Harald Welzer

Eine empathische Welt?

Gesellschaft und Verantwortung

Geht es um „empathische Zivilisation“, landet man schnell bei Jeremy Rifkin. Alle Themen, die er in seinen Schriften der letzten Jahre aufgeworfen hat, waren das absolute Gegenteil von dem, was tatsächlich die gesellschaftliche Entwicklung gewesen ist: Das gilt für die „Null-Grenzkosten-Gesellschaft“ mit der Abschaffung des Kapitalismus genauso wie für seine Erwägungen zur Arbeitszeit und eben auch für seine Überlegungen zur empathischen Zivilisation. Wir befinden uns im Moment in einer völlig gegenteiligen Entwicklung. Deshalb meine Rifkin-Empfehlung: Lesen Sie ihn, wenn Sie wissen wollen, was ganz sicher nicht geschehen wird.

Die politische und ökologisch-klimatologische Entwicklung der Gegenwart bietet wenig Anlass zur Freude, aber es ist zu spät für Pessimismus. Wir sind routiniert geworden und haben in den vergangenen Jahrzehnten gelernt, dass der Untergang nah ist. Wir haben uns in eine Form von Analyse und Rhetorik eingeübt, die uns hat vergessen lassen, dass es eine Frage der Politik und auch der eigenen politischen Haltung ist, ob man diese Entwicklung geschehen lässt oder nicht.

Vieles deutet darauf hin, dass die Fluchtbewegungen eine Dimension annehmen werden, von der die sogenannte Flüchtlingskrise des vergangenen Jahres nur ein mildes Vorzeichen war. Wir müssen in dem Zusammenhang aber auf einen wesentlichen Faktor hinweisen: die Migrationsbewegungen die durch Klimawandel ausgelöst werden, sind niemals allein durch Klimawandel verursacht. Die Auswirkungen – insbesondere, wenn sich Umweltbedingungen verändern – führen nur dann zu gravierenden Veränderungen in den Überlebensbedingungen der Menschen, wenn sie in Regionen mit schwacher Staatlichkeit stattfinden. Man kann das an vielen Beispielen nachzeichnen. Ich habe versucht, in den „Klimakriegen“ zu beschreiben, dass dort, wo keine stabile Staatlichkeit, keine funktionierenden Institutionen und Rechtsorgane existieren, sofort katastrophale Entwicklungen entstehen und zwar deshalb, weil die Betroffenen überhaupt keine Möglichkeit haben, in irgendeiner Weise darauf zu reagieren, außer zu verschwinden. Sie verschwinden aber meist nicht deswegen, weil Wüstenbildungen oder Überschwemmungen stattgefunden haben, sondern weil es Wettbewerb um Nutzungen des verbliebenen Landes gibt. In Regionen mit schwacher Staatlichkeit gibt es keine Institutionen, die regulierend in diese Konflikte eingreifen. Der zweite Aspekt ist, dass in Regionen mit schwacher Staatlichkeit private Gewaltakteure auftreten, die die Konflikte monetarisieren und für ihre Zwecke nutzen.

Taree‘ al Bab in der Nähe von Aleppo, Syrien 2013, Foto: Basma (via wikimedia / OGL)

Taree‘ al Bab in der Nähe von Aleppo, Syrien 2013, Foto: Basma (via wikimedia / OGL)

Wenn wir verstehen wollen, wie diese globalen Flüchtlingsströme zustande kommen, müssen wir bedenken, dass es niemals nur die veränderten Umweltbedingungen sind, sondern der entscheidende Faktor immer in der Möglichkeit oder Unmöglichkeit des Reagierens auf diese Veränderungen liegt. Insofern sind wir, wenn wir über die Niederlande oder Manhattan in Bezug auf den Anstieg des Meeresspiegels sprechen, in einer vollkommen anderen Situation als wenn wir über den Südsudan oder Somalia nachdenken – das Problem wird dadurch nicht geringer.

