editorial

hingewürfeltes unglück

Da war’s wieder! Neulich auf Spiegel Online, Ressort Kultur. Der Kolumnenautor Georg Diez hat das Ziel erkannt: Es ist – Berlin! Irgendwie muss der Münchner, der in der Hauptstadt lebt, mit dem üblichen mentalen Verspätungsschaden am dortigen Hauptbahnhof gelandet sein. „Eine einzige Bausünde“ heißt folgerichtig sein Beitrag, der sich am Bahnhofsumfeld entzündet, dann aber zum Berlin-Bashing schlechthin wird. Dort stünden „Quadratbauten herum, die Nacht für Nacht vom Himmel in den brandenburgischen Sand plumpsen, ein Nichts von spätkapitalistischer Tristesse, wo der Bürger zum Fremdling degradiert und der Reisende aufs Rollkofferformat reduziert wird“. Und weiter heißt es: „Dieses hingewürfelte Unglück“ sei unfassbar, man könne „den maßlosen Masochismus“, mit dem hier Stadtplaner „in heilloser Selbstverleugnung“ wider ihre eigene Profession handelten, nur verstehen, wenn man Berlin verstünde: „Diese Stadt“, so wettert Diez, „zerfiel schon immer in ihre Bestandteile, sie verlor sich, sie hatte nie Halt, sie wuchs nie aus sich heraus, sie wurde nur immer und immer wieder neu zerstört, und das am liebsten von den Berlinern selbst.“ Dieser Duktus klingt bekannt. Karl Scheffler, dieser Tausendsassa der Kulturkritik, hatte ihn erstmals 1910 angeschlagen – in seinem Buch über „Berlin – ein Stadtschicksal“, dem Prototyp der Hauptstadtkritik: Die Stadt, so Scheffler, sei eine Kolonialstadt und werde immer eine Kolonialstadt bleiben. Ihr fehle schlichtweg ein „Grundelement“, „das einer lebendigen Liebe zur Stadt zur Basis werden könnte“.

Dem Handels- und Militärstützpunkt Berlin habe stets eine Eigengesetzlichkeit zugrunde gelegen, die dafür verantwortlich sei, dass es sich nur „unter Schwierigkeiten aller Art und zur Hälfte immer künstlich entwickeln musste und […] sich ungünstigen Verhältnissen anzupassen hatte“. Berlin, so Scheffler 1910, sei in den märkischen Sand gesetzt, dessen unsicherer Boden nur Flaches habe zugelassen. Deshalb sei die Stadt, ihre Menschen und ihre Architektur oberflächlich geblieben und „dazu verdammt: immerfort zu werden und niemals zu sein”.

Berlin“, so Diez 104 Jahre später, „ist keine Stadt wie London oder Paris, wo es ein Gefühl von Dauer gibt und einer Sicherheit, die über die Jahrhunderte hinweg greift. Berlin ist eine Oberflächenstadt, kratzt man etwas am Putz, sind darunter nur Trümmer.“

Wie in Karl Schefflers Darstellung der Mentalität der „Kolonialstadt“-Bewohner, so sind auch bei Georg Diez die Berliner kulturelle Täter und Opfer zugleich: „Denn das ist ja das andere Dilemma dieser Stadt: Es gibt kaum jemanden, der sich darüber wundert oder etwas anderes will. Es gibt kaum Stil im Alltag, es gibt kaum Hunger nach Schönheit, es gibt kaum Verständnis dafür, dass etwas besonders ist, weil es anders ist.“ Und: „Vieles an den Verhältnissen und Proportionen stimmt nicht in dieser Stadt, und das gilt für Menschen wie für Häuser.“ Die Berliner verstünden einfach nicht, so der „Spiegel online“-Kolumnist, was Stadt bedeutet: „Keine Dauerkontrolle, ob Traufhöhe oder Straßenregeln, und keine Schlechte-Laune-Attacken, sondern ein respektvolles Sein-Lassen – dann sähen vielleicht auch die Häuser etwas anders aus.“

Aber liegt es wirklich allein an den gemeinen Berlinern und ihren „altdeutschen Anschnauz-Vierteln“, in denen „immer noch der raue Ton und der Stolz auf eine etwas hunnenhafte Hässlichkeit“ gelten, wie Diez meint? Für Scheffler waren es nicht nur die Unzulänglichkeiten des „Rowdys in der Vorstadtkneipe“, die auch er kannte. In seinem Aufsatz „Wahl und Qual“ schrieb er 1907: „…Unsere Regierungen sowohl wie die herrschenden Parteien haben sich als unfähig erwiesen, ringende Zeitkräfte groß zusammenzufassen. Die Sozialdemokratie hat eine gewaltige Lebensidee dogmatisch kastriert (…) und das nach dem Freilicht der Wirklichkeiten Verlangende ins Milieu der Hinterhausbegriffe gepresst. Der Liberalismus ist nicht die Spur mehr des fruchtbaren Gedankens, der ihn geboren hat, und der Konservatismus setzt sich mit sich selbst in Widerspruch, weil er sehr oft erhält, was unterzugehen verdient, und bekämpft, was der Erhaltung und Veredlung wert wäre. Nirgends findet man Ideen von lebendig werbender Kraft.“

Auch das scheint heute noch richtig zu sein. Es ist nicht nur das Desinteresse der Berliner an den Erscheinungsformen ihrer Stadt, sondern die alles übergreifende Wurschtigkeit, die diese Stadt regiert: Gleichgültig, ob es die endlosen Planungsfehler und Bestechungsvorwürfe um den Berliner Flughafen sind, die von einem überforderten Aufsichtsrat mit Klaus Wowereit, und einem Geschäftsführer Hartmut Mehdorn mit wahrscheinlich ehrlicher Überraschung zur Kenntnis genommen werden; egal, ob es die Ablösung des Berliner Staatssekretärs für Bauen und Wohnen, Ephraim Gothe (SPD), ist, der im Alleingang und über Nacht von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde; einerlei, ob es der Fall des Kultursenators André Schmitz ist, der wegen des Verdachts auf Steuerhinterziehung im Februar dieses Jahres erst entlassen und dann ebenfalls in den einstweiligen Ruhestand versetzt wurde: Der Dilettantismus der Berliner Stadtpolitik scheint kaum zu überbieten, ist aber bestes Beispiel dafür, wie schnell Segelschein-A-Inhaber mit dem Bugsieren eines 100.000-Tonnen-Tankers überfordert sein können. Politische Vorbilder handeln anders. Kein Wunder, wenn irgendwann allen alles egal ist.

Soweit mochte Georg Diez diesmal nicht gehen. Karl Scheffler tat es 104 Jahre früher und erweist sich als Weltweiser: Im Falle Berlins, so der Autor des „Geists der Gotik“, sei es „eine Tat der Klugheit, die bestimmenden Kräfte vor allem dort aufzusuchen, wo nicht ohne weiteres die Sympathie spricht, und gerade Dinge, von denen man sich abgestoßen fühlt, ganz objektiv zu nehmen. So nur söhnt man sich mit der Tragik aus, der alle Lebenserscheinungen unterworfen sind.“

Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

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