Riklef Rambow über das Verhältnis zwischen Architektur und Psychologie

Ungleiches Paar

Prof. Dr. Riklef Rambow (*1964) studierte Psychologie in Bielefeld und New Orleans / Louisiana. Nach dem Diplom 1992 war er im Bereich der Pädagogischen Psychologie an den Universitäten Frankfurt / Main (1992 – 1995) und Münster / Westfalen (1995 – 2001) beschäftigt. An der Universität Frankfurt wurde er 1999 mit einer Arbeit über „Experten-Laien-Kommunikation in der Architektur“ zum Dr. phil. nat. promoviert. Von 2001 bis 2012 arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Gastprofessor und Lehrstuhlvertreter am Lehrstuhl Theorie der Architektur der BTU Cottbus. Dort baute er gemeinsam mit Prof. Eduard Führ ab 2005 den Masterstudiengang „Architekturvermittlung“ auf und leitete ihn bis 2012. Im Oktober 2009 wurde er auf die Wüstenrot Stiftungsprofessur für Architekturkommunikation am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) berufen und leitet seitdem das gleichnamige Fachgebiet. Eine erneute Berufung erfolgte 2015, nachdem die Professur vom KIT übernommen wurde. In den Jahren 2014/15 bekleidete Riklef Rambow eine Gastprofessur für „Architekturpsychologie“ an der RWTH Aachen. Seit 1997 führt Riklef Rambow gemeinsam mit Nicola Moczek das Forschungs- und Beratungsbüro PSY:PLAN Institut für Architektur- und Umweltpsychologie, zunächst in Frankfurt am Main, seit 2001 in Berlin. Das Gespräch führte Elina Potratz.

Elina Potratz: Herr Rambow, Sie haben in einem Artikel von 2003 geschrieben, dass das Verhältnis zwischen Architektur und Psychologie ohne Übertreibung als schwierig zu beschreiben ist. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen den Disziplinen heute charakterisieren?
Riklef Rambow: Die Psychologie, zumindest in ihrer wissenschaftlichen Variante, geht analytisch vor, das heißt, vom Großen ins Kleine, nach einem naturwissenschaftlichen Erkenntnismodell. Sie nutzt Experimente und andere empirische Methoden, und entwickelt ihre Theorien im stetigen Abgleich mit den Forschungsergebnissen. Die Architektur hingegen geht synthetisch vor, sie möchte Lösungen für konkrete Situationen schaffen, und tut das im Wesentlichen mit der Methode des Entwerfens. In einer begrenzten Zeit muss dabei ein komplexes Gebäude oder eine andere Lösung für ein Planungsproblem entstehen, meistens unter hohem ökonomischem Druck. Diese unterschiedlichen Erkenntnisinteressen führen auch zu unterschiedlichen Denkweisen und Problemwahrnehmungen. Die Psychologie erlaubt sich den Luxus, erst einmal viele Fragen aufzuwerfen, Probleme zu zerlegen, Begriffe zu definieren, auf Unschärfen und Unsicherheiten hinzuweisen. Die mögliche Lösung steht dabei zunächst nicht im Vordergrund.

Widerspricht das wissenschaftliche Fragmentieren dem gesamtheitlichen Anspruch, den Architektinnen und Architekten meistens haben?
Genau, und deshalb kann Beratungsleistung durch die Psychologie im schlechtesten Fall wie eine Störung wahrgenommen werden, die – überspitzt gesagt – einen Haufen neue Probleme schafft. Aber das muss nicht so sein.