Ich stimme Hans Joachim Schellnhuber (Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, Anm. der Red.) durchaus zu, dass der Klimawandel als primärer Verursacher von solchen Umweltveränderungen eine gravierende Rolle spielt, aber die Zerstörung von Staatlichkeit spielt eine mindestens ebenso große, weil eben keiner mehr da ist, der diese Folgen moderieren kann. Ähnliches ist übrigens auch in westlichen Gesellschaften zu beobachten: New Orleans nach dem Hurrikan Katrina ist ein kardinales Beispiel dafür, wie soziale und politische Faktoren in die Folgen einer Naturkatastrophe intervenieren. In der Katastrophensoziologie gibt es die Position, dass es keine Naturkatastrophen an sich gibt, sondern nur soziale Katastrophen, weil es immer von den gegebenen sozialen und politischen Verhältnissen abhängig ist, wie die Folgen tatsächlich aussehen. Für New Orleans war es sowohl von der Verursachung wie von der Folgenbewältigung her eine soziale Handlung. Die Gewalt-eruption dort hätte in unserer Gesellschaft wahrscheinlich so nicht stattgefunden, weil wir eine andere Kultur der Katastrophenbewältigung haben.

Wenn wir über das Thema Zukunft, Resilienz und stabile Formen von sozialen Einheiten wie Städten, Regionen oder ganzen Nationen sprechen, müssen wir von der Perspektive der Freiheit her diskutieren. Seit vielen Jahren bin ich im Bereich von Nachhaltigkeit, Ökologie und Klimapolitik tätig und mir ist immer deutlicher geworden, dass diese Themen von der falschen Seite her erörtert werden. Es hat sich eine Perspektive etabliert, aus der über Ökologie der Natur wegen gesprochen wird, über Klimafolgen des Klimas wegen diskutiert wird, oder über Veränderungen in den Ozeanen und Böden des Erdsystems wegen nachgedacht wird. Das ist Unsinn, weil es dem Klima und dem Erdsystem völlig egal ist, was mit ihnen geschieht. Was bei diesem Thema interessant ist: Was passiert mit den betroffenen Kulturen, den Gesellschaften, den Individuen? Ein großer Mangel der Nachhaltigkeitsdiskussionen ist, dass im Grunde noch die alte, naturbezogene Perspektive die dominante Rolle spielt.

Ich möchte es zuspitzen und verschärfen: Wenn mich die Themen Nachhaltigkeit, Klima oder Klimafolgen interessieren, dann deshalb, weil sie ein zivilisatorisches Projekt gefährden, von dem wir ein Teil sind. Wir haben einen zivilisatorischen Prozess, auf den wir zurückblicken können und der unter anderem dazu geführt hat, dass wir eine spezifische Form von Gesellschaftlichkeit entwickelt haben – und damit das Privileg genießen, in einer Form von Gesellschaft zu existieren, die die größtmögliche Sicherheit garantiert, bei der größtmöglichen Freiheit, die es historisch jemals gegeben hat, und das mit dem größtmöglichem Wohlstand, den es jemals gegeben hat. Das ist die Form der offenen Gesellschaft, wie sie in der europäischen und nordamerikanischen Nachkriegsentwicklung für eine gewisse Zeit prominent und auch dominant geworden ist. Dieses zivilisatorische Projekt steht derzeit in Frage.

Symbol des Klimawandels: Aralsee an der Grenzen von Kasachstan und Usbekistan, 2014 (links) und 2000 (rechts), Foto: NASA Earth Observatory

Symbol des Klimawandels: Aralsee an der Grenzen von Kasachstan und Usbekistan, 2014 (links) und 2000 (rechts), Foto: NASA Earth Observatory

Das sollte uns stark beschäftigen: einerseits wegen der bereits erwähnten ökologischen und klimatologischen Folgen, andererseits weil der Druck auf diese Form von Gesellschaft spürbar größer wird – und im Spätsommer 2015 mit den steigenden Flüchtlingszahlen sichtbar wurde. Dabei war das nur die Mitteilung, dass das, was wir tun, tatsächlich nicht folgenlos bleibt, sondern ganz konkrete Ergebnisse hervorbringt. Ein Phänomen, das über Jahrzehnte hinweg sehr gut zu externalisieren war. Jetzt aber sind die Leute da und sagen: „Guten Tag. Hier sind die Folgen. Geht bitte damit um.“ Die Umgangsweise ist zunächst einmal evident: man versucht, sich abzuschotten.

