Andreas Denk

Live and let live

Die Stadt und ihre soziale Resilienz

Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass im Jahre 2050 bis zu 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben wird. Der Klimawandel, die fortschreitende Umweltzerstörung, globale Wanderungswellen und Urbanisierungsprozesse bilden ständig neue Herausforderungen. Klimaprojektionen lassen gravierende Auswirkungen von Hitzewellen, Überflutungen, „Starkregenereignissen“ und Stürmen für das Ende des 21. Jahrhunderts erwarten. Die Komplexität städtischer Systeme und die Unsicherheit, welche Auswirkungen die Urbanisierungsprozesse und der Klimawandel haben werden, beeinflussen nachhaltig das Verständnis der Stadtplanung.

Der Stadtplaner Tom Sieverts hat das entscheidende Stichwort in einem Aufsatz genannt(1): Den Städten unserer Gegenwart stehe „Stress“ in Form von schweren Belastungen bevor. Dazu gehören Naturkatastrophen, Flüchtlingsströme, Wirtschaftskrisen oder die schnelle Erschöpfung der fossilen Energien – genauso wie der Zusammenbruch des sozialen Friedens oder mangelnde Mittel zur Erhaltung von Infrastruktur.(2) Deshalb bekommt der Begriff der Resilienz (Unverwüstlichkeit) in der derzeitigen Diskussion eine besondere Rolle: „Resilienz steht für einen bestimmten Charakter: Resilienz steht wesentlich für die Erhaltung von Identität unter großen, existentiellen Belastungen. (…) Während die Nachhaltigkeit eher die Erhaltung des Ganzen, die Einbettung in den Kontext der Umwelt im Blick hat, schaut die Resilienz eher auf die Erhaltung der spezifischen Eigenart, des besonderen, eigenen Charakters im Kontext der Umwelt. (…) Im Begriff der Resilienz steckt eine spezifische Form der Nachhaltigkeit, es steckt darin über die materielle Nachhaltigkeit hinaus auch die Erhaltung der Struktur, des Charakters und des Wesens eines Artefakts.“(3)

Städte sind komplexe Netzwerke aus baulichen Strukturen und Serviceleistungen. Die wachsende Stadtbevölkerung, die Konzentration des Kapitals, die Unerfahrenheit in Krisenfällen, ein überkommenes Wasser- und Abwassersystem, die fortschreitende Zerstörung des Ökosystems mit unabsehbaren Folgen, veraltete städtische Infrastrukturen und Gebäudebestände sind große Herausforderungen für die Planung der Stadt.

Michelangelo Buonarotti, Die Sintflut, Fresko, Vatikan, Sixtinische Kapelle, 1508–1512

Michelangelo Buonarotti, Die Sintflut, Fresko, Vatikan, Sixtinische Kapelle, 1508–1512

Energieversorgung und Kommunikations- systeme sind Teil der Überlegungen auf nationaler und regionaler Ebene, ebenso wie die Sicherung von Transport und Mobilität. Die städtischen Infrastrukturen – Wasser, Abwasser, Energie, Kommunikation und Transport – sind im Krisenfall von entscheidender Bedeutung für Notfallmaßnahmen und eine schnelle Wiederherstellung von Gesellschaft und Wirtschaft. Die Entwicklung ausgefeilter Technologien erzeugt indes viele Abhängigkeiten und hat einen hohen Preis. Denn solche technologischen Lösungen sind nur für einen kleinen Teil der Weltbevölkerung bezahlbar und stellen im Krisenfall kritische Infrastrukturen dar, die über die städtische Verwundbarkeit entscheiden. Diese „kritischen Systeme“ stehen derzeit im Mittelpunkt von Planungen für eine bessere Resilienz von Städten.

