Beitrag von Franziska Kramer

Gestalt, Figur, Äußeres

Begriffsgeschichten

Die Form, aufgefasst als eine der „inneren“ Bestimmungen von Architektur,(1) stellt grundlegende Fragen an das Entwerfen und Bauen von Räumen. Erst durch Zuordnung im Raum wird beispielsweise eine Linie ihrer Definition zugeführt, bestimmt ein proportionales Verhältnis, wird wirksam. Die Wirkung von Formen entfaltet sich durch ihre Relationen, durch das in-Beziehung-Setzen an Orten, durch ihre „äußeren“ Bestimmungen. Über das Zusammenwirken von Formen an Orten können weiter Relationen definiert werden, durch die auch gesellschaftliche und soziale Fragen Ausdruck finden – so kann der Form auch ein symbolischer Charakter zugeschrieben sein.

Den Zusammenhang zwischen Wirksamkeit, Bestimmung und Symbolik von Form, oder besser: von Formen in Räumen, definiert der Kunsthistoriker Henrí Focillon in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Das Leben der Formen als „psychologische Landschaft“: „Die Formen in ihren verschiedenartigen Zuständen schweben natürlich nicht in einer abstrakten Zone über der Erde, über den Menschen. Sie vermischen sich mit dem Leben, aus dem sie hervorgehen, wobei sie bestimmte geistige Bewegungen in den Raum übertragen.“(2) Mit dieser Feststellung definiert Focillon eine wichtige Eigenschaft der Form: ihr Potenzial, durch Bedeutung räumliche Wirksamkeit entfalten zu können.

Um dem Begriff der Form nachzugehen, müsste hier also zu Beginn ein Verständnis ihrer verschiedenen Bedeutungs- und Wirkungsebenen für die Architektur zugrunde gelegt werden. Denn Form, als zunächst in seiner Dimensionalität definiertes Element, ist angewiesen auf eine Bedeutungsebene, die sie bestimmt, wie beispielsweise ein assoziativer Moment, der durch Ansammlungen von Formen entstehen kann.

Produktionssiedlung, aus: Schwarz, Rudolf. Von der Bebauung der Erde. Heidelberg 1949.

Die Vorstellung einer solch sinnstiftenden Bedeutung von Form ist in Rudolf Schwarz’ Publikation Von der Bebauung der Erde(3) zu finden. Der Architekt illustriert seine Prinzipien vom (Städte-)Bauen anhand von Grafiken, die zeigen, inwiefern er die Stadt als ein Gewebe aus verschiedenen „Nebeneinander“ versteht. In der 1949 erschienenen Publikation erläutert er den Zusammenhang von Siedlungsbau und Form im Kontext des Wiederaufbaus. Die Grafik bildet die Konzeption einer Siedlung ab, die einer Maschine (wie Schwarz es beschreibt) gleicht. Im Inneren befinden sich ein dicht erscheinendes Zentrum, das Produktionszentrum, in der Mitte sind organische Formen gezeichnet, die an ei­nen landschaftlichen Park erinnern, und an den äußeren Rändern der Zeichnung ist ein Raster zu sehen, das an Wohnquartiere denken lässt. Das Ganze, so erläutert Schwarz, formt sich zu einem Zusammenhang, zu einer Gestalt.(4) Dies deutet auf ein Verständnis von Form hin, das Zusammenhänge definiert und Stadt zu einem Ganzen zusammenführt.(5)

Von einem weiteren Aspekt der Form schreibt Bruno Taut in seiner Architekturlehre. Für ihn liegt in der Überlagerung historischer und gegenwärtiger Formen oder Formensprachen an einem Ort die Grundlage für architektonischen (und gesellschaftlichen) Reichtum.(6) Dazu schreibt er in seiner Vorlesung zur Proportion: „Die Typen der Architektur erhalten dadurch Leben, daß die Gebäude je nach dem Lande, in dem sie gebaut werden, eine andere Form erhalten.“(7) Damit ist hier eine weitere, „äußere“ Bestimmung der Form angesprochen: die des Ortes und seiner konstruktiven und kulturellen Techniken und Gewohnheiten – etwas, wodurch der Form ein Zweck zugeschrieben wird. Tauts Annahme, dass die Bedeutungsebene der Form durch den Ort bestimmt wird, kann hier als eine Auffassung verstanden werden, die zeigt, inwiefern Form erst durch und in Raum und Zeit zu einer Bestimmung findet.