Es ist auf der einen Seite der Stress, der durch die sichtbar werdenden ökologischen und klimatologischen Folgen entsteht. Und andererseits haben wir leider auch das andere Phänomen, dass unsere Form von Gesellschaftlichkeit von politischen Akteuren angegriffen wird, die dezidiert als Demokratiefeinde und Feinde der offenen Gesellschaft auftreten. Ich nehme an, dass diese beiden Phänomene in einer Wechselbeziehung stehen, aber wir können sie nur relativ schwer identifizieren, weil wir ja gerade Teil des Prozesses sind, der sich vollzieht. Es ist immer schwer, eine analytische Perspektive einzunehmen, wenn man von den sich vollziehenden Phänomenen betroffen ist.

Das aber bildet einen Kontext: die Frage nach Resilienz oder gar nach „Glaube, Liebe, Hoffnung“. Derzeit haben wir es eher mit Unglaube, Hass und Pessimismus zu tun, jedenfalls aufseiten der Demokratiefeinde. Dieses Phänomen kannten wir in den letzten siebzig Jahren in diesem Ausmaß nicht, wenn man das Privileg hatte, im Westen aufzuwachsen. Wir verzeichnen derzeit in globaler Perspektive zum ersten Mal seit langer Zeit einen Rückgang der Zahl der Demokratien und nicht ein Anwachsen. Das ist eine katastrophale Entwicklung, wobei man einschränken muss: nur dann, wenn man diese Form von Gesellschaft gut und erhaltenswert findet. Deshalb ist die Frage, um die es geht: Wie kann ein zivilisatorisches Modell aufrecht erhalten werden, und die Resilienzfaktoren innerhalb dieses Modells so identifiziert werden, dass sie stärker werden.

Dabei gibt es ein großes systemisches Problem, für das es meines Erachtens bislang noch keine Lösung gibt: Unser zivilisatorisches Modell ist leider wirtschaftlich auf die Vorstellung unbegrenzter Ressourcen gebaut, und darauf, wie man dieses zivilisatorische Modell materiell unterfüttern kann. In dem Augenblick, wo sich dieses wirtschaftliche Prinzip – auf dem unsere Form von Gesellschaftlichkeit gründet – globalisiert, löst sich die Sicherheit, dass immer alles verfügbar ist, in hoher Geschwindigkeit auf. Ein weiteres, damit verbundenes Problem: Wir sind mit einer Vorstellung durch die Welt gelaufen, dass sich mit der Einführung der Marktwirtschaft auch die Gesellschaften demokratisieren und liberalisieren werden. Genau das ist jedoch nicht der Fall: Das war eine schöne Glaube-Liebe-Hoffnung-Perspektive, die kein empirisches Fundament hat. Das zugrundeliegende Wirtschaftsprinzip hat sich globalisiert, aber keineswegs die Form der Gesellschaftlichkeit, die ursprünglich einmal vor vielen Jahren auf der Basis dieser Form von Wirtschaft entwickelt wurde.

Das ist für uns, und für das Weiterdenken am zivilisatorischen Projekt, ein fundamentales Problem: Wir haben mit dieser Form des Ressourcen ignorierenden Aufbauens von Demokratie und offener, partizipatorischer Gesellschaft unendlich große immaterielle Fortschritte erzielt – immer auf der Basis von materiellem Fortschritt –, die aber auf ein Naturverhältnis aufbaut, das nicht nachhaltig ist und mit dem man nicht durch das 21. Jahrhundert kommt. Daraus leitet sich die Frage ab, wie man das zivilisatorische Projekt weiterbauen kann auf der Ebene und Grundlage eines anderen gesellschaftlichen Naturverhältnisses: einem, das nicht mehr unbesorgt ist um alles, was angeblich im Übermaß vorhanden ist.

