Psychologie in der Architektur

Effekt und Affekt

Viel ist die Rede von den Effekten der Architektur auf den Menschen. Doch welche Affekte sie auslöst, was genau im Inneren des Menschen, psychologisch, vor sich geht, dafür fehlen in der Architektur meist die Worte. Es bleibt zu oft bei umgangssprachlichen Floskeln. Die Sprachlosigkeit stellt ein Hindernis dar, die verschiedenen Arten, wie Architektur auf Menschen wirkt, besser zu verstehen. Eines aber ist sicher: Mit der Architektur verändert der Mensch seine Umwelt, die anschließend den Menschen verändert, oder in den Worten Winston Churchills: „We shape our buildings and afterwards our buildings shape us.” Die Architektur ist keineswegs nur Objekt, sie tut etwas mit dem Menschen, sie übt Reize auf ihn aus, die in ihm etwas auslösen.

Es geht also nicht um die Frage, ob die Architektur psychologisch Einfluss auf die Emotionalität und das Unbewusste nimmt, sondern wie sie das tut, welches die Mittel dazu sind, und wie diese auf das Unbewusste wirken. „Das Unbewußte ist der größere Kreis, der den kleineren des Bewußten in sich einschließt“(1), kann man mit Sigmund Freud feststellen. Die Architektur hat einen großen Anteil daran.

Eine der ersten Architekturen, die die Psychologie zum Thema hatte, war das Labyrinth. In seinem Zentrum Minotaurus, der als Mischwesen aus Tier und Mensch für die unterdrückten Triebe, das Unbewusste der menschlichen Psyche steht. Die Stadt als Labyrinth bezeichnete Walter Benjamin als einen alten Menschheitstraum, der in der modernen Metropole des 19. Jahrhunderts, besonders in Paris, verwirklicht wurde, mit dem Flaneur als dessen Medium. Friedrich Nietzsche wünschte sich für die labyrinthische, moderne Seele eine entsprechende labyrinthische Architektur – ein wirkliches Labyrinth und nicht bloß einen Irrgarten.

Architekturpsychologie ist der vernachlässigte Aspekt der Architektur. Vielleicht ja auch, weil man sich damit auf unsicheres, kontaminiertes Terrain begibt. Aber das war nicht immer so. Ende des 19. Jahrhunderts kam die Architektur unter den Einfluss der neuen Leitwissenschaften Psychologie und Physiologie. So stellte Heinrich Wölfflin die Frage: „Wie ist es möglich, daß architektonische Formen Ausdruck eines Seelischen, einer Stimmung sein können?“(2)

Wölfflins Buch hieß „Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur“. Die Antwort war: durch Einfühlung – diese wurde zu einem „Grundbegriff der heutigen Ästhetik.“(3) Wenig bekannt ist auch, dass Adolf Loos‘ Architekturtheorie in der Psychoanalyse gründet. Aber auch Friedrich Kittler und Richard Neutra – nicht zufällig beide gebürtige Wiener – waren in ihrer Architektur der Psychoanalyse verpflichtet.

Regelmäßig werden in der Architektur Themen der Psychologie angesprochen. Gerade in der Phänomenologie scheint man mit genius loci, Stimmung und Atmosphäre die psychologische Ebene zu berühren. Aber gerade die Phänomenologie will nicht Psychologie sein, sie sucht nicht nach den Gründen, sondern gibt sich mit den reinen Erscheinungen der Dinge, mit den Phänomenen, zufrieden. Alles andere wird als Psychologismus abgetan.

Theorie und Philosophie brechen in der Regel an der Grenze zwischen Innen und Außen ab. So fragen selbst die Gestalttheo­rie und -psychologie nur noch nach den objektiven Ursachen für die Wahrnehmung. Und selbst die Theorien der Atmosphäre, von denen man das noch am ehesten erwarten könnte, schrecken davor zurück, die Grenze zu überschreiten. Die Überbrückung von Exteriorität und Interiorität findet nicht statt, selbst bei der Biennale in Venedig 2012 „Architecture and its Affects“ war mehr von Effekten die Rede.

Es ist eines der großen Missverständnisse unter Architektinnen und Architekten, dass sie die Phänomenologie nicht klar von der Psychologie trennen; dass sie das Phänomen mit den Wirkungen verwechseln – berechtigterweise, so muss man sagen. Denn in der Architektur ist die Erscheinung einer Sache untrennbar mit ihrer psychischen Wirkung verbunden. Das Interesse für die Architekturpsychologie sollte also vorhanden sein.

Die psychologische Forschung hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Aspekte von Person-Umwelt-Wirkung in angrenzenden Feldern wie Sozial-, Erziehungs-, Organisations-, Umweltwissenschaften und anderen Zwei­gen der Psychologie einschließlich der Neurowissenschaften systematisch erforscht. Dennoch gilt es festzustellen, dass diese Untersuchungen nur selten direkt in den architektonischen Entwurfsprozess eingehen.

Trotz der Vorstellung, dass „die Psychologie für die Moderne das ist, was die Pers­pektive für die Renaissance war“(4), bleibt die Architekturpsychologie der blinde Fleck der Architektur. „Wie lange noch?“, könnte man sich fragen, angesichts der wiederholt vorgebrachten Meinung, dass das 21. Jahrhundert das eigentlich psychologische ist.
Diese Ausgabe soll Einblick geben in aktuelle Zusammenhänge, gerade auch, weil heute Architektur und Städte unter dem Einfluss neuer Bedürfnisse im Spannungsfeld von Umwelt-, Tier-, Arbeits- und experimenteller Neuropsychologie stehen. Aus unterschiedlichen Perspektiven sollen Reiz- und Wirkungsweisen von Architektur, Stadt und Umwelt auf die Nutzenden thematisiert werden. Darüber hinaus stellt sich die Frage, wie die allgemeinen, psychologischen Bedingungen sich umgekehrt in der Konzeption von Architektur und Stadt niederschlagen. Welches sind die architektonischen Mittel, wie wirken sie, wie werden sie gemacht?
Jörg H. Gleiter

Prof. Dr.-Ing. habil., M. S. Jörg H. Gleiter, Mitglied des BDA, war von 2005 bis 2012 Professor für Ästhetik an der Fakultät für Design und Künste an der Freien Universität Bozen. Seit 2012 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Architekturtheorie an der TU Berlin. Jörg H. Gleiter ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift, Herausgeber der Buchreihe Architektur-Denken im Transcript Verlag und Mitherausgeber der Internetzeitschrift für Theorie der Architektur Wolkenkuckucksheim.

Anmerkungen
1 Freud, Sigmund: Die Traumdeutung [1900], Bd. 2, Frankfurt a. M. 2000, S. 580.
2 Wölfflin, Heinrich: Prolegomena zu einer Psychologie der Architektur [1886], in: Einfühlung und phänomenologische Reduktion. Grundlagentexte zu Architektur, Design und Kunst, hrsgg. v. Thomas Friedrich u. Jörg H. Gleiter, Münster 2007, S. 71.
3 Lipps, Theodor: Einfühlung und ästhetischer Genuß [1906], in: Aesthetik, hrsgg. v. E. Utitz, Berlin 1923, S. 123.
4 Jarzombek, Mark: The Psychologizing of Modernity, Cambridge 2000, S. 16.

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