neu im club 5/14

Interpreten der äußeren Bedingungen

Elke Reichel und Peter Schlaier, Reichel Schlaier Architekten BDA, Stuttgart

David Kasparek: Gibt es für Ihre Arbeit relevante Vorbilder?
Peter Schlaier:
Vorbilder können ja etwas lähmendes haben. Wenn man stattdessen – ohne Vorbilder – ‚unbelastet‘ an bestimmte Themen herangeht, gibt es später eher die Möglichkeit, sich wieder von bestimmten Arbeitsphasen zu distanzieren, weil man sich eben weiterentwickelt hat.

Distanzierung von früherem also durch Weiterentwicklung. Droht sonst die Stagnation?
Elke Reichel:
Klar. Man muss schon immer wieder den eigenen Kosmos wechseln. Auch damit man selbst die Möglichkeit hat, Dinge, die man bisher gut fand, zu hinterfragen und eventuell über den Haufen zu werfen, oder doch mindestens aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Ich glaube, nur so kommt man weiter. Man lernt dabei viel, nimmt einiges mit, anderes wirft man aber auch über Bord – und das kann genauso gut tun. Aber wenn ich der anderen Seite keine Chance gebe, auf mich wirken zu können, dann habe ich am Ende wahrscheinlich etwas verpasst.

Gelingt Ihnen dieser Perspektivenwechsel im Sinne einer Objektivierung der eigenen Arbeit?
Peter Schlaier:
Die eigene Arbeit objektiv zu betrachten ist natürlich immer etwas schwierig. Man kann sicher einiges kritisch sehen, aber man hinterfragt sich und sieht dann auch die Fehler.
Elke Reichel: Gerade bei den ersten Gebäuden, an denen man als Berufsanfänger gearbeitet hat und in die man viel Engagement, Inbrunst und Gefühl gesteckt, fällt ein solcher Perspektivenwechsel schwer. Auch weil die Zeit und das Projekt durch diese Intensität sehr prägend waren. Natürlich betrachtet man das inzwischen aus der Ferne und auch mit einer gewissen Kritik, aber je tiefer man mit dem Herzen drin steckt, um so mehr ist es doch das eigene ‚Kind‘, bei dem man bereit ist, zu dulden, was schwierig gelaufen ist. Es fällt mir aber immer leichter, diesen Schritt zurück zu treten, je mehr Häuser wir bauen.

Reichel Schlaier Architekten BDA, Garage Holzstapelbauweise, Marienberg 2009 – 2010, Foto: Johannes-Maria Schlorke

Wenn man der von Ihnen einmal postulierten These „Jeder Bau ist ein Prototyp“ folgt, kommt man zu der Frage, wie sehr es ein Problem ist, dass Architektur gebaute Forschung ist. Wie sehr ist man als Architekt in seiner Freiheit eingeschränkt, wenn man sieht, dass das Experiment aus unterschiedlichen Gründen scheitert? Sehen Sie es als schwierig an, dass Architektur nicht – wie in anderen Disziplinen – zunächst als Prototypen im Feldversuch getestet werden?
Elke Reichel:
Kurz vorab: Das ist der Titel eines Vortrags, der deswegen so gut ist, weil man dazu zehn unterschiedliche Vorträge halten kann – und so machen wir das auch (lacht). Aber das Thema beschäftigt uns sehr. Wir fragen oft danach, wie Häuser eigentlich so werden, wie sie sind. Ich bin der Meinung, dass sich aus den Fragen nach dem Bauherrn – ob Institution oder Privatperson – und wie sich dieser dann mit Architektur auseinandersetzt, ob penibel oder als Freigeist, dem Wesen des Architekten und der Aufgabe…
Peter Schlaier: …und dem Ort…
Elke Reichel: …eine Konstellation ergibt, die dazu führt, wie das Haus dann schlussendlich wird. Wenn man einen der Beteiligten austauscht, ist das Ergebnis ein anderes. Das ist eigentlich das Wesen dieser These. Man sagt ja auch, ein Haus wird immer so gut, wie sein Bauherr ist. Wenn alles gut läuft, alle an einem Strang ziehen und sich eine Art flow ergibt, ist das Gebäude am Ende viel besser, als man sich das vorher vorgestellt hat.