Wie also kann man Freiheit garantieren, wenn sich die materielle Basis dafür völlig verändert hat? Daran dockt sich die Frage nach Resilienz an: Wie entwickelt man mit den gegebenen Bedingungen, die wir haben, mit den Städten, den Infrastrukturen, auch mit den sozialen und kulturellen, tatsächlich so etwas wie eine Resilienzkultur? Es ist klar, dass das nicht mit technischen Lösungen gehen kann. Diese können ein Teil der Problemlösung sein, aber niemals die Lösung an sich. Es ist ein Irrglaube, dass sich die Probleme unserer gegenwärtigen kulturellen Praxis durch Technik lösen lassen werden, schon gar nicht durch Digitalisierung. Weil Technik so dumm oder klug ist wie die Kultur, in der sie gebraucht wird. Bisher sind die Folgen der Digitalisierung deshalb verheerend, weil sie nur in der Form einer kapitalistischen Kultur angewendet wird, die all das, was wir bislang fatalerweise getan haben, noch weiter beschleunigt: also Aufwandserhöhung, Energieverbrauch, Konsum, Hyperkonsum, Verkürzung von Produktzyklen, Einführung neuer Produkte und so weiter.

Protest gegen airbnb, Berlin 2014, Foto: Screenpunk (via flickr. com / CC BY 2.0)

Protest gegen airbnb, Berlin 2014, Foto: Screenpunk (via flickr. com / CC BY 2.0)

Was die Digitalisierung im Moment bringt, ist also eher eine Verschlechterung der Situation, die wir ohnehin haben. Das heißt wir erleben einen Rückbau des zivilisatorischen Projekts. Rückbau deswegen, weil wir mit dem Siegeszug der Digitalisierung auch erleben, wie bislang Lebensbereiche, die nach anderen Parametern organisiert waren als nach marktlichen, in den Sog dieser Monetarisierung und Kommodifizierung geraten. Zum Beispiel airbnb und dergleichen – man sieht, dass inzwischen diese Form von Kapitalismus in die basalen sozialen Organisationsformen so einwandert, wie wir es bislang nicht gekannt haben. In dem Sinne ist auch zu berücksichtigen, dass die Rhetorik, das Narrativ, wie innovativ alles sei, gar disruptiv, großer Unsinn ist.

Daran ist nichts disruptives, weil es die Fortsetzung und Beschleunigung der fossilen Kultur und Wirtschaft mit Mitteln der Digitalisierung ist. Damit verbunden ist das Gegenteil von Resilienz: Je mehr unsere ganzen Arbeitsvollzüge, aber auch die privaten Organisationsformen von Sozialität, von Digitalisierungseffekten durchzogen werden, desto weniger resilient wird eine Gesellschaft. Soziologisch betrachtet ist das, was im Augenblick passiert, ein Individualisierungsschub – weil alle viel mehr durch die personalisierten Formen der Kommunikation und Informationsbeschaffung auf sich selbst verwiesen werden, und immer mehr von Fremdsteuerung abhängig werden. Ein Smart-Home ist ein fremdgesteuertes Zuhause, und insofern nicht resilient, im Gegenteil. Die gesamte Digitalisierungstechnologie ist eine völlig abhängige Technologie: Wenn kein Strom da ist, dann gibt es keine Smartness.

Aus der Geschichte der Städte, der Historie resilienter Gemeinschaften und funktionierender lokaler Kulturen können wir lernen, dass Resilienz insbesondere darin besteht, dass man Möglichkeiten der Produktion und Reproduktion und des Zusammenlebens schafft, die in nur geringem Maße abhängig sind von außen-gesteuerter Technologie. Das ist sehr einfach. Es ist wohlfeil, dies zu sagen, weil wir einen Zivilisationsprozess haben, der auch darin bestanden hat, das Maß an Fremdsteuerung weiter anwachsen zu lassen – genau wie das Maß an Interdependenz immer weiter angewachsen ist. Trotzdem kann vor dem Hintergrund der Fragestellung, wie wir Freiheit, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit auf einer anderen materiellen Basis realisieren, die Lösung nicht in der Erhöhung technologischer, und schon gar nicht energetischer Abhängigkeit liegen.