Foto: Riklef Rambow

Foto: Riklef Rambow

Wie sind Architektur und Psychologie überhaupt zusammengekommen?
So richtig Schwung bekommen hat die Architekturpsychologie in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren in Reaktion auf die Krise des sogenannten Bauwirtschaftsfunktionalismus, also der internationalen Nachkriegsmoderne. Das verbindet die Architekturpsychologie mit der postmodernen Bewegung. Die Sprengung von Pruitt-Igoe, dem sozialen Wohnungsbau in St. Louis, die Charles Jencks als den Gründungsmythos der Postmoderne inszeniert hat, erfüllt diese Rolle auch in den meisten Lehrbüchern der Architekturpsychologie. Die Geschichte geht, stark vereinfacht, so: Die Menschen waren unzufrieden mit der technokratischen, ausschließlich top down gedachten Planung nach den Prinzipien des funktionalistischen Städtebaus; die neuen Großsiedlungen scheiterten, wurden zu sozialen Brennpunkten und mussten gesprengt werden. Die Vermutung lag nahe, dass der Grund für dieses Scheitern darin lag, dass wesentliche psychologische und soziale Bedürfnisse unberücksichtigt blieben, also suchte man die Unterstützung der Sozial- und Verhaltenswissenschaften.

Psychologie und Soziologie wurden also eher beratend hinzugezogen?
Ja, aber durchaus auf Augenhöhe. Es schien offensichtlich, dass politische Probleme etwas mit der gebauten Umwelt zu tun hatten, mit Größe und Typologie von Gebäuden, mit der Freiraumgestaltung, mit der Funktionstrennung und der autogerechten Verkehrsplanung. Und so gab es in den 1970er, 1980er Jahren international, ausgehend von den USA und England, einen Boom an architekturpsychologischer Forschung. Dabei mussten auch in der Psychologie und der Soziologie erst Kompetenzen aufgebaut werden, denn dort hatte man sich bis dato nur wenig mit solchen Fragen beschäftigt. Aber das wurde mit viel Enthusiasmus und Mut zur Interdisziplinarität in Angriff genommen. Die meisten Theorien, die noch heute maßgeblich sind, entstanden in diesen Jahren.

Foto: Riklef Rambow

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Aber eine wirkliche Institutionalisierung der Architekturpsychologie hat nicht stattgefunden?
Zu Beginn durchaus. Es wurden Fachgesellschaften gegründet, Zeitschriften entstanden, und auch die ein oder andere akademische Stelle wurde den neuen Teildisziplinen gewidmet. Von heute aus muss man zumindest für den deutschsprachigen Raum aber feststellen, dass diese Entwicklung leider nicht nachhaltig war. Heute haben wir eine Situation, wo ich jungen Studierenden, die sich für Architekturpsychologie interessieren, weder eine Hochschule nennen kann, an der man fundiert darin ausgebildet wird, noch mit gutem Gewissen zuraten kann, eine Karriere in diesem Bereich anzustreben. Man benötigt viel Eigeninitiative und Mut zum Risiko, um den Weg in die Architekturpsychologie zu gehen. Das ist natürlich ein Riesenproblem, weil dadurch auch das Fach nicht vorankommt, viel Kreativität und gute Ideen gar nicht zur Entfaltung kommen können.

Foto: Riklef Rambow

Foto: Riklef Rambow

Was ist der Grund für das fehlende Interesse? Gibt es eine Angst bei Architektinnen und Architekten, dass eine Art Verwissenschaftlichung ihres Bereichs stattfindet? Man siedelt die Architektur vielleicht lieber in der Nähe der Kunst an und ist besorgt, dass in der Architekturpsychologie versucht wird, etwas in nackte, kalte Zahlen zu fassen, das Architektinnen und Architekten eigentlich aus ihrem Wissen und ihrer Intuition heraus beherrschen?
Das ist sicherlich ein Grund. Ob man das jetzt als irrationale Angst bezeichnet oder als berechtigte Ablehnung, sei dahingestellt. Tatsächlich habe ich selber bei Vorträgen oder Symposien von Architektinnen und Architekten der entsprechenden Generation oft den Satz gehört „Das hatten wir doch alles schon in den siebziger Jahren.“ Wenn man damals Diplom gemacht hat, habe man – so wurde es zumindest kolportiert – nicht mehr zeichnen und entwerfen gelernt, sondern dicke Ordner mit Zahlen, Tabellen und Berechnungen produziert; was unter dem Strich aber keineswegs zu einer Verbesserung der Situation geführt habe. Also insofern ein klares Ja: Verwissenschaftlichung oder Versozialwissenschaftlichung der Architektur ist sicherlich keine positiv besetzte Vorstellung.

