tatort

Ein internationales Symbol

Wir suchen ein Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Nachkriegs-Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Lösungsvorschläge können per Post oder Email an die Redaktion gesandt werden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 22. Juli 2019.

Der kleine Ort am Rennsteig war schon in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein Wintersportzentrum mit saisonal schwankender Bevölkerungszahl. Der langjährige Ministerpräsident des östlichen Deutschlands, Walter Ulbricht, war hier Stammgast: In seiner Vorstellung sollte der Ort zum „St. Moritz“ des sozialistischen Landes werden, zum internationalen Repräsentationsort der Republik. Für den Ausbau des Ortes suchte Ulbricht Unterstützung bei Josip Broz Tito in Jugoslawien, der ein Kombinat mit sozialistischer Bruderhilfe beauftragt: Zum Richtfest des gesuchten spektakulären „tatorts“ verkündet der jugoslawische Botschafter, dass der Bau ein Geburtstagsgeschenk zum Jahrestag des jungen deutschen Staates sein solle. Außerdem planten jugoslawische Architekten im Ort ein fast expressionistisch geformtes Großrestaurant und ein gewerkschaftliches Ferienheim, das inzwischen abgerissen worden ist. Der 15-geschossige „tatort“ war zunächst ein Problemfall: Kurz nach seiner Eröffnung musste er schon wieder geschlossen werden, weil die Architekten den Winddruck in 825 Meter Höhe unterschätzt hatten und die symbolhafte Dachkonstruktion verbessern mussten. Deren Form konnte entweder an die Form der benachbarten Skisprungschanzen oder an die schräge Dachform einheimischer Berghütten erinnern. Ulbrichts Plan des internationalen Zentrums ging zeitweise sogar auf: Der „tatort“ wurde mit für damalige Verhältnisse luxuriösen 400 Zimmern, dem ersten Swimming-Pool des Landes, einer erklecklichen Anzahl von Bars und sieben Restaurants, darunter ein japanisches und passenderweise ein Balkan-Restaurant, wo 850 Gäste á la carte bedient wurden, zu einem Treffpunkt für Winterurlauber aus Ost und West. Die Übernachtung im Dreibettzimmer kostete zunächst 150 Mark, für viele Bürger damals unerschwinglich. Der „tatort“ wurde Schauplatz rauschender Silvesterbälle, an denen jeweils über tausend Menschen, darunter viele Sportler, teilnahmen. Das Personal des Hauses soll beim illegalen Devisentausch gerne behilflich gewesen sein. Manche haben sich so wohl den doppelten Verdienst eines normalen Arbeiters beschafft. Die Staatssicherheit war deshalb ebenfalls Stammgast dort: Die illegalen Tätigkeiten wurden zwar hingenommen, aber minutiös aufgezeichnet. Zehn Jahre nach der Eröffnung wurde der „tatort“ tatsächlich zum Tatort: In einem der Restaurants wurde besprochen, wie eine Kellnerin dem Stasi-Spion Peter Fischer alias Werner Stiller zur Flucht in den Westen verhelfen konnte, was später zur Enttarnung von Markus Wolf, dem Chef des Agentennetzes des Landes, führte. Und noch ein anderes Medienereignis ist mit dem „tatort“ verbunden: Mehr als zwanzig Jahre wurde hier eine beliebte Volksmusik-Sendung des Landesfernsehens produziert, die zu einem der attraktivsten Fernsehformate der östlichen Republik avancierte. Auch nach der „Wende“ setzte sich die Erfolgsgeschichte des Bauwerks fort: Heute ist es, mehrfach restauriert und erneuert, das weithin sichtbare Symbol des nach wie vor beliebten Wintersportortes, der auf die Biathlon-WM 2023 vorausschaut.

Das gesuchte Gebäude unserer letzten Ausgabe war das Habiflex, das neben der Metastadt, der Finnstadt und der Ladenpassage zu den Versuchsbauten im neuen Stadtteil Wulfen-Barkenberg gehörte und zwischen 1971 und 1975 errichtet wurde. Architekten und Bauherren waren Richard Gottlob und Horst Klement aus Gelsenkirchen. Gewinner unseres Buchpreises ist Traudl Höft aus Neckargemünd.

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