Andreas Denk

Fortschritt

Die Gesellschaft und ihre Architektur

Was heißt eigentlich „Fortschritt? Und was bedeutet der Begriff in der Übertragung auf die Architektur? Im 18. und 19. Jahrhundert, auch noch im 20. Jahrhundert war die Verwendung des Begriffs über einen wesentlichen Zeitraum eindeutig und unbestritten. Jedoch ist dem „Fortschritt“ im Laufe seines gesellschaftlichen, technischen und ökonomischen Bedeutungswandels immer mehr ideologische Bedeutung zugekommen. Die Art und Weise beispielsweise, wie Sigfried Gideon die Architektur des 19. und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kompilierte, um sie zu einer Triumphgeschichte der Moderne mit der Schöpfungskrone Le Corbusier zu verdichten, ist dafür symptomatisch. „Fortschritt“ im teleologischen Sinne wurde so zu einem Leitbegriff der Moderne.

Mit der beginnenden Kritik an der Moderne wiederum geriet auch der Fortschrittsbegriff in Misskredit. Heute, in einer Zeit, in der die Komplexität und Relativität von Ereignissen und Handlungen mehr als je zuvor bewusst ist, ist nicht nur Ideologiekritikern der Glaube an die Linearität einer gesellschaftlichen, technologischen, wirtschaftlichen oder ästhetischen Entwicklung, die vor allem positiv bewertet ist und womöglich auf ein ideales Ziel zuläuft, weitgehend geschwunden. „Fortschritt“ belegen heute viele zugleich mit dem negativ konnotierten Wort der „Fortschrittsgläubigkeit“ als Ausdruck einer einfältig-optimistischen Auffassung von Erfindungen oder Entwicklungen, die die Auswirkungen menschlicher Handlungen nur unzulänglich in den Blick nimmt. Unsere Erfahrungen mit der eigenen Zivilisation belegen, dass das, was technisch oder ökonomisch als Fortschritt betrachtet wird, nicht zwangsläufig auch sozialen Fortschritt bedeuten muss. Der soziale Fortschritt wiederum bedarf offenbar nicht zwangsläufig einer ökonomischen oder technischen Grundlage.

Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste, Triptychon, ca. 1503 / 1504, Museo del Prado, Madrid

Diese Ungleichungen gelten auch und besonders für die Architektur als Kombination künstlerischer, technischer und sozialer Implikationen. Konnte Gottfried Semper noch Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Übertragung der Methodik der Naturwissenschaft seiner Zeit auf sein Metier annehmen, dass sich die Architektur aus einer Art Urkonstruktion entwickelt habe, die sich im Laufe der politisch-sozialen Entwicklung der Gesellschaft immer weiter diversifizierte und sich auf eine demokratische Form hin entwickele, fehlt der vielstimmigen Gegenwart eine solche Übereinkunft völlig. So lässt sich analog zur stilistischen Diversifizierung der Architektur eine immer weitgehendere Diffusion ihrer funktionalen, konstruktiven, ökologischen und ästhetischen Zielsetzung beobachten.

Um Lösungsansätze für die immer sichtbareren Probleme unserer Lebenswelt im 21. Jahrhunderts zu bieten, müsste in der Architektur eine Kette von Entwicklungen stattfinden, die ihren „enzyklopädischen“ Anspruch (Gerd de Bruyn) erneuert. Die bereits beim 17. Berliner Gespräch 2012 unter dem Motto „Architektur als Lebensmittel“ geforderte Weiterentwicklung der Architektur zu einer Querschnitts- oder „Lebenswissenschaft“, die auch die anderen Künste und Gesellschaftswissenschaften in Analyse und Entwurf miteinbezieht, bleibt bestehen. (s. der architekt 1/13, S. 17 ff.).

Beim Berliner Gespräch 2013 sind deshalb unterschiedliche Felder des technischen und des sozialen „Fortschritts“ im Hinblick auf ihre Auswirkungen untereinander kritisch diskutiert worden. Dabei richtete sich das Erkenntnisinteresse zunächst auf die Auswirkungen der unterschiedlichen Entwicklungen auf das Leben der Menschen allgemein, auf die Gültigkeit des Begriffs selbst und auf die Auswirkungen auf die planenden Disziplinen. Die Diskussion wird eingeleitet durch Beiträge, die die grundsätzlichen philosophischen Bedeutungsebenen des Begriffs „Fortschritt“ ventilieren (Armin Nassehi) und die Möglichkeit und Umstände eines architektonischen Fortschritts erwägen (Gerd de Bruyn). Der weitere Verlauf des Berliner Gesprächs 2013 wurde durch eine offene „Arena-Diskussion“ mit Referenten aus verschiedenen Disziplinen (die Kulturhistorikerin Susanne Hauser, der Medienspezialist Nico Lumma, der Philosoph Jan-Christoph Heilinger und der Architekt Thomas Willemeit) bestritten, die den Begriff des „Fortschritts“ aus Sicht ihrer Wissenschaft, aber immer auch im Hinblick auf die Auswirkungen auf Gesellschaft, Architektur und Stadt untereinander, mit den Moderatoren Matthias Böttger und Andreas Denk sowie mit dem Publikum diskutiert haben. Die Konsequenzen liegen auf der Hand.

Prof. i.V. Andreas Denk studierte Kunstgeschichte, Städtebau, Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Vor- und Frühgeschichte in Bochum, Freiburg i. Brsg. und in Bonn. Er ist Architekturhistoriker und Chefredakteur dieser Zeitschrift und lehrt Architekturtheorie an der Fachhochschule Köln. Er lebt und arbeitet in Bonn und Berlin.

Abb.: Hieronymus Bosch, Der Garten der Lüste, Triptychon, ca. 1503 / 1504, Museo del Prado, Madrid (via wikimedia)

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