Was sind denn in modernen Gesellschaften die Momente, insbesondere die sozialen, die die Resilienz erhöhen können? Die Energiewende wurde angesprochen – aus meiner Sicht ist der größte Charme der Energiewende darin zu sehen, dass von zentralisierten Strukturen auf dezentrale übergegangen wird. Deswegen sind die Energiekonzerne nicht unbedingt Befürworter der Energiewende, weil eine andere Form in die Produktionsverhältnisse von Energie einzieht, und zwar eine politisch und sozial emanzipativere. Dass könnte, so glaube ich, in vielen anderen Hinsichten – Ernährung, Wohnen – auch so sein. Bei der von mir mitgegründeten Stiftung Futurzwei gibt es zum Beispiel eine Reihe von kleinen zivilisatorischen Projekten, wo andere Formen des Bauens, des Wohnens, der Produktion von Nahrungsmitteln, der Erzeugung von Energie in unseren und anderen Gesellschaften erprobt und auch entwickelt werden – und zwar von unten. Das ist nicht zu verwechseln mit dem Hype um Startups, sondern es sind vielfach Geschichten, die wir klassisch als Basisaktivitäten im Rahmen sozialer Bewegungen kennen: Der Versuch, andere Formen der Gemeinschaftsbildung zu finden und damit auch andere Formen der Produktion und Reproduktion zu realisieren. Wir haben in unseren westeuropäischen Gesellschaften, aber auch in anderen Ländern der Welt, mit viel schlechteren Ausgangsbedingungen ihrer Staatlichkeit, sehr viele solcher bottom-up-Projekte. Es lohnt sich, genauer hinzuschauen, was gemacht wird und wie weit es trägt, um herauszufinden, wie wir die Bausteine für eine neue Resilienzkultur innerhalb der Gesellschaftsform der Moderne zusammen bekommen.

Alle relevanten gesellschaftlichen Veränderungsprozesse in modernen Gesellschaften kamen immer von unten. Ich halte Universitäten, auch Exzellenzuniversitäten, für eher strukturkonservativ und nicht wirklich in der Lage, adäquat auf gesellschaftliche Veränderungsprozesse zu reagieren. Die politischen und anderen Funktionseliten sind im Augenblick eher schwach auf der Brust. Wir haben aber eine lange Tradition dafür, dass gesellschaftliche Änderungsimpulse von unten kamen und in dem Augenblick modernisierungsfähig wurden, wo sie so stark geworden waren, dass Politik und andere Institutionen in der Gesellschaft auf sie eingehen mussten. Das muss man wissen, um den Blick dafür zu schärfen, wo und wie wir Konzepte für Resilienz entwickeln können.
Derzeit werden nach meinem Eindruck im Bereich Architektur und Städtebau handfest und wach solche Entwicklungen wahrgenommen und zum Teil auch umgesetzt. Zum Beispiel die Konzepte von Arno Brandlhuber oder Muck Petzet, der 2012 den deutschen Beitrag auf der Architekturbiennale in Venedig verantwortet hat.

Das sind Projekte, die auch in der nicht-architektonischen Resilienz-Diskussion große Beachtung finden, denn auch da ist man noch nicht so weit zu wissen, wie es eigentlich laufen soll. Man muss Resilienz strikt als soziale und kulturelle Frage formulieren und erst in zweiter oder dritter Linie als technische, und man muss kritisch dem gegenüber sein, was gegenwärtig als Zukunft verkauft wird. Auch aus dem schlichten Grund, dass das allermeiste von dem, was man tut, deswegen analog ist, weil Leben auf Stoffumwandlung basiert – und Stoffumwandlung hat nichts mit Nullen und Einsen gemein. Architekten haben zum Beispiel mit Material zu tun, das umgewandelt wird. Was uns als Lebewesen am Leben hält, ist ein simples Prinzip von materieller Stoffumwandlung, sonst nichts. Dass man das in gewisser Weise durch bestimmte Formen von Algorithmen steuern kann, ist schön und gut, aber das Leben besteht nicht aus Zahlen – die kann man nicht bauen und auch nicht essen. Insofern müssen wir die gesellschaftliche Debatte zurückführen auf das, was Gesellschaften tatsächlich ausmacht: die Abwägung und Auseinandersetzung darüber, wie man in Zukunft leben will und dass im Rahmen demokratischer Prozesse und Aushandlungsprozesse darüber entschieden wird.