Und ist die Skepsis gegenüber einer „Versozialwissenschaftlichung“ begründet?
Sie ist zumindest nicht völlig unbegründet. Denn vieles, was damals produziert wurde, hat zwar interessante Erkenntnisse hervorgebracht, aber diese waren häufig mit überhöhten Ansprüchen verbunden und zudem in einen Wust von Fachsprache und Detail­erkenntnissen verpackt. Es gab da definitiv ein gewaltiges Kommunikationsproblem. Das wurde aber auch erkannt und zumindest teilweise bewältigt. Heute gibt es Strategien der Zusammenarbeit, die nichts mehr „verwissenschaftlichen“ wollen, sondern viel stärker auf pragmatische, themenspezifische Unterstützung setzen.

Hat die Psychologie die beratende Funktion, von der wir ja eben gesprochen haben, mitunter nicht erfüllt, weil sie nicht gut konsumierbar und anwendbar war?
Man muss bedenken, dass die Anforderungen der Architekturpsychologinnen, die versucht haben, anwendungsorientierte Forschung zu machen, ja auch den Kriterien ihres eigenen Faches Genüge leisten mussten, zumindest in der Forschungsarbeit selbst. Und dann kommen schwer konsumierbare und komplizierte Untersuchungen dabei heraus. Zudem muss man immer wieder sagen, dass kein Psychologe, keine Psychologin am Ende einer Forschungsarbeit sagen kann: „So muss Architektur aussehen.“ Forschung besteht in der Psychologie, wie in jedem anderen Fach auch, immer aus einer Vielzahl von aufeinander aufbauenden Untersuchungen und Studien.

Foto: Riklef Rambow

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Wie findet man eine Lösung für diese unterschiedlichen Ansprüche, die einerseits die wissenschaftliche Welt und andererseits die Architekturschaffenden an Architekturpsychologinnen und -psychologen stellen?
Das geht nur, indem es beides gibt: Forschende an Universitäten, die neues Wissen produzieren, und eine professionelle Gruppe von Anwendenden, die auf der Grundlage einer fundierten wissenschaftlichen Ausbildung dieses Wissen auf realweltliche Probleme übertragen. Das heißt, sie müssen die Perspektive der Architektinnen und Architekten kennen und sozusagen ihre Sprache sprechen. Genauso läuft es erfolgreich in anderen Anwendungsfeldern der Psychologie, etwa der klinischen Psychologie oder der Arbeits- und Organisationspsychologie. Das Problem in der Architekturpsychologie ist, dass es in beiden Bereichen, Forschung und Anwendung, zu wenige Leute gibt, und dass die Nachfrage nach architekturpsychologischen Leistungen nicht konstant genug ist. Mir ist es beispielsweise in 30 Jahren Tätigkeit als Architekturpsychologe noch nie gelungen, einen Auftrag von einem Architekturbüro zu bekommen. Die Aufträge kamen immer von der Bauherrenseite.