Dabei sind die Wasserversorgung und der Hochwasserschutz derzeit für die Städte die größten Herausforderungen, die bisher nur selten in der nötigen Komplexität untersucht worden sind. Inzwischen forschen Naturwissenschaftler auch in Deutschland daran, wie verletzlich beispielsweise die norddeutsche Küste und die dahinterliegende Tiefebene gegenüber möglichen Naturkatastrophen und deren zweit- und drittgradigen Folgen ist, wie man sie durch Überflutungen und Sturmfluten im Laufe des weiteren Klimawandels erwarten muss: Etwas steif heißt es in einer Enquete(4): „Sensitivität besteht generell im Bereich Wirtschaft (Sachschäden, Folgeschäden wie Lieferunterbrechungen, Verlust von Wirtschaftsleistung), Versorgung (Unterbrechungen etwa der Trinkwasser-, Strom-, Gasversorgung sowie der Telekommunikation), sowie selten explizit thematisierte immaterielle Auswirkungen (politische Auswirkungen wie Rücktrittsforderungen, Vertrauensverluste in staatliche Institutionen, Schädigung von Kulturgut). Diese Gefahren können sich durch mögliche Eigenbetroffenheiten der Organisationen des Katastrophenschutzes bei Extremereignissen erhöhen, weil die Planung und Durchführung von Einsätzen der Katastrophenbewältigung beispielsweise von dann möglicherweise beschädigten Infrastrukturen abhängt, welche eigentlich zu schützen sind.“ Dabei sprechen die Experten von einer „hohen Sensitivität“ und lediglich einer „mittleren Anpassungskapazität“.(5)

Ein Beispiel für eine frühe Reaktion auf solche absehbaren Gefährdungen ist die Stadt Kopenhagen. Die Stadtarchitektin Tina Saaby hat kürzlich in Köln dargestellt, was die Verwaltung der dänischen Hauptstadt schon seit 2007 auf der Agenda hat: Im Rahmen des umgreifenden Programms „Copenhagen Together“, das auf drei Maßstabsebenen Stadtentwicklung und Stadterneuerung betreibt, widmet man sich unter anderem der intensiven Rückgewinnung von Grauwasser: In 20 Jahren sollen 300 Projekte entstanden sein. Auf der anderen Seite gibt es einen eigenen „Skybrudsplan“ für die Gefahrenabwehr bei „Starkregenereignissen“, wie die deutsche Meteorologie die sintflutartigen Regenfälle gerne nennt. Kopenhagen zeigt, dass die Betrachtung der Stadt unter dem Gesichtspunkt der Resilienz ein vorausschauender Ansatz sein kann, der über eine Risikominderung hinaus geht, weil er versucht, die Auswirkungen von möglichen Systemausfällen zu mildern und die dafür nötigen Kapazitäten aufzubauen. Mit dem Ziel, städtische Resilienz zu stärken, hat sich die Perspektive in der Planung nachhaltig verändert: Der Blickwinkel wird von der spezialisierten Ingenieursperspektive erweitert auf ein disziplinübergreifendes Verständnis von Zusammenhängen und Prozessen im Stadtraum: In Kopenhagen arbeiten alle städtischen Ämter am gemeinsamen Plan mit.

Théodore Géricault, Le radeau de la Méduse (Das Floß der Medusa), Öl auf Leinwand, 1819

Théodore Géricault, Le radeau de la Méduse (Das Floß der Medusa), Öl auf Leinwand, 1819

Doch gehört Geduld und Geld zum Gelingen solcher Generationenprojekte: Denn unsere Städte sind bereits gebaut, und innerhalb der gebauten Stadt gibt es nur geringe Spielräume, um räumliche Strukturen grundsätzlich zu verändern und neu zu gestalten. Die Stärkung der Widerstandsfähigkeit in den Städten beruht zum jetzigen Zeitpunkt vor allem auf Investitionsentscheidungen. Um heute zukunftsfähige Stadtgebiete planen zu können und bestehende Teile der Stadt zukunftsfähig zu machen, muss eine Balance gesucht werden zwischen Maßnahmen, die Schäden verhindern oder mindern, und großen Investitionen, die eine langfristige Perspektive zum Schutz vor Katastrophen oder gesellschaftlichen Herausforderungen bieten, die vom Klimawandel verursacht sind.