Das heißt aber auch, dass man die Zügel ein gutes Stück aus der Hand gibt…
Elke Reichel:
Ja. In einer anderen Konstellation, an einem anderen Ort, zu einer anderen Zeit würde das Haus anders aussehen – das ist für mich das spannende an Architektur.
Peter Schlaier: Das tangiert den grundsätzlichen Unterschied Architektur von Design: Ganz ohne Wertung muss Design nämlich über einen bestimmten Optimierungsprozess soweit erforscht werden, dass es für einen bestimmten Massenkonsum tauglich ist. Es muss für  unterschiedliche Menschen passen –  und gutes Design muss von anonymen Endkunden optimal benutzt werden können. Architektur aber ist immer ein Spezifikum für einen speziellen Bauherrn, an einem bestimmten Ort und zu einem gewissen Zeitpunkt. Das Prototypische ist ein Wesensbestandteil der Architektur – sonst wäre es Design.

Reichel Schlaier Architekten BDA mit Atelier Lohrer, Haus des Gastes, Wettbewerb, Sylt 2009, Abb.: Reichel Schlaier

Sie hatten angedeutet, dass Planung für Sie auch bedeutet, bestimmte Parameter aus den Händen zu geben. Wie weit gilt dies für Ihre eigenen Projekte?
Peter Schlaier: Wir sind die Interpreten der äußeren Bedingungen. Man versucht, aus den vorgefundenen Wünschen, Zielen, Beschränkungen und Chancen seine Schlüsse zu ziehen. Das Ergebnis dieser Interpretation ist dann ein Stück gebaute Umwelt.
Elke Reichel: Wesentlich ist, wie man die Dinge wertet. Wenn einem in der Interpretation das Städtebauliche wichtig ist, wird das zu anderen Ergebnissen führen, als wenn einem das Formale bedeutsam erscheint. Die Gewichtung dessen, was man anderen Parametern voranstellt, sorgt dafür, dass am Ende nicht alle Ergebnisse desselben Wettbewerbs gleich aussehen. Das ist für uns die elementare Aufgabe des Architekten und führt zur Identität des jeweiligen Hauses.

Wie stark ist Ihre Identität im Gegensatz zu den Parametern Zeit und Ort? Oder: Kann man sich trotz der eigenen Identität davon freimachen, bestimmte formalästhetische Wiederholungen zu begehen, eben weil Ort, Zeit und Bauherr sie überlagern?
Peter Schlaier: Nein, das wäre vermessen zu behaupten. Erfahrungen – auch aus der Ausbildung – und wichtiger noch Archetypen, die man in sich trägt, fließen natürlich immer in ein Projekt und seine architektonische Lösung ein. Aber wir versuchen, es nicht Überhand nehmen zu lassen. Das Formale sollte nicht die Erste Geige spielen. Wir versuchen zu vermeiden, dass eine bestimmte Stilistik nachher den Entwurf dominiert.

Steckt darin auch eine Kritik an aktueller Architektur?
Peter Schlaier:
Ja, vielleicht ist das wirklich eine kritische Position, die wir einnehmen. Die Dominanz von Stilistik in der gegenwärtigen Architektur nehmen wir als sehr stark wahr. Die persönliche Handschrift des Architekten, zumindest in der publizierten Architektur, ist zu dominant geworden.

Reichel Schlaier Architekten BDA mit Gerhardt.Stadtplaner.Architekten, Hoepfner Areal, Wettbewerb, Karlsruhe 2014, Abb.: Reichel Schlaier

Warum legen Sie Wert darauf, das zu vermeiden?
Elke Reichel: Eine formale Idee kann einfach nicht die Antwort auf alle Fragen sein…
Peter Schleier: …und ist auch langweilig auf Dauer. So wie es auch eintönig ist, Spezialist zu werden. Es ist doch fantastisch, dass man heute eine Kirche entwerfen kann und morgen eine Doppelgarage. Genauso sinnlos reglementierend ist es, sich bestimmten formalen Grundhaltungen zu unterwerfen.

Was sind für Sie ‚architektonisch richtige Lösungen‘?
Peter Schlaier: Das hört man in letzter Zeit oft: architektonisch ‚richtige‘ oder ‚falsche‘ Lösungen. Das kann es gar nicht geben! Eine derart normative Grundhaltung von Architektur ist uns fremd. Vielleicht liegt das an der Zeit, in der wir ausgebildet wurden. Als wir in den 1990er Jahren studierten, haben wir uns die baulichen Vorbilder in der Schweiz gesucht. Danach hat es uns aber in ein architektonisch völlig anderes Büro gespült. Dadurch waren wir unmittelbar hintereinander zwei komplett unterschiedlichen architektonischen Grundhaltungen ausgesetzt, was uns gezeigt hat, wie wenig es ein richtig und falsch geben kann.
Elke Reichel: Wenn die Antwort immer die gleiche ist, muss man sich doch fragen, was eigentlich die Aufgabe war (lacht). Freiheit würden wir immer als wichtigeres Ziel begreifen als die formale Ordnung. Die Vorstellung von einer Komposition oder von natürlichen Fügungen finden wir wesentlich spannender als das Streben nach Perfektion im formalen Sinn. Und das kommt wiederum sicher tief aus unseren Wesenszügen. Dass es eine gewisse Ordnung, Funktionalität und Logik geben muss, ist unabdingar. Aber das ist die Pflicht – die Kür jedoch kommt immer individuell durch unsere Interpretation der Aufgabe.

