Bericht vom 14. BDA-Tag in Hamburg

Es wird politisch!

„BauNetz“ hatte schon eine Woche vor dem 14. BDA-Tag getitelt: „Es wird politisch!“ Der besonders auf das Gemeinwohl zielende Tenor der Tagung und die vorab im Entwurf verbreiteten „Politischen Grundpositionen zu Stadt, Land und Architektur“ des BDA hatten ein besonderes Interesse der Öffentlichkeit und auch der Presse hervorgerufen. Und tatsächlich haben die „Grundpositionen“, die am Ende des Tages per Akklamation grundsätzlich angenommen wurden, es in sich. Das beginnt schon beim provokativen Prolog: „Die Welt ist kein Markt. Der Mensch ist kein Konsument. Der Architekt ist kein Dienstleister.“

Heiner Farwick eröffnet den 14. BDA-Tag in Hamburg, Foto: Till Budde

Natürlich hält niemand diese Sätze in ihrer provokativen Kürze für in Stein gemeißelte alleinige Wahrheiten. Doch haben sie die gebotene Aufmerksamkeit geweckt: Freiberufliche Selbständige, 5.000 BDA-Architekten, machen sich in geradezu unerhörter Weise selbst Konkurrenz, etwa wenn sie im siebten und letzten „Postulat“ fordern: „Jeder Neubau muss seine unabdingbare Notwendigkeit unter Beweis stellen.“ Die graue Energie müsse endlich als bedeutender Faktor ernst genommen werden, hatte BDA-Präsident Heiner Farwick jüngst erst wieder gefordert.

Dorothee Stapelfeldt, Senatorin für Stadtentwicklung in Hamburg, Foto: Till Budde

Farwick stellte zu Beginn die Grundpositionen vor und erläuterte, warum „Effizient ist nicht genug“ als Motto der Veranstaltung diente. Nur eine Zahl: 1,5 Millionen Wohnungen will, oder besser: muss die Bundesregierung in der laufenden Legislaturperiode bauen. Gleichzeitig stehen 1,5 Millionen Wohnungen leer. Paradox? „Es wird eklatant am Wohnungsbedarf vorbei gebaut, sollte Claus Leggewie dies etwas später kommentieren. Farwick nannte noch eine Zahl: Die beim „Wettbewerb“ der Wohnungswirtschaft gefundenen Beispiele für „serielles Bauen“ sind selbst nach Aussage der Protagonisten im Median nur etwa drei Prozent billiger als konventionelle, individuell geplante Wohnungen. Diese Einsparung liegt unter der Wahrnehmungsschwelle angesichts der exorbitanten Bodenpreise, die das Bauen heute maßgeblich verteuern. Bodenpreise sind politische Preise, wie Hans-Jochen Vogel schon 1974 erkannt hat. Und damit sind wir immer noch bei der Politik.

Gunther Adler, Staatssekretär im Bundesministerium des Innern, für Bau und Heimat, Foto: Till Budde

Die Hamburger Senatorin für Stadtentwicklung, Dorothee Stapelfeldt, malte ein engagiertes, fortschrittliches Bild von der Hamburger Baupolitik, wo Instrumente wie Erbbaurecht, Konzeptvergabe und Vorkaufsrecht für ein „Hamburg für alle“ sorgen sollen, ein Hamburg als „identifikationsstiftender Ort“, als „Heimat“.

Baustaatssekretär Gunther Adler, in dessen Innenministerium die „Heimat“ verortet ist, nobilitierte Stapelfeldt jedenfalls in seinem Grußwort postwendend als „meine Lieblingssenatorin“. Heimat sei übrigens nicht mit „Vaterland“ gleichzusetzen, erläuterte er. Und wenn sich der BDA nicht kritisch über den Vorstoß zum „seriellen Bauen“ geäußert hätte, so Adler, „wäre ich reichlich verwirrt“.

Claus Leggewie, Foto: Till Budde

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie, ausweislich seiner Beispiele ein routinierter Architekturbiennale-Besucher, brachte einen gewissen Friedrich Engels ins Spiel mit einem Diktum zur Wohnungsfrage: „Gebäude drücken den Wert des Bodens!“, um dann bei Lebbeus Woods zu landen: „Architektur ist von Natur aus ein politischer Akt!“ Die fehlende Balance zwischen Stadt und Land hält Leggewie für das Hauptübel in der Wohnungsfrage. Und er zitierte ausgerechnet die FAZ: „Wer sagt denn, dass Boden Privateigentum sein muss?“

BDA-Vizepräsident Kai Koch und Vittorio Magnago Lampugnani im Gespräch, Foto: Till Budde

Vittorio Magnago Lampugnani garnierte seinen Dialog mit BDA-Vizepräsident Kai Koch mit viel abwägendem Sowohl-als-auch. Seine Zustimmung zu den BDA-Grundpositionen war aber eindeutig: Das „extrem kluge“ Papier habe ihn überzeugt. Dann sinnierte er über Freiräume und öffentlichen Raum. Diese dürfen keine Resträume sein, Städtebau sei im Gegenteil der Entwurf des öffentlichen Raums. Seine mehrfach herangezogenen Londoner Squares seien zwar in Privatbesitz, sie hätten dennoch gemeinwohlstiftende Qualitäten. Sein Hauptanliegen: Die moderne Stadt müsse mit den Qualitäten der historischen Stadt geplant werden. Der daraufhin von Kai Koch geäußerten Kritik an der Frankfurter Altstadtsimulation („Disneyland ist wahrhaftiger als diese Altstadt!“) wich Lampugnani aus: Dazu kenne er das Projekt zu wenig.

Sonja Moers, Manuel Ehlers, Elke Reichel, Michael Sachs, Peter Scheller und Thomas Welter (v.l.n.r.), Foto: Till Budde

Nach der Mittagspause ging der BDA-Tag in eine offene Diskussion unter der Moderation von Elke Reichel und Thomas Welter über. Manuel Ehlers stellte als Abgesandter der alternativen Triodos-Bank deren Förderungsprinzipien für eine gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung vor. Michael Sachs fand, dass die BDA-Grundpositionen nicht pointiert genug die Grundkonflikte aufzeigten. Die Architekten sprach er allerdings von der Schuld für Fehlentwicklungen frei, der Appell für eine andere Bodenpolitik richte sich vielmehr an die Kommunen.

Die Architektin Sonja Moers stellte sich als Angehörige der „Generation Golf“ vor. Diese habe in den letzten 25 Jahren den Mund nicht weit genug aufgemacht, sich vielmehr als Garanten für Kosten und Termine positioniert. Durch die boomende Bau-Konjunktur derzeit seien die Architekten aber in der Position, gemeinsame Ziele durch Überzeugungsarbeit durchzusetzen. Der Architekt Peter Scheller kritisierte die Politik: „Politiker wollen immer überall dabei sein, doch dann bleiben sie stumm und delegieren Entscheidungen an die überforderte Verwaltung“. Das durch Bürgersinn erheblich beeinflusste Neubauprojekt auf dem Grundstück der Esso-Häuser, auf der Reeperbahn nur wenige hundert Meter vom Tagungsort entfernt, nannte er als Positivbeispiel, von dem auch der bayerische Investor inzwischen überzeugt sei. Kunststück: Durch die gemeinwohlorientierten Veränderungen des Plans kann er eine höhere als die ursprünglich geplante Ausnutzung realisieren.

Benedikt Hotze

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