Buch der Woche: Hortitecture

Die grüne Seite der Macht

Anfang Mai 2019 sorgte eine Studie für Furore, die bescheinigt, dass etwa eine Million von acht Millionen Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht ist. Der Weltbiodiversitätsrat IPBES hat sie vorgelegt und damit erstmals seit 14 Jahren eine Art Bestandsaufnahme der globalen Artenvielfalt vorgenommen. Besonders gefährdet sind Amphibien, Korallen und viele Pflanzenarten. 150 Experten aus 50 Ländern vergleichen das aktuelle Artensterben dabei mit dem Tod der Dinosaurier vor etwa 65 Millionen Jahren – nur dass es dieses Mal der Mensch ist, der für das massenhafte Sterben verantwortlich ist. Der Mensch hat aktuell, so die Studie, drei Viertel der Erdoberfläche „stark verändert“. Und da sind nur die Landmassen eingerechnet, nicht die Ozeane.

Penda Studio, One With the Birds, Entwurf 2014, Abb.: Penda Studio

Es handelt sich also um eine relevante und nicht wegzudiskutierende Größe. Eine elementare Frage aber lässt die Studie offen: Wie es um die weltweiten Insektenbestände steht, ist nicht geklärt. Die Autoren schreiben entsprechend von einer „Schlüsselunsicherheit“. Sie schätzen, dass etwa zehn Prozent aller Insekten vom Aussterben bedroht sind. Aber: Fünfeinhalb der acht Millionen bekannten Tier- und Pflanzenarten gehören zur Gruppe der Insekten. Eine gigantische Menge also. Viele Insekten sind für Nahrungsketten im Tierreich ebenso wichtig wie als Bestäuber von Pflanzen. In Form des Kampfes gegen das Bienensterben hat diese Biodiversitätskrise auch hierzulande in den letzten Jahren einen merklichen öffentlichen Widerhall erfahren.

Was aber können Architektinnen und Architekten tun? Sie können Pflanzen in ihre Arbeit integrieren. Und zwar nicht nur als hübsches Zierwerk neben Rechner und Plotter, sondern konkret in ihrem gebauten Werk. Die Architektin und Professorin Almut Grüntuch-Ernst beschreibt das mit dem Buch „Hortitecture“ manifestierte Bestreben, das Potential von Pflanzen als „integraler Bestandteil von Architektur“ ausloten zu wollen, als ein Momentum, da Architektur und Vegetation mehr sind „als ein Mimikry von Natur“. Allzu oft, so die Herausgeberin der im Jovis Verlag erschienenen Publikation, seien Pflanzen eben der grüne Schild, der schlechte Architektur übertünche und nachhaltig aussehen lasse. In „Hortitecture“ aber wird die „Macht von Architektur und Pflanzen“ beschrieben.

Brücke aus lebendigen Wurzeln, Meghalaya, Indien, Foto: Wilfrid Middleton

Pflanzen können Nahrung produzieren, Geräusche und Kohlendioxid binden, oder – in Hitzeperioden, wie der soeben hinter uns liegenden – die Temperaturen in urbanen Siedlungsformen merklich reduzieren. Die Publikation gliedert sich analog zu drei Symposien – die 2014, 2016 und 2017 am Lehrstuhl von Almut Grüntuch-Ernst an der TU Braunschweig abgehalten wurden – in verschiedene Abschnitte, die von Fragen der Komposition und der Psychologie über tatsächlich lebende, weil aus weiterwachsenden Pflanzen konstruierten Bauten bis hin zur Nahrungsmittelproduktion unterschiedliche Aspekte des Einsatzes von Pflanzen in der Architektur thematisieren. Mit dabei sind neben anderen auch Beiträge von Stefano Boeri, Thomas Corbasson, Richard Hassell und Wong Mun Summ, Christoph Ingenhoven, Vo Trong Nghia, Elisabeth Kather, Klaus K. Loenhart, Ferdinand Ludwig und Daniel Schönle, Fuensanta Nieto, Chris Precht, Jacob van Rijs, Tomás Saraceno, Diana Scherer, Dan Wood und Ken Yeang.

Almut Grüntuch-Ernst, IDAS Institute for Design and Architectural Strategies (Hrsg.): Hortitecture. The Power of Architecture and Plants, jovis Verlag, Berlin 2018

Es ist genau die Bandbreite der vorgestellten Arbeiten, die dieses Buch so faszinierend macht. Unabhängig davon, ob jedes Projekt im Einzelnen einlöst, was es im Vorfeld versprochen hat – oder überhaupt realisierbar ist –, eint sie, dass hier jeweils Gestalterinnen und Gestalter bereit waren, den Status quo zu hinterfragen. Dieses Hinterfragen geschieht mal im Anknüpfen an tradierte und in Vergessenheit geratene Konzepte, durch einen künstlerischen Ansatz oder durch die Ablehnung von derzeit vorherrschenden Dogmen.

Die unterschiedlichen Varianten des Einsatzes von Pflanzen zur Lebensmittelerzeugung in und an Gebäuden sind sehr beeindruckend. Ebenso die Konsequenz, mit der etwa Ferdinand Ludwig und Daniel Schönle mit ihrer zunächst an der Universität Stuttgart bei Gerd de Bruyn und inzwischen an der TU München fortgeführten Gruppe Baubotanik erforschen, wie weit man das Konstruieren mit lebenden Pflanzen treiben kann. Dankenswerterweise versammeln Grüntuch-Ernst und ihr Team insgesamt nicht nur Projekte ganz unterschiedlicher Größenordnung, sondern auch aus verschiedenen Ländern und Erdteilen.

Foster + Partners, Commerzbank Tower, Frankfurt am Main 1994–1997 (Themengärten renoviert von Aplantis), Foto: Asplantis

Realisierte Bauten aus Australien, China, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Vietnam oder Zypern zeigen, dass es sich hier eben nicht um ein Thema für Öko-Utopisten in der Nachfolge der ersten bundesdeutschen Grünen handelt, sondern um ein globales Feld, auf dem Architektur einen relevanten Beitrag leisten kann. Hier geht es nicht nur um ein simples „Zurück zur Natur“, sondern um Möglichkeiten, den Einsatz von Pflanzen architektonisch zu denken, sie zukunftsorientiert in ein räumlich-konzeptionelles Gefüge einzubinden: die Synergie von Garten und Architektur als einen Teil zur Lösung der Probleme, vor denen wir stehen, zu sehen.
David Kasparek

Almut Grüntuch-Ernst, IDAS Institute for Design and Architectural Strategies (Hrsg.): Hortitecture. The Power of Architecture and Plants, 288 S., zahlr. farb. Abb., englisch, Broschur, jovis Verlag, Berlin 2018, 35,- Euro, ISBN 978-3-86859-547-5

Abbildung oben: ingenhoven architects: Marina One, Singapur 2011–2017, Foto: HG Esch

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