neu im club

Kosmos an der Donau

Alexander Häusler, Architekt BDA, OFICINAA, Ingolstadt

„Wir hatten schon ernsthaft überlegt, ob wir weggehen sollten und es vielleicht ein Fehler war, wieder hierher zurückzukommen.“ Alexander Häusler beugt sich in seinem von Charles und Ray Eames entworfenen EA 108 nach vorne und zeigt auf die aufgeschlagene Doppelseite des Buches, das zwischen uns auf dem Besprechungstisch liegt. Von draußen dringen die Geräusche der Ingolstädter Fußgängerzone herauf ins Büro im vierten Stock des schmucklosen Bürohauses. Stimmengemurmel, vereinzelte Rufe, der Flügelschlag von Tauben, plötzlich setzt das Akkordeonspiel eines Straßenmusikers ein. Inzwischen, so der an der TU München und in Harvard ausgebildete Architekt, sehe es aber so aus, als wende sich das Blatt. „Wir haben im Moment sechs Projekte in der Bearbeitung.“ Das sind zum Teil zwar „nur“ kleine Anbauten an Einfamilienhäuser, aber es sind eben wieder Aufträge in seiner Heimatstadt.

OFICINAA, Haus Beitinger, Ingolstadt 2018 – 2019, Perspektive, Abb.: OFICINAA

Häusler stammt aus Ingolstadt. Sein Vater führte hier jahrelang ein Wohnungsbauunternehmen. Dort einsteigen war keine Option. „Obwohl das auf eine gewisse Weise ehrliche und auch solide Architektur war und ist“, so Häusler über die Arbeiten des Vaters. Dann schon eher der Schritt in die große weite Welt. Nach Architektur- und Skulpturstudium in München hatten ihn die Studien in die USA geführt, wo er seine Frau und Büropartnerin Silvia Benedito kennenlernte. 2011 wurde Benedito auf eine Professur für Landschaftsarchitektur an der Harvard Graduate School of Design berufen. „Seitdem ist unser Lebensmittelpunkt irgendwo über dem Atlantik“, meint Häusler lachend. Tatsächlich war genau dieses Pendeln der Familie zwischen Ingolstadt und Cambridge der Grund für die Gedankenspiele, den Standort in Oberbayern aufzugeben.

OFICINAA, Haus Beitinger, Ingolstadt 2018 – 2019, Modell, Foto: OFICINAA

Die Doppelseite des zwischen uns auf dem Tisch liegenden Buches zeigt ein unprätentiöses Einfamilienhaus. Eines der Häuser des Vaters. Die leicht vergilbten Seiten gehören zur Werkschau des väterlichen Œuvres. „Es ist, als würde sich hier ein Kreis schließen“, meint Häusler und schaut zu mir auf: „Hier, im Garten dieses Hauses, bauen wir gerade den Anbau.“ Die Bauherrnfamilie wusste zunächst nichts über die verbindenden Zeitlinien. Erst als der Schwiegersohn der ursprünglichen Bauherrnfamilie, selbst Fotograf, recherchierte, stießen sie auf Häusler. Der springt derweil auf, eilt in den Nachbarraum und kommt mit drei Modellen wieder. Kleine Studien aus Kunststoff. Aus dem 3D-Drucker.

„Ingolstadt ist eine Putzstadt“, erklärt er. „Aber hier, im Garten, in zweiter Reihe, da passt auch gut was ganz eigenes.“ Für den Entwurf hat Häusler drei raumhaltige Wand-Volumen so zueinander gestellt, dass sich zwischen ihnen Raumkompartimente bilden, die an den Engstellen zwischen den Wänden frei miteinander verbunden sind. Nach oben gedeckt wird diese, in ihrer Konfiguration wie eine freie Interpretation Zumthorschen Raumverständnisses wirkende Folge von drei Innenräumen, von einem modellierten Dach.

OFICINAA, Beastie, Entwurf, New York 2017, Abb. : OFICINAA

„Und wie es dann so ist: Beim letzten Aufmaß kommt die Nachbarin rüber und fragt, was ich denn da gerade mache.“ Wieder muss Häusler lächeln. Noch ist unklar, ob aus dieser losen Anfrage ein neues Projekt werden kann. Das Gefühl, einen Stein in der Tür der Ingolstädter Gesellschaft zu haben, stelle sich inzwischen aber dennoch ein, so der Architekt. Und so arbeitet Häusler weiter in Ingolstadt, Benedito unterrichtet in Cambridge. An beiden Standorten entstehen Projekte. „Wir haben festgestellt, dass es für uns schwierig ist, eng gemeinsam an ein und demselben Projekt zu arbeiten“, erklärt Alexander Häusler. Aber: „Wir zeigen uns alles, sind unsere ersten Kritiker, und dieser Prozess ist extrem wichtig für jedes Vorhaben.“

OFICINAA, Beastie, Entwurf, New York 2017, Abb. : OFICINAA

So ist auch der „Beastie“ genannte Pavillon für das MoMA PS1 entstanden. Jährlich wählt das Museum of Modern Art in New York im Rahmen seines Young Architects Program fünf Büros aus, die sich in einem Wettbewerb um einen Pavillon für den Museumshof messen. Der Siegerentwurf wird realisiert und dient als Szenerie für eine Musik- und Partyserie. Den Sommer über werden alle Arbeiten in New York ausgestellt. OFICINAA hatte für den Pavillon eine Art sich selbsterhaltenden Kühlschrank vorgeschlagen: „Durch einen Kältekompressor wandelt er Sonnenwärme in Eis um“, so Häusler. Dieser Kompressor speist sich durch die Energie der Sonne und gibt die überschüssige Wärme über einen Lüftungsschacht ab. Unter einem Innen und Außen verbindenden Dach aus Photovoltaik-Modulen sind gekurvte Wandelemente um zwei äußere Schwerpunkte so angeordnet, dass sich zwischen ihnen unterschiedliche Räume mit individuellen Klimazonen ergeben. Gewonnen hat den Wettbewerb aber das Büro Dream The Combine aus Minneapolis. Häusler zeigt sich dennoch abgeklärt: „Auch wenn wir den Wettbewerb nicht gewonnen haben: Dass wir dabei waren, ist eine Auszeichnung, und die Ausstellung in New York ein Schaufenster für uns.“

