Gespräche mit Susanne Wartzeck

in der kathedrale der arbeit

Architektonische Räume stiften eine Atmosphäre, die sich auf unser Fühlen und Denken auswirkt. Diesmal haben sich Susanne Wartzeck, die Präsidentin des BDA, und Andreas Denk, Chefredakteur dieser Zeitschrift, für ihr architekturkulturelles Gespräch ein legendäres Bauwerk der Moderne ausgesucht. Sie treffen sich im ehemaligen Verwaltungsgebäude der I.G. Farben in Frankfurt-Hoechst, das Peter Behrens zwischen 1920 und 1924 errichtete. Die farbige Gestaltung des imposanten Treppenraums des Ziegelbaus, der heute inmitten eines nicht öffentlich zugänglichen Industrieparks steht, ist erst vor wenigen Jahren mustergültig restauriert worden. Dabei ist auch der ursprünglich als Ausstellungsraum genutzte Annex wieder in den ursprünglichen Zustand versetzt worden. In der expressionistischen Farblandschaft dieser „Kathedrale der Arbeit“, die ein gutes Beispiel für die von Behrens wesentlich geprägten Idee der Corporate Identity von Unternehmen und Architektur abgibt, sprechen Wartzeck und Denk über eine interne Reform des BDA, die den Mitgliedern neue Kommunikationsmöglichkeiten bieten soll.

Andreas Denk: Frau Wartzeck, es gibt in den letzten Monaten nicht nur im neuen Präsidium Diskussionen darüber, wie der BDA nach 117 Jahren seines Bestehens und zahlreichen Reformen der letzten Jahre auch in Zukunft als Sammelplatz der besten Architekten Deutschlands attraktiv bleiben kann. Solche Neubesinnungen sind in Bünden und Verbänden schon aufgrund des Generationenwechsels bei den Mitgliedern und in der Führungsspitze notwendig. Welche Wandlungen sollte der BDA Ihrer Überzeugung nach durchmachen?

Peter Behrens, Technisches Verwaltungsgebäude der Hoechst AG, Frankfurt-Hoechst 1920 und 1924

Susanne Wartzeck: Ein erster wichtiger Wunsch, der mir am Herzen liegt, ist der, dass unsere Verbündeten, also alle unsere Mitglieder in den Ländern und regionalen Gruppen, sich wieder mehr untereinander verbunden fühlen. Sie sollten den BDA mit einem gewissen Stolz, mit Verantwortungsbewusstsein, Liebe, Sorgfalt und gutem Selbstbewusstsein betrachten. Ein solches Bündnis muss man hegen und pflegen, denn nur aus Liebe und Sorgfalt kann etwas Besonderes entstehen, das uns allen zugute kommt und über unseren Bund hinaus auch der Gesellschaft nutzen kann. Das ist mein Traum vom BDA. Die Realität ist etwas anders: Das Miteinander gelingt mal besser, mal schlechter – es ist eben sehr davon abhängig, wer sich wieviel engagiert und um welche Themen es geht. In Zeiten der Hochkonjunktur ist die Mitgliedschaft im BDA sicherlich ein „Nice-to-have“, aber hat offenbar nicht immer eine Priorität im Berufsalltag. Wenn’s allen etwas schlechter ginge, rückten sie wahrscheinlich wieder enger zusammen in der Hoffnung auf gemeinsame Gestaltungsmöglichkeiten.

Andreas Denk: Aber Sie meinen damit ja nicht, dass der BDA auf eine abflauende Konjunktur spekulieren sollte, um seine Mitglieder zusammenzuhalten…

Peter Behrens, Technisches Verwaltungsgebäude der Hoechst AG, Frankfurt-Hoechst 1920 und 1924

Susanne Wartzteck: Das Gemeinschaftsgefühl, das ich mir wünsche, muss von innen, von selbst, aus Eigeninteresse heraus kommen. Es muss Anlässe und Plattformen für Begegnungen geben, bei denen es entstehen kann – und ich glaube, der BDA ist gut beraten, sich gerade jetzt darum zu bemühen, solche Begegnungsmöglichkeiten zu stärken und neu zu schaffen. Nehmen wir als Beispiel für eine gelingende Plattform den AKJAA, den Arbeitskreis Junger Architekten und Architektinnen im BDA. Er existiert inzwischen länger als zwanzig Jahre. Hier können sich Menschen schon relativ früh in ihrem Berufsleben begegnen, können sehr früh die Möglichkeit zu einem kollegialen inhaltlichen Austausch über Architektur und über Bedingungen der Berufsausübung kennenlernen – und das in einem offenen, von keinerlei Konkurrenzverhalten getrübten Klima. Im AKJAA bilden sich oft Bekanntschaften und Freundschaften, die Garantie dafür sind, dass man sich auch im späteren Berufsleben schätzt, austauscht und hilft. Das begegnet mir als ehemaligem Mitglied des AKJAA immer wieder in Jurys, bei Wettbewerben, in Landesverbänden oder bei BDA-Veranstaltungen: Der AKJAA bildet – unabhängig von den jeweiligen architektonischen Positionen – ein Netzwerk von Leuten, die sich eine Zeitlang diskursiv über Aspekte der heutigen Architektur miteinander austauschen und auf einer persönlichen Ebene vertrauensvoll miteinander umgehen. Wir sollten die Veranstaltungen und Treffen des BDA in diesem Sinne als Orte des inhaltlichen Austauschs verstehen, die auch – jenseits jeder beruflichen Konkurrenz und Meinung – einen persönlichen Rückhalt geben.