Die Hinweise auf das räumliche Potenzial der Form, die in den genannten Gedanken von Focillon, Schwarz und Taut formuliert sind, zeigen auf, dass in dem Begriff der Form mehr enthalten sein muss als seine offensichtliche, zunächst dimensionale Konzeption. Diesen Gedanken zum Anlass nehmend, untersucht der vorliegende Beitrag den Begriff der Form anhand seiner räumlichen Dimensionen und widmet sich den heute seltener verwendeten, aber verwandten Begriffen der Gestalt, der Figur und des Äußeren. Dabei kann hier weniger eine vollständige Begriffsgeschichte vorgelegt werden, als vielmehr der Versuch eines interdisziplinären Verständnisses der Begriffe selbst und ihrem Zusammenwirken sowie in der Folge ihre Bedeutung für den architektonischen Entwurf und das Entwerfen von Stadt.

Gestalt

Der Begriff der Gestalt erscheint als der schwierigste in der Reihe von Begriffen, die mit dem Begriff der Form verwandt sind. Zunächst ist Gestalt, nach Edmund Husserl, als etwas Figuratives zu verstehen; dem Begriff wohnt also ein körperliches und sinnliches Moment inne, der Fragen an die Wahrnehmung und Ästhetik von Raum stellt. Dieser Begriff ist bei Husserl direkt an einen Moment der (subjektiven) Wahrnehmung geknüpft: an die Erfahrung von Körpern in Räumen. Der Begriff der Gestalt impliziert damit sowohl ein objektives als auch ein subjektives Moment; es scheint einen definierten und einen weniger definierten Aspekt des Begriffs zu geben. Nach Grimms Wörterbuch deutet der Begriff der Gestalt auf die Beschaffenheit von etwas hin, sowie auch auf die Art, wie etwas beschaffen ist. Diese Mehrdeutigkeit, die dem Begriff zu eigen ist, mag eine Voraussetzung für seine Verwendung in vielen Disziplinen und Kontexten sein, wie etwa in den Religionswissenschaften, der Kunstwissenschaft oder auch den Naturwissenschaften. In der Mehrdeutigkeit des Begriffs liegt vielleicht aber auch seine Problematik. Im Nationalsozialismus wurde er schließlich als Grundlage für die Entwicklung von Rassenideologien benutzt und wurde somit als Begriff im Folgenden instrumentalisiert und deformiert.(8)

Manuskript von Camillo Sittes Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen, Archiv der TU Wien.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Begriff zunächst aber im Kontext der aufkommenden Forschung in der Phänomenologie erschienen, deren Gedanken parallel in der Städtebauliteratur um 1900 aufgegriffen wurden. In der Beschreibung städtischer Zusammenhänge wird zum Bei­spiel von der Gestalt der historischen Stadt gesprochen, wie bei Camillo Sitte, von der Anlage der Stadt als eine Gestalt, wie bei Cornelius Gurlitt(9), oder auch von der Gestalt der Straße selbst, wie bei Walter Curt Behrendt.(10) Hier wird der Begriff also vorwiegend als Synonym für die Form verwendet. Neben dieser Verwendung taucht er in veränderter Form aber auch für die Beschreibung der gesellschaftlichen Grundlagen des (Städte-)Bauens auf, wie bei Theodor Fischer, der in der Vielgestaltigkeit des Lebens die menschliche Sehnsucht nach natürlichen Motiven sieht.(11) Es gibt also auch ein Bewusstsein über die körperlich-räumliche Bedeutung des Gestaltbegriffs in der Architektur, der immer dann in der Literatur erscheint, wenn eine eher schwer zu definierende Aussage über das Verhältnis von Form und Raum die Intention ist. Damit einher geht die Tendenz eines vermehrten Interesses im Städtebau an der Beschreibung des Innen-Außen-Verhältnisses als sich gegenseitig bedingende Einflussgröße. Es entsteht ein Verständnis, das die Stadt als Ganzes betrachtet, als einen (räumlichen) Organismus. Dieser Gedanke taucht unter anderem bereits bei Reinhard Baumeister auf, der in seiner Publikation Stadterweiterungen in technischer, baupolizeilicher und wirthschaftlicher Beziehung moniert, dass die Entwicklung der Stadt nicht in eine „vorgeschriebene Form“ hineingezwängt werden könne.(12)