Lokale Kulturen sind von großer Bedeutung in der Entscheidung, ob man etwas weiterbauen kann oder nicht. Wir haben fundamentale Unterschiede in den lokalen Kulturen, in Bezug auf das Bauen und die Organisation von Stadtgesellschaften. Einige Gemeinden in Vorarlberg zum Beispiel sind gut in der Aktivierung ihrer lokalen Kultur: beim Bauen und Wohnen, in der Herstellung von Resilienz, in Fragen der Mobilität. Wir wiederum haben abgehängte Communities zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern oder anderswo, die das genaue Gegenteil darstellen. Man sollte gut betrachten, was bereits an sozial-intelligenten Überlebensformen entwickelt wurde, und was man aus diesen lokalen Kulturen als soziale Resilienz lernen und übertragen kann.

Über Gesellschaft, Empathie, Resilienz zu diskutieren, macht nur so lange Sinn, als man das in Form einer Gesellschaftlichkeit tun kann, für die wir alle verantwortlich sind. All das, was wir im Bereich Nachhaltigkeit tun, ist nur dann sinnvoll, solange man das Privileg hat, dies im rechtlichen Rahmen einer offenen Gesellschaft zu tun. Das Beispiel Türkei zeigt, wie extrem eingeschränkt alle Handlungsmöglichkeiten für alle Formen von Initiativen, genossenschaftlichen Bewegungen, Avantgarde, künstlerischer Produktion plötzlich werden. Wir sind tatsächlich darauf angewiesen, dass diese Form von Gesellschaft erhalten bleibt – und sei es nur aus ganz individualistischer Perspektive. Weil sie die einzige ist, die die Handlungsräume gibt, gute Sachen zu machen. Gute Sachen heißt, sie besser zu machen, als sie bislang gewesen sind, und das kann man nur, wenn es eine freiheitlich verfasste Ordnung gibt. Diese Ordnung ist jedoch im Moment gefährdet.

„NoLegida“, Demonstration gegen Rechtpopulisten, Leipzig 2015, Foto: strassenstriche.net (via flickr. com / CC BY-NC 2.0)

„NoLegida“, Demonstration gegen Rechtpopulisten, Leipzig 2015, Foto: strassenstriche.net (via flickr. com / CC BY-NC 2.0)

Als Sozialpsychologe beschäftigt mich die Veränderung der Gesellschaften. Ich habe bereits früher über totalitäre Gesellschaften und die Veränderung der mentalen Strukturen innerhalb solcher Gesellschaften gearbeitet. Was ich gelernt habe ist: Weder die Gesellschaften, noch die Mindsets der in ihr lebenden Menschen, ihre Moralität, ihre normativen Vorstellungen, das, was sie für selbstverständlich halten oder nicht, sind stabil. Wir leben im Moment in der Illusion einer stabilen Form von Gesellschaftlichkeit, weil wir seit siebzig Jahren im Westen den historischen Sonderfall einer Stabilität von Gesellschaft haben. Es ist kein historischer Normalfall, sondern der historische Ausnahmefall, dass zweieinhalb Generationen lang nichts Gravierendes passierte. Es ist eine verführerische Illusion zu glauben, dies sei für immer so. Und genauso wenig stabil ist das, was wir alle an Überzeugung in Bezug auf uns selbst, auf die Stabilität unserer normativen Orientierung, unserer politischen Einstellung haben. Auch da gibt es demoralisierende Befunde, wie schnell sich die Perspektiven auf die Welt verändern können.

