kritischer raum

Möglichmacher

Das Hölderlinhaus in Lauffen am Neckar von VON M, Stuttgart, 2017 – 2020

Lauffen am Neckar ist eine beschauliche kleine Stadt. Malerisch gelegen zwischen Weinbergen und kleinteiligen Feldern, topografisch geprägt vom Neckar, dessen historische Schlinge einen ringförmigen Hügel im Norden der Stadt hinterlassen hat. Ein Kinomobil gibt es hier, den Lauffener Kultursommer – und Hölderlin. Der Dichter wurde 1770 hier geboren, der Vater verwaltete die Güter des ehemaligen Dominikanerinnenklosters in landesherrlichem Auftrag. Das Haus, in dem seine Familie wohnte und der kleine Johann Christian Friedrich Hölderlin seine ersten Lebensjahre verbrachte, stand noch, als die Gemeinde entschied, zum 250. Geburtstags des Dichters, das vorhandene Museum neu zu konzipieren und zu erweitern.

Das Team von strebewerk – Architekten und Bauforscher – haben das denkmalgeschützte Wohnhaus analysiert und in enger Zusammenarbeit mit der Restauratorin Julia Feldtkeller ein Instandsetzungskonzept erarbeitet, das das Haus als eines von mehreren Exponaten einer Hölderlin-Ausstellung in Szene setzt. Das Stuttgarter Architekturbüro VON M übernahm den Altbau ab Leistungsphase vier und schloss eine disziplinübergreifende Arbeit an, die von der Sanierung des Bestandsgebäudes über seine Ergänzung durch Neubauten und die Gestaltung der Ausstellung reicht.

Von der überraschend stark befahrenen Nordheimer Straße aus zeigt sich das Haus als sensibel sanierter Altbau mit dreiachsigem Aufbau. Die breitere Mittelachse wird durch einen dreifenstrigen Schaugiebel betont, im Erdgeschoss springt der ehemalige Haupteingang so aus der Achse, dass er genau die Mitte von vier Fenstern bildet. Ein Garagenbauwerk aus der Nachkriegszeit wurde von den Architekten als Zweckbau mit kannelierter Sichtbetonfassade ersetzt, der die für den Museumsbetrieb notwendige Technik aufnimmt und stadträumlich als adressbildendes Element wirksam ist.

VON M, Hölderlinhaus, Lauffen am Neckar 2017 – 2020, Foto: Zooey Braun

Unweit des Hauses befindet sich der ehemalige Klosterhof, Grund- und Befestigungsmauern der Klosteranlage sind auch auf dem Grundstück erhalten und bilden nun die westliche Einfriedung des neu geschaffenen Hofs, um den Matthias Siegert, Dennis Müller und ihr Team vom Büro VON M das neue Museum als ein Ensemble verschiedener Bauteile unterschiedlicher Zeitschichten gruppieren.
Durch das ehemalige Hoftor erreicht man den von einem Baum bestandenen Hof, dessen Pflasterung den Rhythmus der Neubauten in den Außenraum trägt und so mit dem Bestand in Beziehung treten lässt. Die einst rückwärtige Scheune mit ihrer frühneuzeitlichen Fachwerkkonstruktion bildet den Auftakt eines Rundgangs mit Info­tresen, Kasse und Garderobe.

