Buch der Woche: Gio Ponti

Don Giovanni

Giovanni Ponti, kurz Gio genannt, wurde 1891 in Mailand geboren. Der Stadt, in der er 1979 starb, schenkte er ein ikonisches Nachkriegsbauwerk: Das Pirelli-Hochhaus entstand von 1956 bis 1958 in Zusammenarbeit mit Pier Luigi Nervi und Arturo Danusso. Im Laufe der Jahre realisierte er in der Hauptstadt der Lombardei zahlreiche weitere Gebäude: vom ersten, eigenen Wohnhaus über Wohnbebauungen und Bürohäuser bis hin zu Kirchen. Dabei ist sein Werk formalästhetisch stets am Puls der Zeit geblieben, räumlich jedoch immer überraschend, vor allem aber weit über die gebaute Umwelt hinausgegangen. Ponti ist eines jener Beispiele von Menschen, die an die Kraft gestalteter Dinge glaubten. Er stellte sich nicht die Frage, Hochhaus oder Gabel zu entwerfen, wo doch beides gebraucht und am besten im Sinne eines schönen Gebrauchs entwickelt werden wollte. Die Kaffeemaschine La Cornuta etwa, ein Entwurf aus dem Jahr 1948, gilt bis heute ebenso als Klassiker des italienischen Nachkriegsdesigns, wie der Stuhl Superleggera aus dem Jahr 1957. Die Weite des eigenen Horizonts und das ganzheitliche Verständnis von Gestaltung zeigte sich nicht zuletzt in der Zeitschrift Domus, die Ponti 1928 zusammen mit Gianni Mazzocchi gründete. Mit einer Unterbrechung in den Jahren von 1941 bis 1947 leitete Ponti das Medium, das sich gleichermaßen mit Kunst, Architektur und Design beschäftigte, bis zu seinem Tod. Und Lehrer war er auch – natürlich in Mailand. Am Polytechnikum fungierte Ponti von 1936 bis 1961 als Professor für Innenraumgestaltung.

Ein Buch, in den Dimensionen ebenfalls bemerkenswert umfangreich, versucht nun, diesen Kosmos der Gestaltung nachvollziehbar zu machen. Herausgeber Karl Kolbitz hat den Prachtband in enger Zusammenarbeit mit dem Gio-Ponti-Archiv im Kölner Taschen Verlag vorgelegt. Er ist das Ergebnis einer rund zehn Jahre andauernden Arbeit. Salvatore Licitra hat die Inhalte des Buchs kuratiert, von Kolbitz kongenial in Form gebracht, und um ein kurzes Vorwort seiner Mutter – und Tochter Gio Pontis –, Lisa Licitra Ponti (1922–2019) ergänzt, die die Arbeit ihres Vaters über weite Strecken begleitete und bis 1979 Chefredakteurin von Domus war. Licitra, Fotograf, Künstler und Kurator, gründete 1996 im Atelier seines Großvaters Gio Ponti das nach ihm benannte Archiv. Mit Stefano Casciani, Brian Kish und Fabio Marino sind weitere Fachleute und Kenner des Werks von Ponti mit an Bord. Vor allem Cascianis ausführlicher biografischer Essay ist bemerkenswert detailreich und zeigt auch den Menschen Ponti, kontextualisiert durch die jeweiligen Schaffensphasen. 136 Projekte trägt das Buch zusammen: bekannte Schlüsselwerke und weniger beachtete Projekte, große Komplexe und schnelle Skizzen. Die Zusammenschau macht das Buch zu einer Art mobilem Studierzimmer. So werden etwa Zeichnungen in Kombination mit großformatigen Fotografien nachvollziehbar, da auch die Details der Projekte maßvoll ausgeleuchtet sind und ihre Bedeutung für das Projekt deutlich wird. Formen, Räume, Materialien, Häuser und Gebrauchsgegenstände – all das kommt hier zusammen.

Neben der auf die ersten 1000 Exemplaren limitierten Art Edition – die mitsamt Arlecchino-Gitter-Couchtisch für 3000 Euro daherkommt –, gibt es auch eine Famous First Edition: 4000 weitere Exemplare der nummerierten Erstauflage, die es als Hardcover mit einer Größe von 36 auf 36 Zentimetern und fast sechs Kilogramm Gesamtgewicht durchaus in sich hat. Nichts für die Zugfahrt oder die Bettlektüre also. Dafür aber öffnet sich hier ein wahrer Kosmos der Gestaltung holistischen Anspruchs.

David Kasparek

Karl Kolbitz (Hrsg.): Gio Ponti, mit Beiträgen von Salvatore Licitra, Stefano Casciani, Lisa Licitra Ponti, Brian Kish und Fabio Marino, 572 S., zahlr. Abb., Englisch, Französisch, Deutsch, Italienisch, 200,– Euro, Taschen, Köln 2021, ISBN 978-3836501354

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