Um dies deutlich zu machen, will ich ein Gedankenexperiment schildern: Wenn nach der nationalsozialistischen „Machtergreifung“ als erstes die Regelung ergangen wäre, dass alle jüdischen Bürgerinnen und Bürger aus ihren Wohnungen und Häusern auszuziehen hätten und sich auf den zentralen Versammlungsplätzen, auf Märkten oder Bahnhöfen zu versammeln und in Züge einzusteigen hätten, zur Deportation mit unbekanntem Ziel, so wäre das Anfang des Jahres 1933 noch unmöglich gewesen, weil es überhaupt nicht in die Welt der damals lebenden Menschen gepasst hätte. Bei allem Antisemitismus, bei aller Ausgrenzungsbereitschaft, hätten sie gesagt „Nein, wir leben in einer zivilisierten Gesellschaft. Wir sind abendländische Kultur, die Nation der Dichter und Denker, das entspricht nicht unserem zivilisatorischen Modell“. Wenige Jahre später war exakt das der Fall. Man weiß, wie diese Szenen ausgesehen haben: Dass genau diese Bevölkerung, die anfangs meinte, das entspräche nicht ihrem zivilisatorischen Modell, längst schon Geschäfte und Wohnungseinrichtungen der jüdischen Bevölkerung aufgekauft hatte, und auf der Straße herumstand und zuschaute, wie Menschen deportiert wurden. Hätte man jeden Einzelnen gefragt, ob er ein guter Mensch sei, so hätte er 1941 genauso „Ja“ gesagt wie 1933. Aber alles, was er für normal, erwartbar, akzeptabel gehalten hat, hatte sich verändert.

Wir haben, ohne es zu sehr dramatisieren zu wollen, im Moment eine signifikante gesellschaftliche und politische Situation, die darin besteht, dass sich unsere Regeln des sozial und politisch Erwartbaren sowie die Begrifflichkeiten, die man erwartbar verwenden kann, wandeln. Die Formen der politischen Kommunikation verändern sich radikal. Wir haben es im amerikanischen Wahlkampf gesehen, oder im letzten Gespräch der österreichischen Präsidentschaftsbewerber, wir werden es wahrscheinlich auch im Bundestagswahlkampf erleben – dass sich eine Form des Umgangs miteinander etabliert, die wir so nicht kannten. Auf der Ebene der Begriffe werden wir eine Wiedereinführung von Termini erleben, von denen wir längst geglaubt haben, dass sie in einer Gesellschaft wie der unseren nicht mehr möglich sind. Das ist der wirkliche Mechanismus, der mit Gesellschaften „in transition“ passiert. Das Problem sind nicht die Rechten – jede Gesellschaft kann mit 20 Prozent Radikalen umgehen, jede stabile Demokratie hält das aus. Das Problem ist nicht eine radikale Rand-Community, die versucht, Gesellschaft anzugreifen oder zu verändern, sondern dass Inhalte, die von dieser Seite vorgetragen werden, von der etablierten Seite der Gesellschaft aufgenommen werden, weil sie sie irrtümlicherweise für relevant halten, für Themen nämlich, die die Mehrheitsgesellschaft umtreiben.

Es ist insofern ein signifikanter Moment, weil in der Bundesrepublik die Situation eigentlich eine völlig andere ist: Wir haben bei der Behandlung des Flüchtlingsthemas gesehen, dass die Mehrheitsgesellschaft kein Problem damit hatte, den Menschen selbstverständlich Asyl zu gewähren und dass sie mit der Flüchtlingspolitik im Großen und Ganzen einverstanden sind, auch wählen vier Fünftel der Bevölkerung ganz normal die etablierten Parteien. Und trotzdem ist im Moment die politische und mediale Öffentlichkeit bestimmt durch alles, was von der rechten Seite kommt. Wir wissen seit Jörg Haider und der FPÖ in Österreich, dass das Marketing aller populistischen, rechtspopulistischen Organisationen darin besteht, Begriffe zu verändern, Grenzüberschreitungen zu vollziehen, Konzepte vorzuschlagen, die die Mehrheitsmedien und die Mehrheitspolitik dann eine Woche lang herumrühren und kostenlos Werbung dafür machen. Über dieses Herumrühren werden offensichtlich plötzlich Dinge für mehrheitsfähig gehalten, die es überhaupt nicht sind.

