Gespräche mit Susanne Wartzeck

Im Laubengang

Das Gespräch führt BDA-Präsidentin Susanne Wartzeck und Die Architekt-Redakteurin Elina Potratz dieses Mal in eine architektonische Ikone der 1950er Jahre, die glücklicherweise bis heute in der ursprünglich angedachten Weise genutzt wird: Als Lern- und Experimentierraum für angehende Kunstschaffende, bei dem die Baukörper kunstvoll mit der umgebenden Natur verwoben sind. Die Akademie der Bildenden Künste von Sep Ruf, erbaut 1954 bis 1956 in einem östlichen Außenbezirk von Nürnberg, ist dabei auch ein Erinnerungsort für die BDA-Präsidentin, die hier Ende der 1980er-Jahre Innenarchitektur und Möbeldesign studierte. Zugleich regt die Architektur eine Reflexion des gegenwärtigen Umgangs mit dem Bestand an.

Elina Potratz: Frau Wartzeck, wie hat es sich studiert in so einem herausragenden Gebäude der Nachkriegsmoderne?

BDA-Präsidentin Susanne Wartzeck, Foto: Klaus Hartmann

Susanne Wartzeck: Für mich war die Akademie ein großartiger Bildungsort, weil man dort mit jeder Faser lernen und aufnehmen konnte, was richtig gute Architektur ist. Entscheidend für das Erlebnis ist dabei das Motiv des Laubengangs, der die locker aneinandergereihten Pavillons miteinander verbindet. Das Unmittelbare der Erfahrung zwischen Innen und Außen ist wirklich herausragend. Die Differenzierung in verschiedene Außenbereiche, überdacht oder ganz offen, sowie die schöne Aula, die für unterschiedlich große Veranstaltungen und Treffen zur Verfügung stand, waren sehr inspirierend und haben eine besondere Grundstimmung ausgelöst. Und obwohl die alten Bauten einzigartig sind, sind sie trotzdem einladend und selbstverständlich, sie vermitteln das Gefühl, sie sich kreativ aneignen zu dürfen.

Das Gebäude ist weitgehend so konserviert worden, wie es erbaut wurde – auch, weil es seit 1988 unter Denkmalschutz steht. Wenn wir über „Sorge um den Bestand“ sprechen, fällt eine Verwandtschaft zum Begriff der Denkmalpflege auf – „Sorgen“ und „Pflegen“ liegen nah beieinander. Kann man bei der Sorge um den Bestand von der Denkmalpflege lernen?
Unbedingt, die Denkmalpflege macht uns vieles vor. Sie sorgt sich wirklich um Gebäude. So war es auch bei der Akademie der Künste in Nürnberg, bei dem es seit der Erbauung Probleme mit dem Dach gab. Diese beruhten darauf, dass durch die Knappheit nach dem Krieg nicht die richtigen Materialien eingesetzt wurden. 1988 war das Dach dann so kaputt, dass es ausgetauscht werden musste. In dem Zuge kam auch das erste Mal die Denkmalpflege dazu, die darauf bestand, das Dach in seiner Ansicht und schwebenden Anmutung zu erhalten. Sie sorgte damit dafür, dass der Geist dieser Anlage, die Poesie, erhalten geblieben ist. Aber selbstverständlich im Hinblick darauf, dass es weiter genutzt werden kann. Denn auch das Nutzen ist immer ein ganz wesentlicher Anspruch guter Denkmalpflege. Denn nur, wenn man etwas weiter in Nutzung hält, hat es auch die Chance, erhalten zu bleiben.

Gibt es nicht durchaus Unterschiede zwischen der Herangehensweise von Architektinnen und Architekten an den Bestand und jener der Denkmalpflege?
Vielleicht gibt es in der Herangehensweise an den Bestand gar nicht so große Unterschiede. Denkmalpflege ist ja immer eine Interpretationssache. Es kommt daher sehr darauf an, wie viel Kenntnis man über ein Gebäude hat. Es gibt Bauten, bei denen es noch sämtliche Planungsunterlagen gibt – sogar das Modell zum Wettbewerb. In diesem Fall würde sich wahrscheinlich jeder Architekt damit auseinandersetzen, wie es gedacht war. In dem Moment aber, wo etwas Neues hinzukommt, wird es spannend, denn hier kann die Antwort sehr vielfältig sein. Ist es eher ein Weiterspinnen, ein Weiterbauen der eigentlichen Idee? Oder ist es ein Hinzufügen einer neuen Zeitschicht? Ist es eine Überlagerung oder ein reines Danebenstellen? Es gibt viele entwerferische Ansätze – jeder Architekt, jede Architektin entscheidet für sich selbst, was an einer Stelle angemessen ist und muss damit in den Dialog mit der Denkmalpflege treten. Und diese schaut dann, ob sie diesem Gedanken folgen kann oder eine andere Haltung dazu hat. Und ich glaube, da gibt es die meisten Diskrepanzen.