Andreas Denk: Die Phänomene, die Sie schildern, erlebt man in einigen wenigen Kreisen des BDA. Warum gelingt das solidarische Handeln im BDA nicht so, wie wir alle es uns wünschen?

Susanne Wartzeck: Das Gemeinschaftsgefühl entsteht immer dann, wenn Kollegen sich engagieren und dabei bemerken, wie gut es ist, über das Engagement Kontakt zu anderen zu bekommen und damit den eigenen Kreis, das eigene Gesichtsfeld zu erweitern. Wie wir uns selbst und unsere Kollegen zu dieser Form von Gemeinschaft ermutigen, ist eine der großen Fragen, die ich mir als Präsidentin vorgenommen habe. Dazu gehört auch, bestehende Kreise zu erweitern und zu verjüngen, um sie lebensfähig zu halten.

Andreas Denk: Dafür braucht man Begegnungsorte. Reichen die Formate, die der BDA anbietet, schon aus?

Susanne Wartzeck: Die Veranstaltungen, die der BDA macht, eignen sich gut dafür, bilden aber nur einen kleinen Ausschnitt. Wir müssen uns stärker auf regionale Formate stützen – es kann nicht sein, dass man immer eine große Reise unternehmen muss, um sich in einem Kreis des Vertrauens aufzuhalten. Die Fragen nach Inhalt und Frequenz von Treffen, nach der Einbindung von jungen Architekten lassen sich auf der regionalen Ebene viel besser und realitätsnäher beantworten als auf der Organisationsebene des Bundes. Wir müssen also mit den Landesverbänden verabreden, wie wir solche regionalen und lokalen Kreise und Initiativen stärken können.

Andreas Denk: Aus meinen eigenen Erfahrungen mit dem AKJAA und ähnlichen Gruppierungen weiß ich, wie gern insbesondere jüngere Architekten die Gelegenheit zum inhaltlichen Austausch ohne berufliche oder persönliche Vorbehalte wahrnehmen. Das gelingt nicht immer in den heimatlichen BDA-Gruppen. Halten Sie es für denkbar, dass auch der Bundesverband in Zukunft solche Diskussionsrunden initiiert und inhaltlich vorbereitet? So ließen sich jüngere Architekten besser für den BDA gewinnen und an ihn anbinden. Zugleich entstünde eine inhaltliche Diskussionsebene, die wiederum in den BDA hinein, aber auch über ihn hinaus wirkt.

Susanne Wartzeck: Sie meinen also so etwas wie einen Architektursalon? Das ist einerseits eine schöne Form des inhaltlichen Austauschs, hat aber nicht dieselbe verpflichtende Verbindlichkeit wie die Arbeitskreise des BDA. Deshalb kann ich mir so etwas durchaus – vielleicht als Gespräch im DAZ oder an einem anderen Ort – vorstellen. In einigen Städten gibt es solche Runden bereits, aber wir könnten das Anliegen noch einmal an die Länder herantragen. Das könnte eine weitere Kooperationsebene zwischen den verschiedenen Ebenen des BDA werden, die wir ebenfalls stärken wollen. Nur gemeinsam mit den Ländern und regionalen Gruppen sind wir stark.

Andreas Denk: Sie hatten noch einen weiteren Punkt auf der Agenda…

Peter Behrens, Technisches Verwaltungsgebäude der Hoechst AG, Frankfurt-Hoechst 1920 und 1924

Susanne Wartzeck: Ja, ein anderer wesentlicher Punkt ist die berufliche Herkunft unserer Mitglieder. Man spürt ja bei vielen Architekten, selbst nach Jahrzehnten noch, die Prägung der jeweiligen Hochschule, an der sie studiert haben. Die Verbundenheit mit Kommilitonen und der Kontakt untereinander bleibt für viele ihr ganzes Leben ein prägendes Moment. Auch dieses Phänomen deutet auf ein Bündnis, das in unseren Überlegungen eine viel größere Rolle spielen sollte: Der heute etwas unterbelichtete Kontakt zu den Hochschulen muss künftig für den BDA eine viel größere Rolle spielen als bisher. Mein damaliger Professor in Nürnberg war beispielsweise sehr stolz darauf, Mitglied des BDA, des BDIA und des Werkbunds zu sein. Diesen Stolz muss der BDA an den deutschen Hochschulen offensichtlich neu begründen.

Andreas Denk: Woran scheitert die Präsenz des BDA an den Hochschulen? Woran fehlt es und wie kann man das beheben oder wenigstens verbessern?

Susanne Wartzeck: Ich glaube, dass wir über unsere Zeitschrift und auch über das DAZ in viel stärkerem Maße Lehrende und Studierende der Architekturfakultäten erreichen können und müssen. Deswegen haben wir jetzt ja auch mehrere Workshops angesetzt, bei denen wir uns über die Möglichkeit der Digitalisierung von Inhalten der Zeitschrift eine größere Verbreitung sowohl unter unseren Mitgliedern wie auch unter Studierenden erhoffen, deren Lesegewohnheiten wir mehr entsprechen möchten. Wir wollen stärker in einen Dialog kommen und müssen dafür die geeigneten Mittel entwickeln. Diesen Prozess haben wir jetzt begonnen – und wir wollen ihn im Laufe dieses Jahres zu einem Ergebnis bringen.

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