„Women‘s March on Washington“, Protest gegen US-Präsident Donald Trump, Washington D.C. 2017, Foto: Mobilus In Mobili (via flickr.com / CC BYSA 2.0)

„Women‘s March on Washington“, Protest gegen US-Präsident Donald Trump, Washington D.C. 2017, Foto: Mobilus In Mobili (via flickr.com / CC BYSA 2.0)

Man muss sich daran erinnern, dass sich vor einem Jahr viele noch begeistert gefreut haben, den Flüchtlingen helfen zu können. Dass es ein Bewusstsein dafür gibt, was Flucht bedeutet, denn in unserem Land gibt es kaum eine Familie ohne eigene Fluchterfahrung – die politische Geschichte dieses Landes ist eine Geschichte des Zusammenkommens unterschiedlicher Formen von Fluchtbetroffenen. Das war, aus meiner Sicht, Ausdruck einer politischen und demokratischen Kultur, die in den Alltag eingewandert ist – bis man von interessierter Seite aus begann, zu erzählen, dass die Stimmung kippt. Dies war ein zerstörerisches Moment für unsere Form von politischer Kultur.

Die Fortsetzung dieser Zerstörung können wir uns nicht leisten. Es kommt derzeit darauf an, daran zu glauben, dass das gesellschaftliche Modell der offenen Gesellschaft ein sehr starkes ist, aber das Ganze tatsächlich nur existieren kann, wenn es hinreichend Menschen gibt, die dafür eintreten. Eine Demokratie ist nur dann nachhaltig, wenn es nachhaltige Demokraten gibt. Wir haben, selbstkritisch betrachtet, in den letzten Jahren eine zu große Lässigkeit gezeigt, weil uns abhanden gekommen ist, dass es nicht selbstverständlich, sondern unsere ureigenste Aufgabe ist, dafür zu sorgen, dass nicht so viel Mist passiert an der Sache unserer offenen Gesellschaft.

Der hier abgedruckte Text basiert auf dem Vortrag, den Harald Welzer anlässlich des 21. Berliner Gesprächs des BDA am 3. Dezember 2016 im DAZ hielt.

Prof. Dr. Harald Welzer (*1958) studierte Soziologie, Politische Wissenschaft und Literatur an der Universität Hannover wo er 1988 in Soziologie promoviert wurde. 1993 habilitierte er sich in Sozialpsychologie sowie 2001 in Soziologie. Von 1988 bis 1993 war Welzer wissenschaftlicher Assistent am Fachbereich Geschichte, Philosophie und Sozialwissenschaften der Universität Hannover und anschließend bis 1999 als Dozent für Sozialpsychologie tätig. Von 1994 bis 1995 und 1997 bis 1998 war er Direktor des Instituts für Psychologie der Universität Hannover. Seit Juli 2012 ist Harald Welzer Honorarprofessor für Transformationsdesign an der Europa-Universität Flensburg, wo er das Norbert Elias Center for Transformation Design & Research leitet. Harald Welzer ist Mitbegründer und Direktor der gemeinnützigen Stiftung „Futurzwei. Stiftung Zukunftsfähigkeit“ und Verfasser zahlreicher Bücher und Aufsätze. Zuletzt erschienen: „Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit“ (2016) und „Selbst denken. Eine Anleitung zum Widerstand“ (2013). Im vergangenen Jahr ging zudem die Website der Initiative „Die offene Gesellschaft!“ online, die Freundinnen und Freunde einer offenen Gesellschaft und ihre Aktionen unterstützt (www.die-offene-gesellschaft.de).

21. Berliner Gespräch 2016: Harald Welzer from BDA Bund Deutscher Architekten on Vimeo.

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