persönliches

Gerhard Balser (1929–2013)

Gerhard Balsers Wiege stand in einem Architektenhaus in Neu-Isenburg, Büro und Wohnung waren kaum voneinander getrennt. Der Geruch von Zeichenpapier und die Bilder von Reißschienen und Dreiecken gehörten zu seinen ersten Wahrnehmungen, und die ständigen Gespräche über das Bauen prägten von früh auf seine Entwicklung. Die Sehnsucht, genau so ein Architekt wie der bekannte Vater Ernst und der ältere Bruder Günther zu werden, lag auf der Hand.

Der Vater jedoch, ein Mann von starkem Willen und Durchsetzungskraft (weshalb Ernst May ihn als obersten Bauleiter mit nach Russland nehmen wollte) war ständig juristischer Hilfe bedürftig und entschied aus ganz praktischen Erwägungen, dass der zweite Sohn nicht als Architekt, sondern als Jurist in sein Büro einzutreten habe. Gegen diese väterliche Willkür blieb dem Sohn nur, den Studienplatz weit weg nach Amerika zu verlegen.

In den USA erlebte Gerhard Balser die frischen 1950er-Jahre-Architekturen von Mies van der Rohe und von Skidmore, Owings & Merrill – und war so begeistert, dass sein Wunsch, Architekt zu werden, unumstößlich wurde. Ohne ein juristisches Examen in der Tasche kam er nach Hause und überzeugte den Vater, zusätzlich auch Architektur studieren zu müssen, um die väterlichen Vorstellungen von einem büroeigenen Fachanwalt kompetent ausfüllen zu können.

Sein großer Lehrer wurde Egon Eiermann in Karlsruhe. Er war für Gerhard Balser nicht nur Idol in Sachen Architektur, sondern auch als Mensch ein unerschütterliches Vorbild. Von ihm lernte er die Beharrlichkeit, Probleme immer wieder von Grund auf neu zu durchdenken, in steter Vereinfachung die Substanz zu klären und, wie Egon Eiermann es nannte, dem Gesetz auf die Spur zu kommen. Dann wird Architektur nicht nur richtig (Eiermanns höchstes Lob), sondern auch schön: „Schönheit ist der Glanz des Wahren“. Auch lernte Balser vom Meister den Humor und die spöttische Art, mit der er sich seine Freiräume schuf.

Eiermanns Architekturverständnis wurde zum Leitbild des jungen Studenten, der schon in Karlsruhe gleichgesinnte Kommilitonen einlud, um mit ihnen gemeinsam in Frankfurt diese Architekturhaltung umzusetzen. 1956 machte Gerhard Balser bei Eiermann Diplom und trat in das väterliche Büro ein. Früh wurde er in den Bund Deutscher Architekten und den Deutschen Werkbund berufen. Erst einige Jahre später, 1961, konnte Balsers Traum von einer arbeitsteiligen Architekten-Partnerschaft verwirklicht werden: Gerhard Balser, Rolf Schloen und ich gründeten die „Architektengemeinschaft Gerhard Balser“. Balser hatte dazu Vorbilder in den USA schätzen gelernt, als wir hier noch dem Ideal des erfolgreichen Einzelkämpfers nachhingen. Wir bauten aus dem patriarchalischen Büro des Vaters eine moderne Architekturwerkstatt, die mit dem analytisch-heiteren Geist Eiermanns beseelt war und durch die juristische Denkschulung (Balser, Schloen) geerdet blieb.

44 Jahre, bis 2005, hielt diese von Gerhard Balser erdachte Gemeinschaft zusammen – vier lange Jahrzehnte ohne Zerwürfnis, immer mit Aufträgen, nie mit einem Rechtsstreit und stets mit vollem Respekt vor der Selbstständigkeit der Partner in gemeinschaftlicher Verantwortung. In den vergangenen fünf Jahren gehörte noch Roger Bundschuh dazu.

Unsere Bauherren schätzten die Effizienz der für sie entwickelten Gebäude und deren gutes Funktionieren, aber auch den hohen Identitätswert, den sie für Besitzer und Nutzer bis heute bereithalten. Als die Gründer 75 Jahre alt wurden, schied das Büro aus dem Geschäftsleben aus.

Viele Bürohäuser und Wohnsiedlungen, Hochhäuser und Verkehrsbauten, Kultur- und Geschäftsgebäude bleiben mit dem Namen Gerhard Balser verbunden.

17 Jahre lang brachte Gerhard Balser seine Kommunikationsbegabung auch als Präsident des Union International Club zur Geltung und genoss die hohe Anerkennung, die ihm dort zuteil wurde. Am 29. April 2013 ist Gerhard Balser gestorben.

Hubertus von Allwörden

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