 

Reichel Schlaier Architekten BDA, Kärcher-Areal, Studie, Winnenden 2012 – 2014, Abb.: Reichel Schlaier

Lassen Sie jedes Projekt bei ‚Null‘ beginnen oder hat sich doch eine Art innerer Setzkasten mit Lösungen für bestimmte Aufgaben gebildet?
Elke Reichel:
Nein, einen Setzkasten gibt es nicht.
Peter Schlaier: Wir entwerfen in einer Art Baumstruktur. Zunächst werden so viele Varianten wie möglich gebildet – und euphorisch ist man immer dann, wenn eine Variante auftaucht, die man in diesem Kontext so noch nicht hatte. Dieses Vorgehen ist natürlich relativ schematisch und es kommen dabei zunächst ganz selbstverständliche Lösungsvorschläge zustande. Das sind gewisse Standards, bei denen wir überprüfen, was passiert, wenn man diese auf das Grundstück setzt. Diese Palette an Standards versuchen wir stetig zu erweitern. Es wäre aber vermessen zu sagen, dass das immer ganz neu und einzigartig sei.
Elke Reichel: Das bezieht sich aber eher auf den Komplex ‚Entwerfen und Wettbewerbe‘. Natürlich müssen wir versuchen, Projekte auch effizient zu bearbeiten – und das heißt, dass wir uns nicht jedes Treppengeländerdetail von Projekt zu Projekt neu oder in zweihundert Varianten überlegen…
Peter Schlaier: …aber wir neigen schon dazu (lacht).

Arbeiten Sie vor allem am Rechner oder eher klassisch am Modell und mit Handzeichnungen?
Elke Reichel:
Vor allem Wettbewerbe entscheiden wir am Modell.
Peter Schlaier: Am Modell kann man nicht betrügen. Am Rechner neigt man eher zum Selbstbetrug, weil sich immer Blickwinkel ergeben, die für den Entwurf besonders schmeichelhaft sind. Das geht am Modell nicht, sondern man sieht hier die Schwächen eines Entwurfs sehr schnell.

Reichel Schlaier Architekten BDA, Kärcher-Areal, Winnenden 2012 – 2014, Fotos: Brigida González

In welchen Maßstäben bauen Sie diese Modelle?
Elke Reichel: Wir fangen so klein wie möglich an. Gerade am Anfang muss es um ein grundsätzliches Konzept gehen, bei dem man noch nicht in die Versuchung gerät, über Details nachzudenken und sich zu verzetteln. Das aber wäre für ein Konzept hinderlich, das ja klar ablesbar sein muss. Je kleiner der Modellmaßstab, desto besser funktioniert es. Dann wird überprüft, ob das Konzept auch funktioniert.
Peter Schlaier: Aber man neigt im Modell auch dazu, das Gebäude von oben zu entwerfen – als Skulptur. Dann wiederum kommen die Vorteile der perspektivischen Darstellung zum tragen. Deswegen arbeiten wir früh am Rechner, drehen das Gebäude und überprüfen die Höhen aus Fußgängerperspektive.
Elke Reichel: Man muss in einem frühen Stadium schon sehr weit über den weiteren Entwurfsweg nachdenken. Dabei sollte man auch ehrlich zu sich selbst sein und darf sich nicht zu früh in bestimmte Lösungen verlieben.

