sich immer schon gezeigt, dass gerade die Städte ein enormes Integrationspotential haben, siehe beispielsweise New York als „melting pot“.

Andreas Denk: Integration könnte sich pragmatisch bestimmen lassen: Die Verwendung des Begriffs klärt sich meiner Auffassung nach anhand der Frage, ob die jetzigen Gegebenheiten und Strategien hinreichen, um Migranten und Flüchtlinge dauerhaft in unsere Gesellschaft aufzunehmen und ihnen ein auskömmliches und „gelingendes“ Leben zu ermöglichen, ohne ihnen die völlige Aufgabe von mentalen und kulturellen und religiösen Eigenheiten abzuverlangen. Welche Voraussetzungen brauchen –  nach Ihrer Auffassung – Städte und Gemeinden, um jenseits der Verlagerung von Verantwortlichkeiten und einigen „Leuchtturmprojekten“, um eine kontinuierliche Integration in diesem Sinne in Gang zu bringen?
Heiner Farwick: Die Klärung der Voraussetzungen einer kontinuierlichen Integration ist eine gesamtgesellschaftliche Frage. Sie betrifft das unmittelbare soziale Miteinander mindestens ebenso wie die grundsätzliche politische Haltung zur Frage der Integration. Aus Sicht von uns Architekten und Stadtplanern halte ich es für erforderlich, dass innerhalb der Stadtgesellschaft ausgelotet wird, welche räumlichen Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit Integration ohne besagte Aufgabe von mentalen, kulturellen und religiösen Eigenarten unterstützt werden kann. Die aktuell wieder diskutierten Probleme in den Pariser banlieues zeigen doch, welche Relevanz die strukturelle, funktionale und gestalterische Ausformung des mittelbaren und unmittelbaren Wohnumfelds hat.

Andreas Denk: Können Sie das in Bezug auf mögliche Maßnahmen oder Interventionen präzisieren? Wie sieht die „integrierende Stadt“ aus und wie unterscheidet sie sich von der heutigen?
Heiner Farwick: Die Stadt war doch immer schon integrierend. In den Städten Mesopotamiens, der Antike oder des Mittelalters kamen Menschen verschiedener Herkunft zusammen und haben zusammen gelebt. Fast alle Städte waren Orte des Handels und damit geradezu Sinnbild für den Austausch nicht nur von Waren, sondern auch von kulturellen Errungenschaften und Gedankengut. Je mehr sie vom Handel und damit von der Begegnung mit anders Denkenden und anders Lebenden geprägt waren, je fruchtbarer und bereichernder war der Austausch. Wenn jedoch in den Städten Gruppen von Menschen isoliert werden, in Vierteln am Rande der Stadt angesiedelt werden, die keine interkulturelle Begegnung erlauben und darüber hinaus nicht über die erforderliche Nutzungsmischung verfügen, kann Integration nicht gelingen. Ich glaube daher nicht, dass die integrierende Stadt neu erfunden werden muss. Wir müssen uns der vorhandenen Potentiale deutlicher bewusst werden und danach die Planungen ausrichten.

Andreas Denk: Geht es also um einen Mentalitätswandel in unserer eigenen Gesellschaft?
Heiner Farwick:
Unsere Gesellschaft ist ja nicht mehr orientiert an einer großen Linie, egal in welchem Lebensbereich, sondern in hohem Maße diversifiziert. Einen Mentalitätswandel zu thematisieren halte ich nicht für zielführend, wohl aber die Notwendigkeit, teilweise extrem einseitige Sichtweisen aufzubrechen.

Foto: Andreas Denk

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