Trotzdem ist das Projekt bezeichnend für den interdisziplinären Ansatz von Benedito und Häusler. Vieles im Oeuvre von OFICINAA lässt sich nicht auf den ersten Blick festschreiben, changiert in den Grauzonen zwischen Architektur, Skulptur und Landschaftsarchitektur, lässt die Genres verschmelzen und bedient sich dort, wo es gerade gegeben scheint. Skulptur als Architektur, Architektur in Landschaft, Landschaft als Skulptur – und das in jeder Kombination. Nicht immer ist das in seiner Wirkung auf den ersten Blick erkennbar, nie aber in Ansatz und Haltung zufällig.

OFICINAA, Werkstätten der Lebenshilfe, Ingolstadt 2012 – 2015, Foto: Florian Holzherr

Die aus einem Wettbewerb hervorgegangenen Werkstätten der Lebenshilfe in Ingolstadt sind ein solches Beispiel für diesen Ansatz. In der Ansicht wirken die flache Fensterbrüstung und die den eingeschossigen Bau nach oben abschließenden Betonteile wie zwei gleiche Betonplatten: auseinander gezogen, um zwischen ihnen alles Notwendige einzuräumen. Innen- und Außenräume gruppieren sich um ein achsensymmetrisches Raster von Erschließungswegen. Werkstätten, Büros, Versammlungsräume, Küche, Speisesaal, Umkleiden, Toiletten und Technik finden sich zwischen diesen beiden konzeptionellen Betonplatten. Die vier eingeschnittenen Höfe belichten das großflächige Volumen, schaffen Ausblicke für die gedeckten Innenräume und bieten geschützte Bereiche für Pausen. Vor dem Gebäude und in zwei der vier Höfe haben die Architekten zudem drei kleine Pavillon-Strukturen etabliert, die jede für sich als eigenständige Skulptur funktionieren, als Dreiklang aber auch Bezug nehmen auf unterschiedliche Architektur-epochen. Dabei ist völlig offen, ob die drei Strukturen nun künstlerische Installation oder architektonischer Zweckbau sind. Diese Bewertung bleibt den Nutzern und Nutzerinnen überlassen.

Alexander Häusler, Maßlinie, 2002, Foto: OFICINAA

Klarer scheint es bei den künstlerischen Arbeiten von Häusler zu sein. Die einfache lineare Stahlkonstruktion der Installation „Maßlinie“ etwa ist auf den ersten Blick schnell dechiffriert: Eine Senkrechte, die die gesamte Raumhöhe durchmisst, von der drei Waagerechte abgehen und auf ihrem Weg bis zur raumbegrenzenden Wand keine Rücksicht auf Einbauten und dergleichen nehmen. Tatsächlich sind sie im Abstand von 2,23 Metern zum Boden und zueinander angeordnet, was dem von Le Corbusier entwickelten Modulor und damit einem architektonischen Archetyp von Maßeinheiten entspricht. Die legendäre Systematik des Franko-Schweizers kommt auch bei der Arbeit „Pneuma(tic) Bodies“ zum Tragen. Aufgeblasene ovale Folienkonstruktionen stehen hier für den menschlichen Aktionsraum. Ihre eigene Fragilität wird dieser Tage mehr denn je zur Metapher menschlichen Handelns und seiner Auswirkungen. Auch sie basieren auf Le Corbusiers Modulor und wurden 2016 im Carpenter Center in Cambridge gezeigt – dem einzigen in den USA realisierten Haus Le Corbusiers unter eigenem Namen.

Alexander Häusler erzählt all das sehr nüchtern, wirkt konzentriert. Wie schwer die Belastungsprobe für Firma, Partnerschaft und Familie wiegt, die die räumliche Trennung über den Atlantik hinweg darstellt, bleibt nur im Rahmen des Angedeuteten und Ahnbaren. Den Projekten sieht man sie nicht an. Sie zeugen von einer eigenen, an verschiedenen Vorbildern geschulten Haltung. Der Kosmos zwischen eigener Arbeit und der der Eltern, zwischen Oberbayern und den USA, zwischen Kunst und Architektur findet seinen spezifischen Ausdruck. Und während sich Silvia Benedito drüben in Harvard auf die letzte Vorlesung der Woche vorbereitet, sitzt unten auf der Straße in Ingolstadt immer noch der alte Mann mit dem wettergegerbten Gesicht und spielt auf seinem Akkordeon.

David Kasparek

www.oficinaa.net

neu im club im DAZ-Glashaus
Talk mit Alexander Häusler:
4. Juli 2018, 19.00 Uhr
Werkschauprojektion:
5. Juli bis 2. September 2018

www.neuimclub.de
www.daz.de
www.derarchitektbda.de

Medienpartner: www.marlowes.de

neu im club wird unterstützt von dormakaba, Erfurt und Heinze sowie den BDA-Partnern.

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