Günter Pfeifer

Ein Glücksfall

Strategie I: Architektur und Kybernetik

Kargheit und Reduktion gehören nicht unbedingt zum Erscheinungsbild katholischer  Kirchenbauten. Die Gemeinde der St. Augustinus Kirche in Heilbronn hat jahrzehntelang aus dem Mangel eine erträgliche Tugend gemacht. Der schmucklose Innenraum mit den einfachen Stahlbetonbindern und den verputzten Wänden stand gleichsam für Demut und Bescheidenheit.

Doch im Jahre 2004 entschloss man sich, das Erbe der Kriegsbeschädigung endgültig loszuwerden und schrieb für eine Neugestaltung des Inneren einen Architektenwettbewerb aus. Das Erbe wiegt schwer. Hans Herkommer hat mit seiner expressionistischen Architektur Geschichte geschrieben; viele seiner Bauten stehen heute unter Denkmalschutz. Die Fotografie des Innenraums aus dem Jahre 1926 zeigt eine hölzerne Spitztonnenform, ein netzartiges Flächengebilde. Das für seine Zeit fortschrittliche hölzerne Zollinger Fachwerk, um 1922 entwickelt, spiegelt einerseits den Willen zur Sparsamkeit und Typisierung, andererseits aber auch eine Natursehnsucht, die man im Bild eines Blätterdaches mit einem hölzernen Gotteshaus darstellen wollte. Zweifellos mag dieser Raum eine spirituell symbolische Magie ausgestrahlt haben. Die neue Innenschale stellte deshalb hohe Erwartungen an eine adäquate neue Architektur.

Auffallend war die unterschiedliche Behandlung der Außenwände, die die axiale Ausrichtung des Raums störten. Während man die großen, nach Nordwesten ausgerichteten Fenster belassen hatte, wurden die nach Südosten ausgerichteten Fenster wegen des hohen Solareintrags zugemauert. Ein Frevel, wie mir schien. Doch die sommerliche Hitze im Raum muss unerträglich gewesen sein. In der kalten Jahreszeit hingegen beklagte die Gemeinde die eisige Kälte, die trotz der üblichen elektrischen „Wadenwärmer“ nicht besser werden wollte. Darüber hinaus war der Gottesdienstraum unter der großen Empore zu einem Niemandsland geworden und wollte sich nur an den hohen Kirchenfesttagen mit Gläubigen füllen.

Daraus resultierten also mehrere Anforderungen an die Aufgabe: erst einmal die liturgischen Verbesserungen mit der Absenkung des Altarraums auf eine Drei-Stufen-Höhe, um diesen Raum näher an die Gemeinde zu bringen; zweitens einen Andachtsraum zu schaffen, der als Haus im Haus einer kleinen Versammlung angemessene Spiritualität gewährt; drittens die Lösung der energetischen Probleme, einfacher gesagt: die Suche nach einer wirtschaftlichen Lösung für ein angemessenes Raumklima – und das zu jeder Jahreszeit.

Foto: Ruedi Walti

Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti

Das Zick-Zack-System
Denkt man die Dinge pragmatisch, liegt die Lösung auf der Hand: Der große Solareintrag lässt sich gut nutzen, wenn man eine Methode findet, die fünf energetischen Eigenschaften – Sammeln, Verteilen, Speichern, Entladen und Schützen – so anzuwenden, dass sie sich in ihrer Wirkung interdependent ergänzen.

Das Dachtragwerk aus Stahlbetonbindern – übrigens erstaunlicherweise vor Ort geschalt und gegossen – wollten wir nicht belasten. Die Dämmstärke der Dachdeckung, vermutlich sechs Zentimeter, wollten wir ebenso wenig anrühren und eine Um- oder Neudeckung des Daches vermeiden. Resultat dieser Überlegungen war eine freitragende Innenschale, die leicht und lichtdurchlässig sein sollte und überdies über einen U-Wert verfügte, der eine zusätzliche dynamische Dämmung unterstützen musste.

Für das Tragwerk der Innenschale haben wir Dietger Weischede, den ehemaligen Kollegen der TU Darmstadt auf dem Fachgebiet Tragwerksentwicklung, gewinnen können. Das von ihm entwickelte Zick-Zack-System besteht aus gleich langen Stäben und einem einfachen handwerklich hergestellten Knoten. Das Verblüffende war die Einfachheit dieser Methode, die auch die ähnliche Spitzbogenform ergab, wie sie Hans Herkommer mit dem Holzfachwerk erzielte. Die transluzenten Polycarbonatplatten hinter dem Raumtragwerk wurden mit dem Knoten direkt verschraubt.

Foto: Ruedi Walti

Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti

Das 60 Zentimeter breite und 25 Millimeter starke Multifunktionspaneel erwies sich montagetechnisch als besonders ideal. Um eine sichere Kostenkalkulation zu erzielen, wurde in einem stahlverarbeitenden Handwerksbetrieb ein Modell im Maßstab 1:1 gefertigt. Trotz genauer Vorkalkulation ergab die Ausschreibung eine dreifache Überschreitung des Budgets. Mit einer weiteren Optimierung des Tragwerks über eine erhebliche Ausdünnung der Knotenanzahl, einem Auseinanderziehen des Netzes sowie einer Umplanung der Empore und der Werktagskapelle wurde das geplante Kostenziel erreicht.

