BDA Baden-Württemberg

Ausgezeichnet: Die Hugo-Häring-Landespreise 2012

Das Verfahren ist aufwendig und auch deswegen gut. Denn, neudeutsch, bottom up-mäßig werden alle drei Jahre zunächst die „Kleinen Hugos“ – Auszeichnungen für vorbildliche Bauwerke in Baden-Württemberg – gekürt, um unter ihnen im zweiten Schritt die Preisträger des „Großen Hugo“ auszuwählen. Zum 16. baden-württembergischen BDA-Preis, der nach dem 1882 in Biberach geborenen Hugo Häring benannt wurde, waren insgesamt 651 Bauten eingereicht worden. Und nach der sorgfältig prüfenden, ersten Runde im Jahr 2011, in der Juroren sich auch Zeit dafür nahmen, viele Bauwerke vor Ort anzusehen, erhielten 137 davon eine „Hugo-Häring Auszeichnung“. Damit erreichten sie die Endrunde der „Hugo-Häring-Landespreise“ 2012, die Ende Oktober im Heidelberger Schloss vergeben worden sind. Die Jury – Hannelore Deubzer, Berlin/München (Vorsitzende), Mark Blaschitz aus Graz, Jörg Friedrich aus Hamburg, Jens Ludloff aus Berlin, Falk Jaeger aus Berlin und der Theaterintendant Axel Vornam aus Heilbronn – zeichnete neun Bauten ohne Rangdifferenzierung aus (siehe die Abbildungen). Dank des Internet kann man die ausführlichen Jurybegründungen nun ausnahmslos und ungekürzt nachlesen unter www.bda-bawue.de/gute-bauten.

In der Gesamtschau fügen sich die Bauten zu einer Art lokalem Flickenteppich, in dem sich neue Architektur im frühen 21. Jahrhundert vielfältig, nicht mehr zwangsläufig in jeweils zeitgebundener Erscheinungsform zu erkennen gibt. Massiv oder gläsern, orthogonal oder rund, verspielt, ironisch, schlicht, angepasst an Nachbarschaften oder kompromisslos anders – das lange verpönte Anything goes ist ein baukulturell anregendes Miteinander unterschiedlicher Konzepte, Haltungen und Vorlieben geworden. Auch dazu dienen Preise: Sie dokumentieren die langsame Veränderung eines baukulturellen Habitus, über die zu debattieren andere Themen aufwirft als die Auseinandersetzung mit einem einzigen Gebäude. Ohne dass es gleich um klassische Fragen des Städtebaus ginge. Vielmehr wird der Begriff „Pluralismus“ immer öfter bemüht, um Unterschiedliches in gleicher Weise würdigen zu können.

Vor diesem Hintergrund darf man in Baden-Württemberg die öffentliche Debatte über Architektur, Stadt, Land, Dorf, Landschaft, Verkehr und vieles mehr mit Verve vorantreiben. Gisela Splett, Staatssekretärin im Ministerium für Verkehr und Infrastruktur Baden-Württemberg, gestand bei der Preisverleihung in Heidelberg ein, dass im Lande mehr getan werden könne für die Baukultur; auch fehle ein adäquater Preis für städtebauliche Projekte – und sie deutete Besserung an. Interessant könnte werden, wie sich dabei ein neues Verhältnis von Architektur und Städtebau gestalten lässt.

Peter Schürmann, Vorsitzender des BDA in Baden-Württemberg, beschwor in seinem Festvortrag „Des Kaisers neue Kleider“ die segensreiche Zusammenarbeit von Bauherr und Architekt in einem ergebnisoffenen Planungs- und Bauprozess. Denkt man diese Option konsequent weiter, ließe sich die gesamte Baubürokratie mal wieder in Frage stellen. Und auch dazu sind Preise da: Sie spiegeln wider, wo die Verfahren und Prozesse verbessert oder besser ganz neu erfunden werden sollten, damit attraktivere Architektur und Stadtquartiere entstehen.

Die Preisträger des 16. Hugo-Häring-Landespreises werden nun im Finale des bundesweiten BDA-Architekturpreises, der „Nike“, bewertet. 2010 vergab der BDA solche „Niken“ in sieben Kategorien, in denen Einzelaspekte guter Architektur – zum Beispiel Gesamtausdruck, beste Raumwirkung, soziales Engagement, Detailvollkommenheit – in den Vordergrund gerückt wurden. Bei der „Nike 2013“ sind sechs neue Kategorien relevant: Symbolik, Atmosphäre, Fügung, Komposition, Neuerung, soziales Engagement. Mindestens einer dieser Kategorien müssen die Bauten zugeordnet sein, die von den Landesverbänden eingereicht werden. Und eine „Große Nike“ gibt es dann für das Gebäude, das die meisten Auszeichnungen erhält. Außerdem neu: die Kategorie „Klassik-Nike“ für Bauten, die schon mehrere Jahrzehnte genutzt werden – eine ausgezeichnete Idee, Aufmerksamkeit auf Bewährtes zu lenken.

Nachhaltigkeit und Energie tauchen nicht mehr gesondert auf, weil man bei Anwärtern der Nike hohe Standards in diesen Bereichen wohl voraussetzen darf. Das Gleiche ließe sich aber auch von ihren atmosphärischen und sozial engagierten Qualitäten annehmen. Außerdem muss man jetzt aufmerksam verfolgen, was die Juroren im Hinblick auf „Neuerungen“ einer Auszeichnung würdig finden. Das Profil des „Nike“-Preises gilt es weiter zu schärfen, denn in der wachsenden Fülle von Architekturpreisen werden nur klar umrissene Qualifikationskriterien eine öffentliche Wirkung entfalten können.
Ursula Baus

Foto: Stephan Sahm

Barkow Leibinger Architekten BDA, Trumpf Betriebsrestaurant mit Auditorium, Ditzingen 2008; Foto: Stephan Sahm

Foto: Christian Richters

hartwig schneider architekten bda, Galerie Stihl Waiblingen und Kunstschule Unteres Remstal, Waiblingen 2008; Foto: Christian Richters

Foto: Antje Quiram

Christine Remensperger Architektin BDA, Haus B, Stuttgart Rotenberg 2009; Foto: Antje Quiram

Foto: Dirk Altenkirch

MGF Architekten BDA, Erweiterung Hochschule, Pforzheim 2002 – 2010; Foto: Dirk Altenkirch

Foto: Roland Halbe

scholl architekten,Turnhalle plus X, Mannheim 2008; Foto: Roland Halbe

Foto: Brigida González

Kaestle Ocker Roeder Architekten BDA, Aussegnungshalle, Aalen 2009; Foto: Brigida González

Foto: Brigida González

Amunt Architekten, Einfamilienhaus JustK, Tübingen 2010; Foto: Brigida González

Foto: Zooey Braun

Lederer+Ragnarsdóttir+Oei, Erweiterung Kloster Hegne Marianum, Allensbach 2007-2009; Foto: Zooey Braun

Foto: Ruedi Walti

Pfeifer Kuhn Architekten, St. Augustinus, Heilbronn 2004-2008; Foto: Ruedi Walti

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