kritischer raum

Leviathan

Das Gebäude der Europäischen Zentralbank in Frankfurt am Main von Coop Himmelb(l)au, 2003–2015

Da steht er nun, der Riesenlümmel. Etwas sehr breitbeinig, fast behäbig hat er sich  am Mainufer aufgebaut, aber strategisch geschickt, denn hier kann er von weitem  gesehen werden. Und er bildet den neuen point-de-vue der nord-süd-orientierten Straßen im Frankfurter Ostend, die jetzt förmlich auf ihn zulaufen. Vorbei sind die Gefechte um Martin Elsässers denkmalgeschützte Markthalle von 1928 und ihre Annexbauten, vorbei der Tumult um den Baustillstand, als kein Unternehmer den Rohbauauftrag übernehmen wollte. Er, der Bau der Europäischen Zentralbank, steht da jetzt, am Ende einer Reihe großer Stadtvillen an der Eckhardtstraße, die die am anderen Ufer liegende Bebauung des Deutschherrenufers mit schlichteren Mitteln kopiert. Er steht hinter Wällen und Zäunen, die die Schwelle, nein, die Grenze bilden zum Quartier und zum Fluss mit seiner Promenade, die sich alle so gern zu ihm ins Verhältnis setzen würden, aber es nicht können oder nicht dürfen.

Die Annäherung aus der Stadt lässt immer noch ahnen, wie imposant die ehemalige Großmarkthalle war, als sie noch in Funktion war. Eine Enfilade immer gleicher Konstruktionselemente, immer gleicher Fenster, ein einziger Raum. Jetzt wird das gewaltige Bauwerk doppelt gebrochen: Formal durch ein kastenförmiges Eingangsbauwerk, das Wolfgang Prix, der „Design Principal“ von Coop Himmelb(l)au, wie er sich inzwischen nennt, in die Dachstruktur des Altbaus hinein gefräst hat, und maßstäblich durch den 185 Meter hohen Doppeltower, der die Riesenhalle buchstäblich zum Wurm macht. Das Miteinander dieser drei Bausteine, das so interessant in der gegenseitigen Überhöhung hätte sein können, langweilt indes, weil zwischen den Körpern und ihren Materialien keine echten Bezüge gesucht oder gefunden wurden. Es bleibt der Eindruck einer Collage verschiedener, maßstäblich nicht einander zuzuordnender Elemente, mehr nicht.

Flussseitig entwickelt sich das Ganze noch merkwürdiger. Der Weg entlang der Seitenfassade der ehemaligen Markthalle macht gute Laune, weil sich das Gebäude einer – dem allgemeinen Eindruck äußerst förderlichen – Generalsanierung erfreut hat. Dann wird es wüst: Der Übergang von der Halle zum Turmsockel macht den Eindruck, als ob er eigentlich unbearbeitet geblieben wäre. Das „Gefrickel“ mit verschiedenen Bauteilen kann man sich eigentlich nur durch die Annahme erklären, dass es aus irgendwelchen ominösen Sicherheitsvorstellungen der Banker folgt, nicht aber der planenden Voraussicht des Architekten.

Und schließlich das Hochhaus selbst: Aus der einst erkennbar als Doppelturmanlage mit gegenseitigen Verstrebungen konzipierten Figur ist ein amorpher Klotz geworden, der durch je nach Tageslicht und Sonneneinfall weitgehend blickdichte Fenster nur wenig Transparenz zwischen den beiden Bauteilen lässt. Am ehesten bewährt sich die Metamorphose der beiden im Grundriss rechtwinkligen Baukörper durch sphärische Verdrehung bei direkt einfallendem Sonnenlicht, weil die mainseitige Fassade dann zu einer überwältigenden Spiegelung des Himmels wird.

Im Innern haben die Architekten alles gegeben: Auf die Kantine im Altbau, die wie ein Straßencafé konzipiert ist, folgt eine von zwei Wasserfällen begleitete Treppe hinauf zu den Konferenzsälen, die wie maschinenhafte Eingeweide den Riesenraum der Markthalle zergliedern. Der zweite Höhepunkt dieser Architektur einer Ökonomie der Aufmerksamkeit ist der „Atrium“ genannte Bereich zwischen den Bürotürmen, in dem Fensterstrukturen, dünne V-Streben, Metall- und Glasflächen ein verwirrendes Spiel mit Raum, Wahrnehmung und Statik anzetteln. Die eigentlichen Büroetagen sind dagegen vergleichsweise normal geblieben, was angesichts des gestalterischen Aufwands, den Coop Himmelb(l)au mit den Erschließungsflächen getrieben hat, einerseits enttäuschend, andererseits beruhigend ist. In der Zusammenschau von Innen und Außen drängt sich allerdings der Eindruck auf, dass Wolfgang Prix hier versucht hat, mit den unmaßstäblichen Größen Boullées und den formalen Mitteln Piranesis als parametrischen Größen des eigenen Entwurfs der immer noch epochalen Hochhauskonzeption Mies van der Rohes dekonstruierend zu Leibe zu rücken: Ein allzu großer Mitteleinsatz für vergleichsweise wenig Wirkung – und vor allem: dreißig Jahre zu spät.

Jede Kritik bliebe indes unvollständig, wenn sie nicht nach dem Sinn des Hauses fragte. Für Prix steht fest, dass hier in Frankfurt ein Symbol für die europäische Einigung entstehen sollte. Anstelle der seit der Renaissance tradierten Ikonographie des Befestigten, des Sicheren und Unzerstörbaren haben Coop-Himmelb(l)au und die EZB deshalb einen schwankenden Riesen produziert, der sich des spektakulären Auftritts wegen fern von seinen Verwandten in der Flussaue niedergelassen hat. Sein monumentales Eremitendasein braucht allerdings ein kompliziertes Traggerüst mit Krücken und diagonalen Stützen, um in der Vertikalen zu bleiben. Ein schönes Bild für Europa im Jahre 2015.

Und der breitbeinige Hüne braucht hohe Zäune und Schutzgräben, um nicht von den Demonstranten überrannt zu werden, die – wie die Liliputaner mit dem „man mountain“ Gulliver in Swifts Parabel – mit der bedrohlichen Größe und vermeintlich unumschränkten Machtfülle des Riesen nicht einverstanden sind. Prix’ einstiges Statement, dass Architektur brennen müsse, wäre bei den gewalttätigen blockupy-Protesten zur Einweihung der EZB am 18. März beinahe bitterer Ernst geworden. Ein Fall fürs Lehrbuch: Der Symbolwert des Baus scheint trotz dessen ironischen Brechungen zum Gegenteil des Gewünschten zu tendieren. Der Leviathan hat eine neue Existenzform gefunden.

Andreas Denk

Alle Innenaufnahmen: © European Central Bank / Robert Metsch;
alle Außenaufnahmen: Andreas Denk

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