Das energetische Konzept beruhte zunächst auf einer thermodynamischen Simulation des Büros Delzer Kybernetik Lörrach. Die Pfeil & Koch Ingenieurgesellschaft Stuttgart wurde mit der technischen Umsetzung des Energiekonzepts beauftragt. Das Gesamtkonzept beruht auf der passiven Nutzung der solaren Energien, die wir aus der Sonneneinstrahlung, vor allem auf der Südostseite der Kirche, beziehen. Aus diesem Grund haben wir die vormals zugemauerten Kirchenfenster wieder geöffnet. Die äußere Verglasung ist mit gesteuerten Zuluftöffnungen kombiniert, die in das gesamte technische Konzept integriert sind. Die Wärmestrahlung durch den Solareintrag bildet mit dem Luftpolster zwischen altem Dach und neuer Innenschale eine dynamische Dämmung. Die erwärmte Luft wird in einer Umluftanlage aufbereitet und hinter der Innenraumschale  in den Kirchenraum befördert. Der restliche Wärmebedarf wird über eine Fußbodenheizung und eine Heizungsunterstützung in der unteren Wandschale unterstützt. Im Sommer wird das Zuviel an Wärme über die Umluftanlage abgeführt. Bei Nichtbenutzung der Kirche wird bei Solareintrag der Umluftbetrieb geschaltet, so dass eine konstante Luftfeuchtigkeit und eine Mindesttemperatur von acht Grad gehalten werden können. Im Kreislauf werden die sogenannten Prozess-energien durch die Nutzung während der Gottesdienste integriert.

Foto: Ruedi Walti

Pfeifer Kuhn Architekten BDA, St. Augustinus, Heilbronn 2004 – 2008; Foto: Ruedi Walti

Das Phänomen des Innenraums
Mit der technischen Leistungsfähigkeit der neuen Raumschale lässt sich die spirituelle und empfundene Wirklichkeit nicht beschreiben. Ebenso wenig wie die theoretische Betrachtung über eine angemessene und sinnverwandte Transformation der ehemals eingestellten Holzkonstruktion von Hans Herkommer. Letztlich reicht sogar die geglückte Kombination von energetischer Ertüchtigung mit passiver solarer Unterstützung und konstruktiver Ingenieurintelligenz nicht aus, um das Phänomen des neuen Innenraums zu erklären. Die leicht glänzende Oberfläche der Schale schafft vielfältige Lichtbrechungen, Spiegelungen und Reflexionen. So finden wir die farbige Rosette des Westgiebels in mehrfach gebrochener Form sich bis weit in den Kirchenraum hinein bewegend, unserer Aufmerksamkeit folgend. Gleiches geschieht mit dem Kirchenfenster des Chors, das sich ebenfalls bei entsprechendem Licht in mannigfaltigen Bildern in der Sphäre der Raumschale widerspiegelt.

Im Gegensatz zum lichten Raumwerk wurden andererseits die Materialien des Bodens in dunklem Naturstein gewählt, das Gestühl in Stahl und grau gebeiztem Holz. So ist eine einfache visuelle Dialektik aufgemacht: oben der lichte Himmel, unten die dunkle Erde. Dieses einfache konfuzianische Prinzip mag die neue Faszination des Sakralraums mitgeprägt haben. Dass dies alles wachsen und entstehen konnte, ist nicht nur der transdisziplinären Arbeit mit den Fachingenieuren geschuldet, sondern vor allem einem sorgfältigen Interaktionsprozess mit allen Beteiligten – der Bauherrschaft samt dem eigens geschaffenen Bauausschuss mit Mitgliedern des Kirchengemeinderates, dem Pfarrer und dem Bischöflichen Bauamt der Diözese Rottenburg.

Die Jury, die dieser Arbeit den Hugo-Häring-Preis 2012 des Landes Baden-Württemberg zuerkannt hat, schrieb unter anderem: „Die transluzente Schicht aus Polycarbonatplatten, eine feinst ausdetaillierte stählerne sichtbare Raumfachwerkkonstruktion erzeugen mit einem ausgeklügelten Energiekonzept den Gesamteindruck eines ganzheitlich gedachten, zukunftsfähigen Sakralraums, welcher in Raumbildung, Lichtführung und Maßnahmen zur energetischen Ertüchtigung einen zukunftsweisenden Beitrag für Sanierungsaufgaben bei Sakralbauten darstellt.“ Und schließt mit der Bemerkung: ein Glücksfall.

Prof. Dipl.-Ing. Günter Pfeifer (*1943) ist freier Architekt BDA mit Büro in Freiburg. Bis zu seiner Emeritierung im Sommer 2012 hatte er an der TU Darmstadt den Lehrstuhl für Entwerfen und Wohnungsbau inne. Seit dem Sommer 2011 betreibt Günter Pfeifer mit Prof. Dr. Annette Rudolph-Cleff die Fondation Kybernetik – ein Praxislabor der TU Darmstadt und Pool für Nachhaltigkeitsforschung. Günter Pfeifer ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift.

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Ein Gedanke zu „Ein Glücksfall

  1. Durch Zufall kam ich an den Glücksfall und möchte nicht versäumen Ihnen für diese beispielhafte Lösung der Aufgabe zu gratulieren.
    Mein Vater wäre bestimmt meiner Meinung.Viel Erfolg für weitere
    Tätigkeiten!

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