Dabei liegt das Gelingen solcher radikaler und lange dauernder Vorhaben vor allem in der Überzeugungskraft von Argumenten, die in der höchstindivualisierten Gesellschaft nicht bei jedem auf gleich fruchtbaren Boden fallen: „Wir sitzen nicht nur keineswegs in einem Boot, denn die zu erwartenden Wirkungen des Klimawandels variieren nach heutigem Wissen ganz entscheidend nach Regionen, Sektoren und gesellschaftlichen Gruppen. Vor allem aber fahren dabei, um in der nautischen Metaphorik zu bleiben, unterschiedliche Besatzungen in kleinen und großen Booten unterschiedlicher Herkunft in ganz verschiedene Richtungen, wobei ihr Kurs zu allererst von ihren Fahrtzielen beeinflusst wird, sodann von ihrem Schiffsantrieb, von ihrem Geschick als Fahrtenlenker, auch von ihrem Durchhaltevermögen und nicht zuletzt von der Großwetterlage“, lassen die Bremer Klimafolgenforscher Michael Flitner und Heiko Garrelts eine Gesprächsteilnehmerin in einem fiktiven Radiodialog im Jahre 2037 feststellen.(6)

Denn eines ist gewiss: Die technisch-baulichen Maßnahmen können und werden nur einen Teil der zu erwartenden Probleme lösen. Die großen Wirbelstürme und Tsunamis der letzten zehn Jahre haben stattdessen nachdrücklich gezeigt, welche Bedeutung gesellschaftliche Strukturen und soziale Gemeinschaften haben, wenn technische und infrastrukturelle Systeme versagen. Unabhängig von Schäden und Verlusten entscheidet der Zusammenhalt der Menschen, ob es zu gewalttätigen Eskalationen oder kriminellen Übergriffen kommt oder kleine und große Strukturen des sozialen und wirtschaftlichen Wiederaufbaus entstehen.

Im fingierten Gespräch der Bremer Forscher wird es konkreter. Die Sprecherin einer „Resilienz-Partnerschaft“, die davon ausgeht, dass das Spektrum von Bedrohungen nicht nur aus Starkniederschlägen oder dem Meeresspiegelanstieg besteht, erläutert dort: „Aufgrund der Unsicherheit und Komplexität verschiedener Bedrohungslagen fokussieren wir seit geraumer Zeit in ganz allgemeiner Form auf die Widerstandskräfte und auf das Vorbereitetsein auf alle Arten von widrigen Umständen – wie es im Englischen heißt: ‚be prepared’!“

Inzwischen habe man auf der Basis der Deichverbände Einrichtungen geschaffen, die um Gesundheitsorganisationen und -einrichtungen, Transportunternehmen, Vertretern der Bundeswehr, der Handelskammer, Freiwilligen-Organisationen sowie um lokale Behörden ergänzt worden seien: „So bündeln wir das Wissen und die vorhandene Kreativität in der Region und agieren flexibel, auch im Bereich der Vorbeugung.“ Nur so könne man auf die Defizite, die in den öffentlich-staatlichen Einrichtungen zutage träten reagieren. „Ich glaube,“ sagt die fiktive Diskutantin, „die Bevölkerung trägt das auch in großer Breite.“

Hochwasser in der Wachau, Österreich 2013, Foto: Dragan Tatic (via Wikimedia / CC BY 2.0)

Hochwasser in der Wachau, Österreich 2013, Foto: Dragan Tatic (via Wikimedia / CC BY 2.0)