Kann man in gewisser Weise verallgemeinern, dass sich die Architekturpsychologie, vielleicht stärker als die Architektur an sich, der Nutzenden- und Laienperspektive widmet?
Auf jeden Fall. Was die Architekturpsychologie für die Architektur leisten kann, ist eine systematischere Berücksichtigung der Nutzenden-Perspektive: wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, wie sie mit ihrer Umwelt interagieren, welche Bedürfnisse sie haben. Wir können das auf der Grundlage bewährter allgemeinpsychologischer Theorien bestimmen und auf spezifische räumliche Konstellationen übertragen. Das heißt nicht, dass wir genau wissen, wie ein Gebäude gestaltet sein muss, aber es ermöglicht, blinde Flecken und Versäumnisse zu erkennen, Probleme zu antizipieren und Hinweise zu geben, worüber man vielleicht noch einmal nachdenken sollte. Die Psychologie kann den Nutzenden dabei eine starke Stimme geben, weil sie ein sehr systematisches Modell der Person zur Verfügung hat, das Wahrnehmung, Verhalten, Kognition, Emotion, Motivation, Kommunikation in gleichem Maße berücksichtigt. Zusätzlich gibt es in der Psychologie natürlich auch viel Wissen über die besonderen Bedürfnisse spezifischer Gruppen oder von Personen in kritischen Situationen, das beispielsweise bei der Planung von Krankenhäusern, Hospizen, Kindertagesstätten oder Altenheimen zum Einsatz kommen kann.

Foto: Riklef Rambow

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Wie kann man die Bedürfnisse und Erwartungen von Architektinnen und Psychologen zusammenbringen? Und wie kann man Studierenden das Thema nahebringen?
Ich kann da nur für mich sprechen. In den zwanzig Jahren, die ich mittlerweile an Architekturfakultäten lehre, habe ich mich immer weiter von einem klassischen Lehrbuchansatz entfernt. Ich versuche also nicht, einen systematischen Überblick über Theorien, Erkenntnisse und Methoden der Architekturpsychologie zu geben, sondern, wenn möglich, architekturpsychologisches Wissen und eine architekturpsychologische Denkweise an konkrete Entwurfsaufgaben anzukoppeln und damit auch immer an konkreten Themen zu arbeiten. Das klappt am besten in der Rolle als Zweitbetreuer bei Masterarbeiten. Es klappt aber auch bei thematischen Seminaren, wo es keine konkrete Entwurfsaufgabe gibt, wo ich aber durchaus deutlich machen kann, wie bestimmte Erkenntnisse beim Entwurf berücksichtigt werden könnten. In gewisser Weise versuche ich also, eine professionelle Beratungsbeziehung, so wie ich sie eben skizziert habe, zu simulieren oder vorzuleben. Im Erleben der meisten Studierenden ist der Entwurf ja absolut zentral, alle anderen Fächer sind darum herum gruppiert und werden bewusst oder unbewusst danach bewertet, ob sie hilfreich dafür sind, bessere Entwurfsergebnisse zu erzielen. Es wäre sinnlos oder fahrlässig, dem entgegenwirken zu wollen, oder zum Beispiel Erkenntnisse zu vermitteln, die im offenen Gegensatz zu dem stehen, was in den Entwurfsfächern gelehrt wird. Das heißt nicht, dass Architekturpsychologie nicht auch kritisch auf architektonische Lösungen schauen darf, ganz im Gegenteil. Aber mir geht es eher darum, ein Bewusstsein für die Unterschiedlichkeit der Perspektiven zu schaffen und damit das Spektrum der Möglichkeiten zu erweitern. Und vor allem möchte ich fördern, dass Alternativen erkannt und Entscheidungen explizit begründet werden.

Werden die Studierenden dabei mit architekturpsychologischen Studien in Kontakt gebracht?
In einem gewissen Rahmen schon, aber eher exemplarisch, also um einen Einblick zu geben, wie Architekturpsychologie vorgeht, welche Methoden verwendet werden und auch, wie man solche Studien lesen und interpretieren kann und welche Grenzen dabei zu beachten sind. In den meisten Fällen verzichte ich auf die Verwendung von Originalstudien und übernehme die Aufgabe der Rezeption, Selektion und Interpretation von Forschungsergebnissen selbst. Das hat mehrere Gründe: Zum einen ist die Zeit sehr knapp, die ich überhaupt zur Verfügung habe, um mit den Studierenden zu arbeiten. Die wäre verschwendet, wenn sie sich durch hundert Seiten psychologischen Fachtext arbeiten müssten. Zum zweiten passen die vorhandenen Originalstudien selten genau zu der jeweiligen Aufgabe und, was noch gravierender ist, nur ganz wenige Studien arbeiten mit Objekten, die als architektonisch relevant wahrgenommen werden. Ich werde keine Studien verwenden, die zeigen, dass ein Zimmerspringbrunnen und ein hellgelber Wandanstrich zu einer messbaren Steigerung des Wohlgefühls geführt haben, selbst wenn es sich dabei um eine seriös angelegte und durchgeführte Untersuchung handelt. Die Empfehlungen der Architekturpsychologie müssen sich innerhalb des jeweils zulässigen architektonischen Vokabulars bewegen oder in dieses übersetzbar sein.