Auf den Begriff der Gestalt mit dem Hinweis auf seine phänomenologische Lesart von Stadt im 20. Jahrhundert wird später in Kevin Lynchs Publikation Das Bild der Stadt verwiesen. Kevin Lynch greift die Aspekte des Begriffs auf, wie sie auch schon in den bereits benannten Städtebauliteraturen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erscheinen. Der Verweis auf die Bedeutung des Figur-Grund-Prinzips, die Bedeutung der Wahrnehmung von Grenzlinien und Markierungen, überführt er schließlich in eine Theorie über das bewusste Erleben von Stadt, in der Weiterentwicklung von Husserls Subjekt-Objekt-Gedanken. Dabei führt Lynch die verschiedenen Aspekte zusammen und plädiert für ein Nebeneinander vielfältiger Räume, ebenfalls ein Gedanke, der sich um 1900 bereits in der Theorie und Architektur Theodor Fischers äußert. Gestalt ist in diesem Zusammenhang also mehr als die „gute und zweckvolle Form“, sondern auch die inhaltliche Bestimmung eines Raumes an einem Ort.

Figur

Konstruktion zum Gießen einer Reiterstatue, aus: Denis Diderot und Jean Baptiste Le Rond d’Alembert. Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers. Paris 1751.

In Diderots und d’Alemberts Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers(13) ist der Stich eines Pferdes über den Bronzeguss der Skulptur einer Reiterstatue abgebildet. Zu sehen ist der Bau einer inneren Form aus Eisen, die die Skulptur mit seinem Reiter darauf bestimmt. Dann ist dort eine äußere Form zu sehen, die für den Bronzeguss kon­struiert wurde, und als technischer Umbau einer eigenen Logik folgt. Nach Grimms Wörterbuch verweist der Begriff der Figur auf den Begriff der Gestalt. Dieser wird allerdings meist im Zusammenhang mit der menschlichen Gestalt verwendet, kann aber auch symbolisch konnotiert sein. Der Begriff der Figur ist weiter zentral für die Gestaltpsychologie, die sich mit der Wahrnehmung von Vorder- und Hintergründen und der Bedeutung für die (sinnliche) Erscheinung von Formen beschäftigt. Auffassung und Erkenntnisse der Wahrnehmung von Vordergrund und Hintergrund finden auch Einzug in die Kunstwissenschaften und die Architektur.

