tatort

Anachronistisch orientalisierend

Wieder fahnden wir nach einem Bauwerk, das eine besondere Rolle in der Architekturgeschichte spielt oder gespielt hat – sei es durch eine besondere Eigenschaft, eine ungewöhnliche Geschichte oder eine spezifische Merkwürdigkeit. Welches Gebäude suchen wir, wo steht es, und wer hat es entworfen? Lösungsvorschläge können Sie per Post, Fax oder E-Mail an die Redaktion senden. Unter den Einsendern der richtigen Antwort verlosen wir ein Buch. Einsendeschluss ist der 15. Juli.

Das Bauwerk gehört zu den größten Kuriositäten des Landes. Seine Form lässt sich indes nicht auf den mitunter eigensinnigen Geschmack der Bewohner der Stadt, in der es entstand, zurückführen, sondern verdankt sich dem Marketingkonzept eines Tabakkonzerns, der es als Manufakturgebäude errichtete. Die Entstehungszeit des Monumentalbaus in der zweiten Hälfte des ersten Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts lässt sein historisierend-orientalisierendes Gewand anachronistisch erscheinen. Tatsächlich war es jedoch der erste vollständig als Stahlbetonskelettbau ausgeführte Industriebau Europas. Die Suche nach einer passenden Ikonographie ließ seinen Architekten offenbar zu einer beliebten analogen Methodik des Historismus greifen: Entsprechend dem Herkunftsgebiet des Produkts war das stilistische Kleid zu wählen, das in diesem Fall der Grabmoschee des Sultans al-Aschraf Saif ad-Din Qayit-Bay in Kairo nachempfunden wurde. Während die Westfassade der Tabakfabrik mit Wandfliesen im Stile á la Isfahan verkleidet wurde, erhielten die anderen Fronten eine ornamentale Kombination aus Granit, farbigen Betonwerksteinen, Ziegeln und farbigen Putzflächen, die mit Fliesenornamenten und rot-weißen Bändern in Kunstsandstein gefasst wurden. Anstelle einer gemauerten Kuppel wie beim Kairoer Vorbild bekam der Bau eine farbige Glashaube, die des nachts spektakulär über der Stadt leuchtete. Die in der ehemaligen ostdeutschen Residenz unerlaubten Großschornsteine kaschierte der Architekt, der bei Cornelius Gurlitt über den „neuzeitlichen Theaterbau“ promoviert hatte, als Minarette. Auch der Name des Bauwerks verdankt sich wahlweise einem türkischen Tabakanbaugebiet oder einer nordgriechischen Tabakstadt. Das skurrile Gebäude wurde zu seiner Entstehungszeit kontrovers diskutiert, eignete sich aber bestens als Werbemotiv für Zigarettenmarken wie „Salem Aleikum“, „Kalif von Bagdad“ oder „Ben Abdullah“, die hier produziert wurden. Dem Architekten gereichte das offenbar nicht nur zum Vorteil – sogar der Ausschluss aus dem Verband, dem er angehörte, ist kolportiert, aber nicht belegt. Er wurde später Mitglied der NSDAP, heiratete die Halbschwester Adolf Hitlers und beging 1945 Selbstmord. Sein Bauwerk hatte ein weniger ideologiegeprägtes Leben. Nach Kriegsschäden reduziert wieder aufgebaut, wurde es zum „Zentralen Tabakkontor der DDR“. Die Versuche einer Wiederherstellung des ursprünglichen Zustands wurde in den 1990er Jahren begleitet von einem Entwurf zu einem Erweiterungsbau von Axel Schultes. Nach dem Scheitern dieser Pläne wird es heute – nach einem Umbau durch Hentrich Petschnigg und Partner – als Bürogebäude genutzt. In gewisser Weise hat sich sein Schicksal erfüllt: Unter der gläsernen Kuppel finden nun regelmäßig Märchenvorlesungen statt.

Der „Tatort“, den wir in der letzten Ausgabe gesucht haben, war das ehemalige Hauptlagerhaus der Gutehoffnungshütte in Oberhausen, das zwischen 1921 und 1925 nach einem Entwurf von Peter Behrens entstand. Gewinner des Buchpreises ist Martin Malewski aus Bonn.

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