AdBK Eingang, Foto: Akademie der Bildenden Künste Nürnberg

Man kann bei Architektinnen und Architekten nicht immer von einer einheitlichen Herangehensweise an den Bestand sprechen, gibt es dennoch Ansätze oder Denkweisen, die aus der Architektur noch stärker in die Denkmalpflege einfließen sollten?
Ich würde gar nicht so ein Gegensatzpaar aufmachen, sondern eher sagen, dass es im besten Fall ein gemeinsames Aushandeln, ein Miteinander ist. Ich will damit nicht sagen, dass es nicht großartige Ideen von Architektinnen und Architekten zu einem Gebäude gibt. Nehmen wir zum Beispiel Chipperfield Architects, die in ihren Museumsbauten Elemente neu entwickeln und neu hinzufügen. Durch diese Elemente wird das Gebäude auf der einen Seite wieder funktionsfähig, auf der anderen Seite ist aber auch spürbar, dass hier etwas passiert ist. Es ist nicht nur eine Reparatur, sondern auf positive und selbstverständliche Art eine Weiterentwicklung. Es ist immer ein toller Ansatz – und dem würde vermutlich kein Denkmalpfleger widersprechen –, wenn durch so eine Weiterentwicklung die Nutzung für die nächsten 20, 30 Jahre gesichert ist. Die Impulse kommen dabei oft von Entwerfenden, die beispielsweise eine neue Idee für die Erschließung haben.

Was Architektinnen und Architekten in Zukunft vielleicht viel stärker beschäftigen wird als Denkmale, ist der Baubestand, der nicht unter Denkmalschutz steht – etwa, weil er in großer Menge vorhanden ist oder weil er architekturhistorisch nicht als wertvoll erachtet wird. Lässt sich hier dennoch etwas aus dem Vorgehen der Denkmalpflege ziehen?
Ich würde sagen: Ja! Immer, wenn wir mit solchen Projekten betraut werden, versuche ich zu vermitteln, dass jedes Gebäude eine gewisse Qualität hat, für die man es mögen kann. Oftmals gibt es dann erst einmal eine Aversion von der Auftraggeberseite und keinerlei Idee dazu, in welcher Weise man den Bau wachküssen könnte. Das Tolle ist, dass man fast immer etwas finden kann, an dem man einen ganz eigenen Charakter festmachen und darin etwas Besonderes sehen kann. Man muss es nur rauskitzeln oder freischlagen oder zurechtstutzen – wie bei einem Garten, der so zugewachsen ist, dass man nichts mehr sieht. Doch sobald man ihn ein bisschen ordnet und stutzt, sieht man plötzlich, was für einen Juwel er ist. Das ist vermutlich das, was man sich gut bei der Denkmalpflege abschauen kann – sich heranzutasten, zu sehen: Was kann das Haus wirklich gut? Und nicht: Was kann es eben gerade nicht gut? Die Institution des Denkmalschutzes greift natürlich nur, wenn man es mit einem Denkmal zu tun hat. Das fehlt vielleicht bei unserem Bestand: dass man immer wieder jemanden hat, mit dem man in den Dialog gehen und der mit seinen Erfahrungen und Beispielen helfen kann.

Bräuchte es demnach so etwas wie ein Amt für Bestandsschutz?
Vielleicht nicht unbedingt ein Amt, aber es wäre schön, wenn man auf eine Art Tool zurückgreifen könnte. Oder anders: Es ist wichtig, immer wieder gute Beispiele gelungener Umbauten zu finden und sich genau anzuschauen, was dort gemacht worden ist. Ist viel gemacht worden oder hat man sich getraut, so wenig wie möglich zu machen, um zum Ziel zu kommen? Ich glaube, eine Ermutigung für Auftraggebende und Entwerfende könnte darin liegen, zu sehen: Weniger ist manchmal mehr.

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