In der Städtebauliteratur legt Camillo Sitte mit seiner Schrift Der Städtebau nach seinen künstlerischen Grundsätzen 1889 eine Arbeit vor, die sich nicht dem reinen Konstruieren von Stadt, sondern seinen ästhetischen Prinzipien widmet. In seinen Zeichnungen von Platzsituationen, Straßen und Monumenten wird deutlich, dass die Publikation auch eine Kritik an den vorhandenen Formen im Städtebau ist. Ein Platz in der Stadt wird bei Sitte als räumliche Figur verstanden, die ihm entweder „gut“ oder „schlecht“ für die Komposition von städtischen Räumen scheint. Die in seinem Buch dargestellten „Platzfiguren“ verdeutlichen seine Präferenz für unregelmäßige Formen, denn diese seien als gut zu bewerten, während die Regelmäßigkeit (das regelmäßige Rastrieren durch Parzellen) als schlecht. Es gibt also in Sittes Verständnis auch eine schlechte Form, die für die Wahrnehmung von Stadt höchst ungefällig auf den Menschen wirkt – er geht davon aus, dass der Stadtraum eine in sich geschlossene Figur abbildet. „Freigeschälte“ Kirchen oder Monumente hingegen, die auf den Plätzen frei positioniert sind, präsentierten sich allzu sehr eigenständig und würden zu keinem guten Stück Stadt führen.

Sittes Publikation ist damit auch als Kritik an „reiner“ Form zu verstehen. Als gut gelungen ist für ihn hingegen eine Form, die sich an dem Vorhandenen orientiert. Sein Verständnis führt damit die Auffassung von Stadt als Gebilde ein, das auf den vorhandenen Formen von Stadt und Landschaft – wie beispielsweise von ihren Parzellen her – aufgebaut wird. Somit liegt bei Sitte die Idee vor, die die Figur als einen fortlaufenden (unregelmäßig geformten) Raumzusammenhang versteht.
Der Begriff der Figur ist so eng dem Begriff der Gestalt zugeordnet. Er drückt allerdings den direkten Zusammenhang von körperlich-sinnlicher Erfahrung und Form aus. Mit der Bestimmung der Figur eines Straßenraums wird der Umriss der Raumfigur des (gebundenen) Stadtraums definiert. Anders gesagt: Die Figur einer Kirche an einem Platzraum kann die Figur des Platzraums selbst bestimmen. In Bezug auf die Architektur deutet der Begriff bereits auf das ambigue Verhältnis innerer und äußerer Stadträume hin.

Äußeres

Wenn im Folgenden vom Äußeren die Rede ist, wird hiermit zunächst im Kontext dieses Beitrags auf die Beschreibung von Innen und Außen verwiesen, das als voneinander abhängiges Begriffspaar im Städtebau, der Philosophie und der Ästhetik oft beschrieben ist. Es gibt kein Außen ohne ein Innen – durch die Relation von beidem bildet sich die Räumlichkeit der Stadt ab, durch ihr Zusammenwirken erklären sich gesellschaftliche Verhältnisse. Oft ist, wie auch bei Georg Simmel, vom Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft die Rede, wenn es um den Innen-Außen-Bezug als theoretische Maßgabe geht. Wenn etwas als „Äußeres“ beschrieben ist, ist damit zunächst das Draußensein gemeint und die Definition eines Aufenthalts an einem Ort. Dem Begriff des Äußeren liegt demnach eine Ambiguität inne, die etwas mit der räumlichen Definition zu tun hat. Denn wer sich Außen befindet, kann gleichzeitig auch Innen sein.(14) Bezogen auf die räumliche Situation eines Ortes, wie beispielsweise der Nische eines Hauseingangs, verweist dies auf das Verständnis städtischer Außenräume als innere Außenräume. Die Auffassung der Form als grenzdefinierende Bestimmung der Architektur anhand derer sich Raum entfaltet, verweist darauf, dass das Innen-Außen-Verhältnis einer genaueren Definition bedarf. So gibt es eine zweiseitige Ausformulierung der Form als Grenze. Während die innere Form eines Hauses Innenräumlichkeit bestimmt, bestimmt die äußere Form den Stadtraum: Plätze, Straßen, Höfe und Nischen. Innere und äußere Formen definieren das räumliche Potenzial von Stadt und Landschaft und begegnen sich dort, wo Öffnungen entstehen, wo es Durchgänge, Zugänge, Schwellen gibt. Im städtischen Kontext kann dort, wo gebundene Räume auftreten, davon ausgegangen werden, dass es eine direkte Abhängigkeit von Innerem und Äußerem gibt. In der Landschaft, oder auch in der Peripherie, ist die Sache anders gelagert und es erscheint ein voneinander unabhängiges Innen im Außen. Dem Äußeren kommt in Landschaft und Peripherie also eine höhere Bedeutung zu als im dichten Gewebe der Stadt, in dem Innen und Außen verwoben sind. Diese Bedeutungsum­kehr wird in Colin Rowes and Fred Koetters Collage City(15) von 1978 thematisiert, indem die florentinischen Uffizien mit Corbusiers Unité d’Habitation in Marseille im Vergleich abgebildet sind.