VON M, Hölderlinhaus, Lauffen am Neckar 2017 – 2020, Foto: Zooey Braun

VON M lassen die konstruktiv wirksamen Bauteile nachvollziehbar erscheinen, der bis unter das Dach reichende Raum wird durch zwei asymmetrisch aus der Gebäudeachse geschwenkte Stege gequert und von abgehängten Leuchtschriften erhellt. Einem Rundgang folgt man durch den Altbau: die Räume der kleinen Ausstellung sind nach einer medial bespielten räumlichen Schwelle im Erdgeschoss in den beiden Obergeschossen nacheinander der Hölderlin-Familie, der Persönlichkeit, dem Dichter und seiner Weltsicht gewidmet. Den Abschluss unterm Dach bildet eine Art immersiver Ausblick, in dem Besucherinnen in einer Soundwolke in die Lyrik des Dichters eintauchen können. VON M haben jedem Thema eigene Ausstellungsmöbel gewidmet, die eigens dafür und mit viel Gespür entworfen wurden. Eine ebenfalls vom Büro fein gestaltete Signaletik sorgt für Orientierung im Haus und hält die Schau grafisch zusammen. Immer wieder tauchen Fenster in die Vergangenheit des Hauses auf: An den unterschiedlichsten Stellen wurden während der Sanierung verschiedene Zeitschichten freigelegt und konserviert, sodass Tapeten, Wandmalereien und Putze aus nahezu allen Epochen des Gebäudes wie Ausstellungsstücke in Szene gesetzt sind. Gemeinsam mit der Farbgebung, den die Heizungen überdeckenden Sitzgelegenheiten und der individuellen Ausstellungsarchitektur ergibt all dies spannungsvolle wie atmosphärisch homogene Räume.

Dem Rundgang folgend durchquert man über den oberen der beiden Stege erneut die alte Scheune. Von hier oben entfaltet die Hängung der Neonröhrenschriftzüge ihren ganzen Reiz: „lebenatmend“, „heiligtrauernd“ und derlei mehr Wortschöpfungen Hölderlins sind da zu lesen. Auch im Vergleich zur Feinheit dieser Leuchtelemente ist das folgende Erschließungsbauwerk überraschend grob gearbeitet. Der durchgehend betonierte Gebäudeteil setzt im Äußeren die unmittelbar angrenzenden Baulinien nur teilweise fort, was aufgrund der Vielwinkligkeit der alten Scheune zu einer spannungsvollen Gesamtfigur mit den Zeitschichten entsprechenden Materialwechseln führt.

Das kleine Treppenhaus mit zentralem Aufzug ist der neue Verteiler des Museums und macht über eine im Osten gelegene Rampe entlang des Altbaus einen barrierefreien Zugang möglich. Im ersten Stock täuscht der Rundgang einen Austritt auf das Dach des neuen Mehrzweckraums an, der das Grundstück hangseitig beschließt. Das enge Budget aber verhinderte diese räumlich logische und funktional wohl hilfreich ergänzende Terrasse.

VON M, Hölderlinhaus, Lauffen am Neckar 2017 – 2020, Foto: Zooey Braun

Der eingeschossige Neubau gräbt sich teilweise in den nördlichen Hang ein. Ihm ist anzumerken, dass er durch die Vielschichtigkeit der Zwecke als eine Art räumliche Wollmilchsau herhalten muss. Veranstaltungen, Wechselausstellungen, Feste, Tagungen, Empfänge – all das sollte dem Raumprogramm der Ausschreibung folgend hier stattfinden. Entsprechend weniger atmosphärisch ist er im Vergleich zu den anderen Innenräumen gestaltet. VON M haben das Beste herausgeholt und den Betonbau mit einer wärmenden Holzschale ausgekleidet, die ein Thekenmöbel ebenso integriert wie Schallschutz, Technik, Medienleitungen und Abstellmöglichkeiten. Seine Fensterfront aber öffnet sich in voller Breite zum Hof und rahmt den Blick auf die unterschiedlichen Teile dieses vielschichtigen Ensembles ganz vortrefflich.

All die Mühe, die das Unterfangen des Hanges und die langwierigen archäologischen Arbeiten gemacht haben müssen, sind hier nicht mehr spürbar. Das zur Verfügung stehende Grundstück ist bis auf das Maximum ausgereizt und dennoch nicht zur Gänze ausgegossen, sondern mit spielerischer Leichtigkeit zu einem souveränen Zusammenspiel vieler Bauteile gefügt, die ihre sinnstiftende Vollendung erfahren, wenn hier wieder Gemeinschaft gelebt werden kann.
David Kasparek

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