Die Betonung der Bedeutung der Mitwirkung und der Solidarität der Bevölkerung zieht sich quer durch alle Untersuchungen zum Klimawandel und seinen Folgen. Die Notwendigkeit dazu, so kann man den Studien entnehmen, besteht schon dann, wenn allein Mitteleuropa von einer Reihe von katastrophalen Ereignissen betroffen wäre. Kaum zu prognostizieren sind die globalen Auswirkungen des Klimawandels. Die heute noch als „Wirtschaftsflüchtlinge“ diffamierten Menschen aus Afrika verlassen ihre Länder häufig deshalb, weil der Boden, den sie bearbeitet haben, nicht mehr trägt, weil die Quellen, aus denen sie getrunken haben, versiegt sind. Die Tendenz zur Versteppung großer Flächen vom Äquator bis in die Höhe des Mittelmeers wird bei weiter steigenden Durchschnittstemperaturen anhalten; genauso wie die allmähliche Überspülung der flachen Inselarchipele der Südsee und Ostasiens. Teile der Welt werden möglicherweise unbewohnbar werden. Und um den Rest der bewohnbaren Gebiete, um Land, Wasser und Rohstoffe werden – wir erleben es jetzt schon – möglicherweise Kriege ausgefochten werden.

Das heißt: Nicht nur für unsere bisherigen Mitbürger und Nachbarn, sondern auch für diese Flüchtlinge aus klimatisch bedingter Lebensgefahr müssen wir eine humane Vorsorge treffen. Es bleibt der Glaube, vielleicht nur die Hoffnung, dass die soziale Resilienz einer Gesellschaft, ihrer Gruppen und der Individuen am Ende vielleicht tragfähiger als die technologische und ökologische Regenerationsfähigkeit ist.
Doch „Glaube, Liebe, Hoffnung“ sind nicht planbar, sondern setzen einen Entwicklungsprozess voraus, der auf die Ausbildung von Mitleid und Zusammengehörigkeit, von Empathie und Liebe gegenüber den Nächsten und Übernächsten zielt. Soll ein gesellschaftlicher Wandel rechtzeitig gelingen, der auch große Katastrophen ohne Mord und Totschlag zu überwinden vermag, werden „Glaube“ und „Hoffnung“ allein nicht genügen. Wir werden viel „Liebe“ aufbringen müssen, um den Menschen, möglichst vielen, am besten allen, ein menschenwürdiges Leben, wenigstens ein Überleben zu ermöglichen.

Prof. Andreas Denk (*1959) studierte Kunstgeschichte, Städtebau, Technik-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Vor- und Frühgeschichte in Bochum, Freiburg i. Brsg. und Bonn. Er ist Architekturhistoriker und Chefredakteur dieser Zeitschrift und lehrt Architekturtheorie an der Technischen Hochschule Köln. Er lebt und arbeitet in Bonn und Berlin.

Anmerkungen
1 Sieverts, Tom: Am Beginn einer Stadtentwicklungsepoche der Resilienz? Folgen für Städtebau, Architektur und Politik, in: Informationen zur Raumentwicklung 4/13, S. 315-323.
2 Vgl. Andreas Denk: Stadt ohne Ende. Zum Umbau der Welt in sieben Tagen. Eröffnungsvortrag zu plan12 Prolog, Köln, Freitag, 7. Oktober 2011.
3 Sieverts (wie Anm. 1), S.318.
4 Flitner, Michael/Garrelts, Heiko/Grothmann, Torsten/Grecksch, Kevin/Siebenhüner, Bernd / Winges, Maik: Vulnerabilität und Klimaanpassung: Herausforderungen adaptiver Governance im Nordwesten Deutschlands. „nordwest2050“. Perspektiven für klimaangepasste Innovationsprozesse in der Metropolregion Bremen-Oldenburg, 23. Werkstattbericht, Bremen/Oldenburg November 2013.
5 Ebda., S. 81.
6 Flitner, Michael/Garrelts, Heiko: Postdemokratie und Kälte auf Rädern: Ein Dialog über Politik und Klimawandel in der Metropolregion Bremen-Oldenburg im Jahre 2037, in: Hannoversche Geographische Arbeiten 61, 2012, S. 66-73, hier S. 73.

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