Bruno Taut, in: Die Auflösung der Städte oder die Erde – eine gute Wohnung oder auch: der Weg zur alpinen Architektur, Hagen in Westfalen 1920.

In der Städtebauliteratur spiegelt sich diese Auffassung auf zwei verschiedene Arten: zum einen in der Betrachtung des städtischen Innen-Außen-Verhältnisses von Haus, Hof und Straße, zum anderen in der Beschreibung des Verhältnisses von Landschaft und Stadt. Letztere Betrachtung nimmt eine Beschreibung vor, bei der es immer ein „Außen“ gibt, die unendliche Offenheit des Feldes, die visuell im Kontrast steht zum Inneren der Stadt und schließlich auch eine neue Vorstellung von Stadt vermittelt: die Vorstellung, diese Offenheit zu bewohnen als Gegenmodell zur existierenden, dichten Stadt. Diese Vorstellung beginnt mit den ersten Konzeptionen von Gartenstadtmodellen und findet insbesondere in den Entwürfen von Bruno Taut zu einer architektonischen Form. Die Vorstellung, kleine Ansammlungen von Häusern würden sich in der Landschaft wie Objekte verteilen, bestimmt sei­ne Vorstellung von einer neuen Stadt, die er in Die Auflösung der Städte oder die Erde – eine gute Wohnung oder auch: der Weg zur alpinen Architektur illustriert. Das Gefühl von Außensein findet sich in der Anordnung der kleinen Gemeinschaften von Individuen. Für Bruno Taut ist damit auch die Vorstellung von einem distanzierten Gefühl der Gemeinschaften verbunden, das sich in der Form (Raum und Farbe) widerspiegelt.(16)

Der Begriff des Äußeren ist also derjenige unter den drei betrachteten Begriffen, der am stärksten auf das Innen-Außen-Verhältnis städtischer Räume und damit auf die Grenzbeziehungen abhebt, die durch Form definiert werden können. Im interdisziplinären Verständnis des Begriffs verweist er weiter auf die gesellschaftliche Konnotation, die der Definition von Äußerem innewohnt. Im Gegensatz zu den Begriffspaaren Gestalt und Figur ist er in der Architektur dann verwendet, wenn es um den Definitionsversuch räumlicher Grenzen geht.

Begriffsgeschichten

Wenn also die Form als Grenze eine „Wesensbestimmerin des Raumes“(17) ist, und die Form als eine „innere Bestimmung“ von Architektur gelesen wird, so sind die im Begriff der Form selbst enthaltenen Begriffe Figur, Gestalt und Äußeres diejenigen, die auf die unmittelbare sinnlich-körperliche Erfahrung von Architektur hinweisen und damit auf ihre räumlichen Qualitäten. Die „innere Bestimmung“ von Architektur kann ohne die „äußere“ keine Wirksamkeit entfalten. Die Form setzt weiter den Gedanken von Eindeutigkeit voraus, denn eine uneindeutige Form ist nicht zuletzt auch sprachlich schwer beschreibbar. Wenn die „äußeren“ Bestimmungen aber erst zu einer Vervollständigung der „inneren“ Bestimmungen von Architektur führen, weisen die hier besprochenen Begriffe auf den Moment der Uneindeutigkeit von Architektur hin. Für ein besseres Verständnis dieser (notwendigen) uneindeutigen Momente in der Architektur müssen wir uns mit den Begriffen behelfen und auch im Entwerfen von Stadt zu einer erweiterten Auffassung der räumlich-atmosphärischen Qualitäten von Architektur gelangen. Die hier besprochen Begriffe führen so auch erst in ihrem Zusammenhang zu einem vollständigen Verständnis von Architektur als atmosphärischer Konstruktion.

