12. BDA-Tag in Karlsruhe erfolgreich

Meine Experimente mit dem Wohnen

„Wir wissen: ,Weiter so‘ bringt uns nicht weiter!” sagte BDA-Präsident Heiner Farwick in seiner Begrüßungsansprache zum 12. BDA-Tag am 2. Juli in Hinblick auf die Herausforderungen des Wohnungsbaus, und Staatssekretär Gunther Adler aus dem Bundesbauministerium nahm das Bonmot im Anschluss wortgleich auf. In Anspielung auf den Tagungstitel „Meine Experimente mit dem Wohnen” sagte der Staatssekretär dann, was er nicht möchte: „Mit dem Motto ,Keine Experimente‘ hat Adenauer zwar 1957 haushoch die Wahlen gewonnen, aber das ist nicht unser Slogan!” Er zählte daraufhin eine lange Liste von Maßnahmen auf, die sein Ministerium aktuell ergreift – vom Bündnis für bezahlbares Wohnen über eine gezielte steuerliche Förderung des Mietwohnungsbaus, neue Kriterien der Baulandbereitstellung, Vereinfachung von Normen und Standards einschließlich einer „Neukonzeption” der EnEV bis hin zur Förderung der Ausstellung „Neue Standards”, die das DAZ im Herbst zu innovativen Ansätzen im Wohnungsbau zeigen wird. Adler zeigte sich dem Gedanken der Qualität beim Bauen und Wohnen gegenüber erneut aufgeschlossen, was ihm die freundschaftliche Replik von Heiner Farwick einbrachte, das Bundesbauministerium habe aktuell wieder deutlich mehr Gewicht erlangt.

Karlsruhes Oberbürgermeister Frank Mentrup hieß den BDA-Tag in Karlsruhe willkommen und verwies auf bedeutende Siedlungen des Reformwohnungsbaus in der Stadt, von der Gartenstadt Rüppurr ab 1907 über die avantgardistische Dammerstocksiedlung von 1929 bis hin zur ab 1957 errichteten Waldstadt.

Das Kernprogramm des BDA-Tags sorgte für faszinierende Begegnungen verschiedener Architektengenerationen auf der Bühne des ZKM. Architektin Doris Thut zeigte die keineswegs in die Jahre gekommenen frühen Münchener Baugruppenprojekte Genter Straße (mit Ralph Thut und Otto Steidle) und Neubiberger Straße (mit Ralph Thut), wo die Thuts seit über 40 Jahren in dem improvisiert wirkenden Holzbau leben. „Hier ist noch niemand freiwillig wieder ausgezogen!” erklärte die aus Österreich stammende Architektin, die 25 Jahre alt war, als sie ihren Erstling Genter Straße geplant und gebaut hat. Rainer Hofmann von bogevischs buero ergänzte mit eigenen Projekten und resümierte: „Wir müssen wieder lernen, Häuser nicht aus Normen zu bauen, sondern aus Bedürfnissen!”

Jacques Blumer vom Atelier 5 nannte acht Statements, die er für die Arbeit des Büros als Lehrsätze formuliert hatte. Ähnlich wie Snozzis berühmte Aphorismen bilden sie Handlungsanweisungen: „Baue nicht einzelne Häuser, sondern Gesamtanlagen!” – „Sorge dafür, dass jede Wohnung einen brauchbaren privaten Außenraum hat!” oder auch: „Baue Wohnungen, nicht Designobjekte!”. Untermauert wurden diese Thesen mit überzeugenden Beispielen aus Mainz, Hamburg oder Bern. Gudrun Sack von nägeliarchitekten zeigte erfrischende, bewusst von Standards abweichende Wohnbauten aus Berlin, zum Beispiel mit Auskragungen über das Nachbargrundstück oder unter Missachtung der vorgeschriebenen Abstandsflächen.

So etwas wie der Headliner war dann Herman Hertzberger, der in bester Form auftrat. Charmant zeigte er seine strukturalistischen, inzwischen bis zu 50 Jahre alten Wohnbauten. Er begreift den Architekten als denjenigen, der ein räumliches Rahmenwerk zur Verfügung stellt, das von den Leuten ausgefüllt werden kann. Und um die Leute etwas zu lenken, gibt er „Anreize”, etwa in Form von Stangen oder zwei Steinen hohen Mäuerchen, aus denen man eine Trennwand machen kann – oder eben nicht. Sein Hauptwerk, das Bürogebäude für die Versicherung Centraal Beheer, steht übrigens derzeit leer, und Hertzberger hat Studien angefertigt, wie man es zum Wohnungsbau umfunktionieren kann. Das dürfte prinzipiell möglich sein, denn Hertzberger hatte damals schon das Motto: „Wenn gebaut wird, baue es so, dass es auch ein Wohnungsbau sein kann!” Jörg Leeser von BeL zeigte Projekte unter anderem für Hamburg-Wilhelmsburg, die als Selbstausbauhäuser nach dem Prinzip „Struktur und Ausfachung” funktionieren. Auch wenn der Ansatz dem Hertzbergers sehr ähnlich scheint, ließ der Niederländer es sich nicht nehmen, die Arbeit des Jüngeren zu kommentieren: „He tried to do his best”. Ein Herman Hertzberger darf das.

Bereits am Vorabend war mit der „neu-im-club-Pecha-Kucha-Nacht“ im Architekturschaufenster Karlsruhe ein neues Format zum Willkommen neuberufener BDA-Mitglieder erfolgreich getestet worden. Bei schwül-warmer Witterung kam das Publikum schnell ins Schwitzen angesichts der zehn strikt auf 6:40 Minuten limitierter Präsentationen. Der anschließende Umtrunk fand dann bis nach Mitternacht weitgehend auf offener Straße statt – Karlsruhe zeigte sich gastfreundlich und duldete auch dieses Experiment.

Benedikt Hotze

Fotos: Till Budde

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