Lebendige Verwunderung

Merkwürdig

Ich bin nicht immer aufmerksam, passe nicht auf, schweife ab, mache Fehler. Deshalb versuche ich, mich zu konzentrieren, und mache Fehler, weil ich meine Aufmerksamkeit, um sie zu erhöhen, einschränke. So entgeht mir vieles. Die Aufmerksamkeit gleitet, sie begleitet das Geschehen. Und doch ereignet sich das Geschehen in der Aufmerksamkeit, fast unmerklich oder auffällig. Ich merke es und merke es mir.

Ich bin unaufmerksam und vergeßlich. An manches erinnere ich mich, an manches nicht. Oft war es nicht so wichtig, aber manchmal doch. Die Erinnerung begleitet die Aufmerksamkeit. Sie gibt ihr Tiefenschärfe: damals – jetzt, Wiedererkennung und Beobachtung der Unterschiede. Wenn die Beachtung der Differenz verloren geht, ist alles wie gewöhnlich, wie immer, nichts Neues. Über das, was passiert, legen sich die Zeichen der Vergangenheit, das Wissen. Alles bekannt, alles wiedererkannt. Das Vergessen geschieht unmerklich.

Wie bemerke ich mein Vergessen? Ich muss auf die Lücken gestoßen werden. Es muss etwas passiert sein. Ich habe etwas verpasst oder verloren. Im Nachhinein fällt es mir auf. Damit es mir nicht noch einmal passiert, mache ich einen Knoten ins Taschentuch, Erinnerungszeichen, Merkzettel, Markierungen im Kalender, Denkmäler, kleine und große Monumente (von lat. monere = ermahnen, erinnern). Woran will oder soll sich eine Gesellschaft erinnern? Überall stehen Monumente, und ich beachte sie nicht.

Foto: Anne Nordsee

Ein Monument soll bemerkbar sein, auffällig. Deshalb ist es oft groß und überhöht. Es steht zeichenhaft auf einem Hügel, einem Sockel, auf einem „Erdaufwurf“ (Semper). Welches Ereignis ist unter ihm begraben? Es soll wachgehalten werden und wird verschüttet. Das Denkmal ist ein Grabmal. So beginnt die Kultur. Das Vergangene ist nicht einfach vorbei, es reicht in die Gegenwart hinein. Die Gegenwart ist nicht ohne ihre Geschichte, Gemeinschaft der Lebenden und der Toten.

Was aber ist unter dem Denkmal begraben? Ich finde nur Bruchstücke. Die Erinnerung ist löchrig. Ist die Mahnung in ein Loch gefallen? Das Loch wird zugeschüttet, ein Mal, eine Stelle, ein unbestimmter Fleck. Ein lesbares Zeichen, klar und einfach, muss her, um dem Fleck Namen und Gestalt zu geben: Gott, Kaiser, Nation, Gerechtigkeit, Freiheit, Reichtum, Sport, die Musen, Kunst- und Kriegshelden und die unzähligen Opfer. Das eine kann vom anderen ersetzt werden. Aber da war doch noch etwas anderes! Das habe ich vergessen. Liegt es verborgen unter dem Mal? Ich grabe nur Reste der Vergangenheit aus.

Monumente sind meist monumental. Sie demonstrieren Macht durch Größe. Das imponiert. Größe ist ein einfaches, klares Zeichen. Ich staune und starre (griechisch styo = starren, aufrichten). Mein Starren richtet sich nach oben und stützt die Säulen (styloi) der Herrschaft. Monumente dienen der Aufrichtung und Aufrechterhaltung von Macht bis ins Kleinste. Meine Merkzettel helfen mir, den Alltag zu meistern. Ich will Herr meiner selbst bleiben.

Die grandiose Natur ist absichtslos. Die große Architektur will etwas von mir, redet auf mich ein, will mich betören oder einschüchtern, stellt sich aus, baut sich vor mir auf und erheischt noch Anerkennung, wenn sie sich vornehm zurückhält. Ein Glück, dass die Gewohnheit ihre Stimmen in den Hintergrund drängt. Ich brauche Abstand, Auffrischung der Aufmerksamkeit, eine Reise zu den Weltwundern der Architektur. Sie müssen gar nicht monumental oder kolossal sein, nicht groß, aber großartig. Die Unterbrechung der Gewohnheit ermöglicht das Wunder, das sich Wundern und Staunen.

Die Weltwunder (griechisch theamata) sind Sehenswürdigkeiten auf einer Bildungsreise. Die Worte theama (Anblick, Schauspiel, Sehenswürdigkeit), theoria (Fest-schau, Schauspiel) und thauma (wunderbarer Anblick, Wunder) sind miteinander eng verwandt. In allen drei Fällen geht es ums Sehen, Schauen, Staunen, um das Beteiligtsein als Zuschauer an einem Schauspiel in festlich gehobener Stimmung. Für Platon und Aristoteles war diese Form der Verwunderung der Anfang der Philosophie.

Foto: Anne Nordsee

Das Mal des Denkmals ist nicht nur eine hervorgehobene Stelle im Raum, sondern auch ein Moment in der Zeit, ein Augenblick, ein Ereignis. Auf ein Mal habe ich etwas mit anderen Augen gesehen. Seitdem sehe ich alles anders. Diesen bewegenden Augenblick (movere, momentum) merkt sich die Aufmerksamkeit. Indem sie sich von ihm begleiten lässt, kann sich das Staunen aus der Erstarrung lösen und lebendige Verwunderung werden.

Die Verwunderung suspendiert das Wissen und blickt auf das Rätselhafte des Mals, das nescio quid, ich weiß nicht, was es ist, ein gewisses Etwas. Das Mal umfasst mit seiner Unbestimmheit das Zeichen, befreit es aus seiner Eindeutigkeit und macht es zu einer Hieroglyphe, die merkwürdig bleibt, weil sie ihr Geheimnis nie ganz preisgibt. Die Erkenntnis ist ein Ereignis. Sie gründet im Nichtwissen, im Vergessenhaben, in der Wiedererinnerung (Platon). Was hatte ich vergessen? Fast nichts, nichts Bestimmtes, ich weiß nicht was, Verwunderung. Sie lässt sich nicht festhalten und entgleitet mir immer wieder. Aber ohne sie keine Bewunderung.

Prof. Dr. Hannes Böhringer (*1948) studierte Philosophie und Geschichte an den Universitäten von Münster, Heidelberg und Bochum, 1975 erfolgte die Promotion, 1984 die Habilitation. Er war ab 1986 Professor für Philosophie an der FU Berlin, ab 1989 am FB Kunst der Gesamthochschule Kassel, von 1995 bis 2012 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Böhringer hatte Gastprofessuren in Budapest, Paris und Madison/Wisconsin inne. Er war Mitherausgeber von „Daidalos“ (1986 bis 1990) und Mitbegründer des Kunstvereins Giannozzo in Berlin. Von 2005 bis 2010 war er Präsident der deutschen Gesellschaft zur Erforschung des 19. Jahrhunderts. 2009 erhielt Böhringer den Moholy-Nagy-Preis der University of Art and Design Budapest.

Fotos: Anne Nordsee

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