Dr.-Ing. Franziska Kramer ist wissenschaft­liche Mitarbeiterin (Post-Doc) am Lehr- und For­schungsgebiet Raumgestaltung der RWTH Aachen. Sie studierte Architektur in Aachen und wurde an der Politecnico di Bari und der RWTH mit einer Arbeit zur Bodenfrage im Städtebau um 1900 unter Berücksichtigung des Werks von Camillo Sitte, Theodor Fischer und Hans Bernoulli promoviert. In Forschung und Lehre widmet sie sich Aspekten der Raumtheorie, der Geschichte der Bodenfrage und dem genossenschaftlich organisierten Wohnungsbau der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Derzeit forscht sie zum Werk des italienischen Architekten Roberto Menghi mit einem Research Grant der Universität Parma.

Fußnoten

1 Vgl. Schröder, Uwe. Die Wand. Grenze der Architektur – Architektur der Grenze. In: der architekt 4 / 2016, S. 18 – 25.

2 Vgl. Focillon, Henrí. Das Leben der Formen. Göttingen: Steidl Verlag, 2019. S. 26. Das französischsprachige Original erschien 1934 unter dem Titel „Vie des Formes“.

3 Schwarz, Rudolf. Von der Bebauung der Erde. Heidelberg: Verlag Lambert Schneider, 1949.

4 Ebd. S. 106.

5 Dieses Verständnis wird bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Städtebauliteratur, wie beispielsweise bei Camillo Sitte definiert.

6 Vgl. ARCH+ 194. Bruno Taut. Architekturlehre. Aachen, Berlin: Arch+ Verlag, 2009.

7 Ebd. S. 54.

8 Vgl. Bohde, Daniela. „Gestalt“. In: Pfisterer, U. (eds) Metzler Lexikon Kunstwissenschaft. Stuttgart: J.B. Metzler, 2011. S. 150-153.

9 Vgl. Gurlitt, Cornelius. Handbuch des Städtebaues. Berlin: Der Zirkel, 1920. S. 252.

10 Behrendt, Walter Curt. Die einheitliche Blockfront als Raumelement im Städtebau. Berlin: Bruno Cassirer Verlag, 1912. S. 52.

11 Fischer, Theodor. Stadterweiterungsfragen. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1903. S. 42.

12 Vgl. Baumeister, Reinhard. Stadterweiterungen in technischer, baupolizeilicher und wirtschaftlicher Beziehung. Berlin: Verlag von Ernst & Korn, 1876. S. 87.

13 Diderot, Denis und Jean Baptiste Le Rond d’Alembert. Encyclopédie ou Dictionnaire raisonné des sciences, des arts et des métiers. 1751.

14 Vgl. Schröder, Uwe. „Raumverständnis für Architektur… und auch für Stadt“. In: der architekt 6 / 2020 Raum. Berlin: Res Publica Verlag, 2020. S. 20.

15 Rowe, Colin und Fred Koetter. Collage City. Erstausgabe 1978, Cambridge: MIT Press, 1983. S. 69.

16 Vgl. Taut, Bruno. Die Auflösung der Städte oder Die Erde – eine gute Wohnung oder auch: der Weg zur alpinen Architektur. Hagen in Westfalen: Folkwang-Verlag, 1920. S. 8.

17 Vgl. Schröder, Uwe. Die Wand. Grenze der Architektur – Architektur der Grenze. In: der architekt 4 / 2016, S. 21.

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