Buch der Woche: Das Garagenmanifest

Erlebte Räume

Während in der Mitte der deutschen Hauptstadt eine Schlosshülle mit zweifelhaften Inschriften und in Teilen mindestens zweifelhaften Finanziers als museales Forum dienen soll, wird immer mehr klar, welch unfassbare Verschwendung von Ressourcen hier vonstatten gingen: gedankliche, materielle und geschichtliche. Schmerzlich wird deutlich, wie gut die inzwischen zwanzig Jahre zurückliegende Zwischennutzung des Palasts der Republik war, der hier einst stand. Der Bau ist aus dem Stadtbild getilgt, wie so viele räumlich wirksame Momente aus der Geschichte der DDR verschwinden oder mindestens in Gefahr sind.

Case Studie © Luise Rellensmann

Nach welchen Kriterien beschäftigen wir uns eigentlich mit welchen Dingen, die wir als Gesellschaft hervorbringen und hinterlassen? Warum finden wir das eine interessant, und das andere nicht? Welchen Hinterlassenschaften messen wir eine kulturelle Bedeutung zu? Luise Rellensmann und Jens Casper fragen mit ihrem kleinen Büchlein „Das Garagenmanifest“ genau danach. Auf nur rund 170 Seiten umkreisen die beiden die DDR-Garage. Dabei geht es nicht nur um eine Bauform, sondern um die gesellschaftliche Bedeutung dieser oft an den Rändern von Siedlungen gelegenen Kleinstarchitekturen. Schon die Errichtung im Selbstbau verleiht diesen Garagen ein gemeinschaftliches Momentum, das durch ihre Verwaltung in Vereinen und die Nutzung als sozialem Treffpunkt unterstrichen und erweitert wird.

Das kleine Buch ist prägnant und pointiert. Von Studierenden der BTU Cottbus erarbeitete Fallstudien aus Cottbus legen mit kurzen Erläuterungen, Lageplänen, Fotos und Isometrien unterschiedliche räumliche Konfigurationen von Garagen dar, ein einleitender Essay von Rellensmann und Casper erklärt Entwicklung und Bedeutung dieser bislang so wenig beachteten Bauform, die von einer schönen Bildserie des Architekten und Fotografen Martin Maleschka in Szene gesetzt wird.

So bildet diese Publikation nicht nur den Auftakt zu einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit einem Stück Kulturgut, das bis dato kaum eine Rolle im hiesigen Architekturdiskurs spielte, sondern zeigt auch das Spannungsfeld auf, in dem sich die Garagen selbst befinden: zwischen bis heute gelebter Relevanz und verrottender Tristesse. Die Garagen der DDR aber, das macht dieses Manifest deutlich, sind ein Stück gesamtdeutscher Baukultur.
David Kasparek

 

 

 


Luise Rellensmann und Jens Casper (Hrsg.): Das Garagenmanifest, mit einem Bildessay von Martin Maleschka, 176 Seiten, 18 farb. und 80 sw Abb., Zeichnungen und Lagepläne, Park Books, Zürich 2021, ISBN 978-3-03860-240-8

 

 

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