In Gedenken an Andreas Meck (1959–2019)

Durchgang zum Garten

Das Zimmer hatte direkten Zugang zu einem schmalen, ungewöhnlich tiefen Garten. Dessen Bepflanzung konnte sich über Jahrzehnte im typisch englischen Klima üppig entfalten und erfuhr dennoch von Zeit zu Zeit eine ordnende Hand. Andis Schreibtisch stand neben der Gartentür vor einem großen Einscheibenfenster, handwerklich hergestellt mit lichtbrechenden, feinen Profilierungen. Die Außenfassade wurde durch das nach oben zu öffnende Schiebefenster in weißer Laibung in überlegten Proportionen rhythmisiert.

Wir hatten in London ein kleines Reihenhaus mit typischer Klinkerfassade aus den 1920er Jahren bezogen und lebten mit sechs Bewohnern in einer WG. Für ein trautes Wohlgefühl in unserer neuen Heimat sorgte Jonathan, der Neffe unseres nigerianischen Landlords, der täglich eine Chicken Soup am Herd köchelte und uns diese zum Mitessen stets anbot.

Andis Zimmer hatte den Ausblick auf Rosen, Azaleen, Rhododendren und diverse weitere, von uns in kontroversen Diskussionen klassifizierte Pflanzen. Die Fassaden der etwa 30 Häuser in Reihe in unserem Quartier zeichneten sich durch jeweils individuelle Gestaltung aus. Der Formenreichtum in unserer Straße war enorm und dennoch entstand ein Gesamtbild, das durch die handwerklichen Details im gleichen Geiste Identität schuf. Andis Reich im Erdgeschoss war ihm Arbeitsplatz für ein Jahr während seines Stipendiums an der AA in London. Dass wir sein Zimmer meist als Durchgang zum Garten nutzten, war für ihn kein Problem.

Während wir schon im Garten zusammensaßen, hatte er meist noch Themen am Zeichentisch zu lösen. Da der Weg zum Kühlschrank an ihm vorbeiging, waren wir stets über den Fortschritt seines Tuns im Bilde. Sehr bald war uns bewusst, dass er wohl uneinholbar voraus war. Wir schätzten die Ergebnisse seiner intensiven Arbeit, sahen jedoch die Notwendigkeit, ihn zuweilen mit Nachdruck von seinem Platz zu lösen und ihn in den Garten mitzunehmen.

Sein Studienplatz verschuf uns allen die Möglichkeit, Vorträge an der AA zu hören, die wiederum die Gelegenheiten boten, die Ideen der internationalen Architektenriege und der kommenden Stars aus erster Hand zu hören. Andi hat uns mitgenommen. Seine Ideen und Projekte waren vielschichtig und differenziert. Er arbeitete beständig an dem Verständnis von Materialität, dessen Leistungsfähigkeit und Wirkung für den Raum. Am Ende des Studiums wurde eine Semesterarbeit von ihm in The Architectural Review publiziert – ein multifunktionales, mobiles Minihaus. Andi war seiner Zeit weit voraus.

Mit seiner Disziplin und Hartnäckigkeit, seiner starken Fähigkeit, Raum zu verstehen und im Einklang mit bautechnischen Notwendigkeiten wirkungsvoll zu formen, sowie seiner Offenheit für Neues hat er uns Werke hinterlassen, die Maßstäbe setzen und Positionen unserer Baukultur definieren. Seinen Bauten gelingt es, das Wesentliche beim Bauen sichtbar zu machen: Räume für den Menschen zu schaffen.

Es bleibt Erstaunen über die Qualität, die Präzision und die hohe ästhetische Kraft von Material und Lichtführung, die uns sein Werk vermitteln. Es wird uns Vorbild sein. Andreas Meck, vielen Dank für all das, was Du uns geschaffen hast.
Karlheinz Beer

Karlheinz Beer ist Vorstandsmitglied des BDA Bayern und Vizepräsident der Bayerischen Architektenkammer.

meck architekten, Kirche Seliger Pater Rupert Mayer, Poing 2011–2018, Foto: Florian Holzherr

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