Foto: Riklef Rambow

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Muss man hier vorbeugen, damit nicht der Eindruck entsteht, dass die Architekturpsychologie den Architektinnen traditionalistische oder ornamentale Formen aufzwingen will, weil die Menschen das angeblich so wollen?
Ja, das ist ein erhebliches Problem für die Architekturpsychologie. Psychologie ist auf den ersten Blick per definitionem populistisch: Sie ermittelt auf empirischem Wege, was durchschnittliche Menschen brauchen, schön finden und so weiter. Für die Architektur hingegen ist es – etwas überspitzt gesagt – konstitutiv, dass sie der Überzeugung ist, dass 90 Prozent der Menschen eigentlich nicht wissen, was gut für sie ist. Früher hätte man gesagt, dass sie ein falsches Bewusstsein haben. Sonst gäbe es ja nicht überall diese öden Einfamilienhausgebiete und all die anderen Verirrungen und Verwüstungen. Diese scheinbaren Widersprüche aufzulösen, ist eine Daueraufgabe. Ich kann an dieser Stelle nur sagen, dass ich es grundsätzlich für möglich halte. Aber es ist harte Arbeit, hat mit Respekt und Kommunikation zu tun und setzt voraus, dass alle Seiten bereit sind, ihre Positionen immer wieder selbstkritisch zu hinterfragen.

Gibt es denn noch andere Wege, um Erkenntnisse der Psychologie und gebaute Architektur zusammenzubringen?
Ein Ansatz, der über Jahrzehnte vonseiten der Architekturpsychologie als potenzielles Anwendungsangebot für die Architektur beworben wurde, ist die sogenannte Post Occupancy Evaluation – also eine systematische Bewertung von Gebäuden nach deren Inbetriebnahme. Der Gedanke ist, dass man viel über Architektur lernen kann, wenn man sich anschaut, wie sie sich im Gebrauch bewährt. Gebrauch ist hier ganz umfassend gemeint, von der ästhetischen Wahrnehmung bis zum Energieverbrauch, vom individuellen Wohlfühlen bis zur Möblierung, von der Orientierung im Gebäude bis zur Kommunikation. Tatsächlich hat sich dieser Ansatz in der Praxis aber nie wirklich durchsetzen können. Das ist sehr schade, denn es gibt fundierte und gut ausgearbeitete Methoden dafür und Beispiele aus dem akademischen Bereich zeigen, dass sie auch gut funktionieren. Eine seriöse Evaluation erfordert aber natürlich einen gewissen Aufwand und ihrer Integration in die üblichen Planungsprozesse stehen offensichtlich einige Hürden entgegen.

