Die "Sondermodelle des Peter Fritz" auf der Kunstbiennale in Venedig

Miniaturen eines Dilettanten

Wenn am 1. Juni 2013 die 55. Biennale d’Arte in Venedig eröffnet wird, geht es natürlich nicht nur um Kunst-Kunst im engeren Sinne. Die Pavillons an sich waren bereits des öfteren Thema der künstlerischen Auseinandersetzung – nicht zuletzt Iza Genzkens Beitrag auf der Biennale 2007 ist einprägsames Beispiel hierfür. Der diesjährige Biennale-Kurator Massimiliano Gioni beschreibt das Thema der internationalen Ausstellung in den Arsenale und im Hauptpavillon in den Giardini als „die Sehnsucht, alles zu sehen und alles zu wissen“. Entsprechend nennt er die Ausstellung „The Encyclopedic Palace“ und versammelt hier 150 Künstler aus 37 Ländern.

Nicht alle Ausstellenden sind hauptberufliche Künstler – sofern man die Grenze zwischen Künstler und Laien überhaupt ziehen möchte. Ein Beispiel sind die „Sondermodelle“ des vor über zwanzig Jahren verstorbenen Versicherungsbeamten Peter Fritz. Der österreichische Künstler Oliver Croy fand Anfang der 1990er Jahre 387 dieser Modellentwürfe in einem Antiquariat, in Müllsäcke verpackt. Er kaufte sie und zeigt sie seit inzwischgen 15 Jahren zusammen mit dem Kurator Oliver Elser in verschiedenen Ausstellungen im Kunst- und Architekturkontext, darunter auch auf der 4. Berlin Biennale und im Österreichischen Museum für Volkskunde in Wien. Die Sammlung ist heute im Besitz des Wien Museums, welches nun 176 Modelle aus dem Bestand an die venezianische Biennale verlieh.

Die Modelle zeigen österreichische provinzielle Wohn- und Funktionsbauten, in akribischer Manier nachgebaut, weitergedacht oder auch komplett erfunden. Peter Fritz war nicht lediglich ein Feierabendbastler; Oliver Croy und Oliver Elser halten ihn für einen ernstzunehmenden Architekten, einen Dilettanten im besten Sinne: Laut Wikipedia übt der Dilettant „eine Sache um ihrer selbst willen aus, also aus Interesse, Vergnügen oder Leidenschaft“, das italienische dilettare heißt auf Deutsch „erfreuen“. Mit scharfem Blick und detailverliebter Akribie übersetzte Peter Fritz die Architektur seiner Zeit mit ihren regionalen Spezifika, aber auch Absurditäten wie merkwürdigen Anbauten, schreienden Reklametafeln und überbordendem Dekor in filigrane Miniaturen aus d-c-fix-Folie, Zigarettenschachteln und Tapetenresten.
Red.

55. Biennale d’Arte
1. Juni – 24. November 2013
Venedig, Giardini und Arsenale
Informationen zu Tickets, Preisen und Öffnungszeiten auf der Website der Biennale di Venezia.

Publikation zum Projekt von Oliver Croy und Oliver Elser
Oliver Croy, Oliver Elser:
Sondermodelle. Die 387 Häuser des Peter Fritz, Versicherungsbeamter aus Wien.
Hatje Cantz, Ostfildern-Ruit 2001.

Oliver Croy, Oliver Elser: Die 387 Häuser des Peter Fritz (1916–1992), Versicherungsbeamter in Wien (Eine Auswahl an 176 Modellen), 1993–2008, Karton, Papier, diverse Materialien, Maße variabel, Sammlung Wien Museum

Oliver Croy, Oliver Elser: Die 387 Häuser des Peter Fritz (1916–1992), Versicherungsbeamter in Wien (Eine Auswahl an 176 Modellen) 1993–2008, Karton, Papier, diverse Materialien, Maße variabel, Sammlung Wien Museum

Oliver Croy, Oliver Elser: Die 387 Häuser des Peter Fritz (1916–1992), Versicherungsbeamter in Wien (Eine Auswahl an 176 Modellen), 1993–2008
Karton, Papier, diverse Materialien, Maße variabel, Court. Sammlung Wien Museum

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5 Gedanken zu „Miniaturen eines Dilettanten

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