Wie weit trägt einen das Konzept in der Umsetzung des Projekts?
Elke Reichel:
Bis zum Schluss. Bei all dem Ringen um Lösungen bei bestimmten Details, mit deren Umsetzung man am Ende vielleicht noch nicht einmal sonderlich zufrieden ist, erzählen wir bei der Vorstellung des fertigen Gebäudes dem Bauherrn, Besuchern oder Außenstehenden nach Fertigstellung, dass man es sich so in der ‚Konzeption‘ überlegt hat. Das ist dann auch ein Zeugnis für die Stärke eines Konzepts.
Peter Schlaier: Das liegt auch daran, dass es bestimmte Dinge in unseren Konzepten gibt, deren Qualitäten nicht vom Material, der Umsetzung oder von bestimmten Details abhängig sind. Das gilt aber natürlich nur für bestimmte Maßstäbe. Bei einer kleinen Bar ist es selbstverständlich entscheidend, in welchem Material der Tresen ausgeführt ist, oder wie die Flaschen hinter der Bar präsentiert und angeordnet sind. Aber bei einem solch kleinen Projekt hat man als Architekt auch mehr Einfluss, als bei einem großen Gebäude in einer weit entfernten Stadt, mit vielen Akteuren und umsetzenden Architekten vor Ort – hier muss ein Konzept stark sein, weil der eigene Einfluss schwindet.

Reichel Schlaier Architekten BDA mit architekturlokal, Neuapostolische Kirche, Überlingen 2011 – 2015, Abb.: Reichel Schlaier

Sie hatten bereits angesprochen, dass manche Themen ‚fremdbestimmt‘ sind – muss man beispielsweise am Bauherrn Dinge ‚vorbeischmuggeln‘? Oder kann man sich darauf einlassen, dass dieser bestimmte Lösungen bevorzugt, die man selbst anders gewählt hätte?
Peter Schlaier:
  Weder noch. Man muss niemanden ‚hinters Licht führen’. Es geht aber auch nicht darum, irgendwann ‚einzuknicken‘. Jede Vorgabe des Bauherrn ist auch immer eine Option und Herausforderung für das eigene Arbeiten. Bauherren – und Baufrauen – entscheiden ja in den wenigsten Fällen architektonisch, sondern eher auf der Ebene des Pragmatischen und der Kosten. Damit kann man meistens umgehen: Es führt jedoch kein Weg daran vorbei, den Bauherrn bei dem, was man vorhat, mitzunehmen.
Elke Reichel: Mit der Brechstange kommt man jedenfalls nicht weit. In der Summe erreicht man mehr, wenn man gemeinsam entscheidet – und dabei vielleicht auch im ersten Moment das eine oder andere wegstecken muss. Teil unserer Aufgabe ist es, dass der Bauherr am Ende sagt: ‚Das ist mein Haus, und das haben wir gemeinsam hinbekommen.‘ Als Ergebnis ist das befriedigend – auch wenn man vielleicht eine Ecke hat, an der man als Architekt lieber die Augen schließt (lacht).
Peter Schlaier: Und selbst wenn es Vorgaben gibt, mit denen man nicht zufrieden ist, so hat man doch die baukulturelle Verantwortung, etwas Gutes zu bauen.

Ist es diese Verantwortung, die Sie beide in Ihrem Schaffen antreibt?
Peter Schlaier: Ja.
Elke Reichel: Auf jeden Fall. Viele Bauherrn sind  ja mit ‚wenig‘ zufrieden, wenn man Ihnen aufzeigt, dass für den Preis eben auch ‚nur‘ das zu haben ist. Und dabei eine spezifisch gute Lösung zu finden, ist ein großer Antrieb für uns. Man kann sich nicht nur die schönen und großzügig budgetierten Aufgaben suchen. Wenn man für die kleinen und schwierigen Bauaufgaben Lösungen gefunden hat, ist man seiner Verantwortung als Architekt gerecht geworden. Auch Kleines und Unspektakuläres muss ja gut bearbeitet werden – wir machen da vor keiner Aufgabe halt…
Peter Schlaier: …das stimmt ja so nicht!

Wo würden Sie Halt machen? Für welchen Bauherrn würden Sie nicht bauen?
Elke Reichel:
Für die Rüstungsindustrie.
Peter Schlaier: Für Diktaturen würde ich auch nicht bauen wollen – auch wenn es durchaus lukrativ sein mag. Aber das finde ich schwierig: Man kann nicht auf der einen Seite den eigenen Großeltern vorwerfen, aus Pragmatismus bei allem mitgemacht zu haben und dann selbst nur den eigenen Vorteil zu sehen.

www.reichel-schlaier.de

neu im club im Glashaus des DAZ
Elke Reichel und Peter Schlaier im Gespräch mit Matthias Böttger und David Kasparek
30. Oktober 2014, 20.00 Uhr
Deutsches Architektur Zentrum DAZ
Köpenicker Straße 48 / 49
10179 Berlin

neu im club wird unterstützt von Republic of Fritz Hansen, Epson, den BDA-Partnern und den Unternehmen des DAZ-Freundeskreises.

Fotos: Brigida González, Wolfram Janzer, Johannes-Maria Schlorke

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