Foto: Riklef Rambow

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Was ist, wenn es um Nachhaltigkeit von Gebäuden geht? In vielen Fällen ist es ja so, dass die Realität der Nutzenden an geplanten Energiekonzepten vorbeigeht. Wie wichtig ist Psychologie im Hinblick auf ökologische Lebensweisen und nachhaltigere Energiekonzepte?
Tatsächlich gibt es einige Studien, bei denen man etwa Passivhausprojekte evaluiert und festgestellt hat, dass sich das reale von dem vorgesehenen Nutzendenverhalten unterscheidet. Es gibt Rebound-Effekte, oder das Lüftungsregime wird nicht richtig eingehalten, sodass unterm Strich womöglich sogar noch mehr Energie als in einem normalen Haus verbraucht wird. Hier kann die Psychologie durch detaillierte Studien und handlungstheoretische Ansätze viel zur Aufklärung beitragen: Liegt es daran, dass die Architektur bestimmte Bedürfnisse nicht erfüllt – also etwa, dass es zu lange dauert, um Frischluft zu bekommen – oder gibt es Kompetenzdefizite? Müsste man also bessere Gebrauchsanweisungen geben oder Schulungen zur Benutzung von solchen Gebäuden durchführen? Und wenn ja, wie kann man das machen, ohne dass die Leute sich gegängelt vorkommen? Außerdem gibt es viel Forschung zu unterstützenden Technologien. Wie kann man Rückkopplungsmechanismen schaffen, die Folgen des eigenen Handelns möglichst unmittelbar erfahr- und begreifbar machen? Es gibt zahlreiche Ansätze dazu, wie die Lücke zwischen Wissen und Handeln überbrückt werden kann, also das als „richtig“ erkannte Verhalten beim Gebrauch eines Gebäudes im Alltag gelebt werden kann.

Seit einigen Jahren geistert der Begriff des „Nudging“ durch die Populärmedien: Also ein durch Gestaltung erzeugtes „Stubsen“ von Menschen hin zu erwünschten Verhaltensweisen. Damit geht auch die Befürchtung einher, dass Gestaltung manipulativ eingesetzt wird. Halten Sie das für berechtigt?
Das Konzept „Nudging“ wird durchaus auch in der Fachcommunity diskutiert. Im Prinzip kann es, wie alle psychologisch fundierten Techniken der Verhaltensbeeinflussung, auch manipulativ eingesetzt werden. Verglichen mit dem Ausmaß an Manipulation, dem wir etwa in den sozialen Medien ausgesetzt sind, sind die Möglichkeiten räumlicher Gestaltung aber verschwindend gering. Gleichwohl ist die Vereinbarung und Einhaltung ethischer Standards in der Architekturpsychologie ein wichtiges Thema, das, wie in allen Berufen, vor allem über die Zugehörigkeit zu Verbänden und Fachgesellschaften reguliert wird.

Psychologische Themen können auch auf einer eher kulturtheoretischen Ebene auf die Architektur übertragen werden. Wenn es beispielsweise darum geht, ob bestimmte gesellschaftliche Strömungen oder Geisteshaltungen zu bestimmter Architektur führen – diese Debatten gibt es ja seit dem 19. Jahrhundert. In welchem Verhältnis stehen solche Ansätze zu empirischen Ansätzen?
Das ist leider nicht so einfach zu beantworten. Es ist eine Tatsache, dass die Psychologie als akademische Disziplin fast ausschließlich empirisch arbeitet und ihre Theorien einem kognitiv-verhaltenswissenschaftlichen Modell folgen. Es gibt daneben aber viele andere Denkgebäude oder Denkschulen, die man ebenfalls als psychologisch klassifizieren kann oder die von außen so gesehen werden, weil sie Aussagen über menschliches Erleben und Verhalten machen. Allen voran die Psychoanalyse im Sinne von Freud und ihre vielen Spielarten, aber auch philosophische Theorien, beispielsweise aus dem phänomenologischen Spektrum wie bei Bollnow, Heidegger oder Bachelard. Solche Theorien sind nicht oder nur sehr punktuell mit der empirischen Psychologie vereinbar. Sie hatten und haben für Architektinnen und Architekten aber eine hohe Attraktivität, weil sie als „tiefer“, umfassender und auch geheimnisvoller wahrgenommen werden und weil sie Aussagen zum Wesen der Dinge machen. Die Psychologie bleibt aufgrund ihrer Bindung an die Empirie nüchterner, vorsichtiger und scheinbar oberflächlicher. Dass genau darin ihre große Stärke liegt, ist nicht immer leicht zu vermitteln.

Titelfoto: Riklef Rambow

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