Zu einer typologischen Forschung

Ordnen, bewerten, erkennen

Wie können typologische Betrachtungen für die architektonische Forschung nutzbar gemacht werden? Andreas Hild plädiert dafür, umfassende Daten zum baulichen Bestand zu sammeln und diese systematisch auszuwerten. Mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen könnte auf fundierter Basis und in größerem Maßstab das Umbaupotenzial der gebauten Welt genutzt werden. Die systematische Erfassung von Typologien sollte nicht als Bedrohung von Kreativität betrachtet werden, sondern als Erweiterung und Unterstützung der eigenen Arbeit.

Es ist nicht ganz unkompliziert, das Thema „Architektur und Forschung“ zu verhandeln. Gerade entwerfende Architektinnen und Architekten bezweifeln oft, dass man in ihrem von individueller Kreativität geprägten Arbeitsgebiet überhaupt zu allgemeingültigen Aussagen kommen kann. Zugleich ist das fachintern verbreitete Verständnis von Forschung häufig weit entfernt von den Usancen insbesondere der bundesrepublikanischen Forschungsförderung. Tatsächlich erscheint es schwierig, zu definieren, was Forschung im Bereich der Architektur genau ist. Zu vielfältig ist das Fach, zu mannigfaltig sind die davon berührten akademischen Disziplinen. Schließlich wären ja nicht nur ingenieurtechnische und methodische, sondern auch historische und weitere geisteswissenschaftliche Fragestellungen zu klären.

Trotzdem steht außer Frage, dass es im Bereich der Architektur einen großen Bedarf an wissenschaftlicher Erkenntnis gibt. Und das vollkommen unabhängig davon, wie sehr Hochschulleitungen oder Förderprogramme unterschiedlicher Geldgeber, wie etwa die DFG, dabei unterstützen. Es sollte dabei ein Bewusstsein dafür herrschen, dass eine Bauwende nur gelingen kann, wenn gerade die Tätigkeit des Entwerfens eng mit wissenschaftlicher Erkenntnis verknüpft wird. So muss an irgendeiner Stelle ermittelt werden, ob das, was im Hinblick auf eine klimagerechtere Architektur erdacht wird, auch die erhoffte Wirkung zeigt. Seriöse Architektinnen und Architekten müssen sich ungeachtet aller Vorbehalte wünschen, dass eine solche Evaluierung auf eine objektive und nachvollziehbare Art und Weise erfolgt. Auch, wenn Wissenschaft nicht frei von Irrtümern ist: Letztlich kann nur diese die notwendige Orientierung für die weitreichenden Folgen des Tuns liefern. Was mit so einer Engführung erreicht werden könnte, lässt sich am Beispiel der Typologie ausführen.

Karl Blossfeldt, Farne I, Arbeitscollage, vor 1928, Abb.: Karl Blossfeldt Archiv / Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München

Im Bereich der Typologie begegnen entwerferische Fragen geradezu exemplarisch den Möglichkeiten systematischer Erkenntnis. Typologische Untersuchungen als systematische Betrachtungen von architektonischen Phänomenen haben dabei eine lange Tradition. Schon im 18. Jahrhundert versuchte Jean-Nicolas-Louis Durand Gebäude über ihr Raster in eine bestimmte Ordnung zu bringen, um sie untereinander vergleichbar zu machen. Er hoffte auf verallgemeinerbare Erkenntnisse zu Größen, Funktionen und Grundrissen. Im 20. Jahrhundert entwickelte Aldo Rossi die typologische Herangehensweise zu einer Art Philosophie der Architektur. Innerhalb der gesamten Architekturgeschichte identifizierte er Archetypen als nicht weiter reduzierbare Elemente, auf die jeder Entwurf zurückgreife. Alle architektonischen Arbeiten, auch seine eigenen, verstand er somit als Teile einer kontinuierlichen Tradition, verbunden durch das kollektive Gedächtnis der Baukultur. Später wurde dann sehr viel pragmatischer über Typologie nachgedacht. Zuletzt entstand eine Art interner Wohnungsbaudiskurs, der sich vor allem an unterschiedlichen Grundrisskonfigurationen festmacht. Immerhin liegt auch diesen Ansätzen die Hoffnung zugrunde, durch Einordnung unterschiedlicher Grundrisskonfigurationen zu einer vertieften Erkenntnis zu gelangen – sei es nur, um schneller oder fundierter entwerferische Entscheidungen treffen zu können.

Wie deutlich geworden sein sollte, ist der Begriff der Typologie großen Wandlungen unterworfen. Gemeinsam ist seinen unterschiedlichen Ausprägungen, dass sie häufig auf die bildhafte Komponente von Architektur abstellen. Zugleich werden Gebäude immer, wenn von Typologie die Rede ist, aufgrund bestimmter Eigenschaften unterschiedlichen Kategorien zugeordnet. Die dabei entstehenden Gruppen sollen dann meist als Basis weiterer Erkenntnisse genutzt werden, manchmal geht es aber auch nur darum, das selbst entworfene Objekt in einen größeren Zusammenhang einzubetten und damit auf ein höheres Legitimationsniveau zu heben. Mit einem solchen Vorgehen bleiben jedoch die Möglichkeiten der Optimierung, die das Instrument der Typologie mit sich bringt, ungenutzt. Dass dieses Potenzial insgesamt noch sehr wenig erschlossen ist, hat auch mit einer bislang zu geringen Datenbasis zu tun. Die Zahl der dokumentierten Gebäudeeigenschaften bleibt notwendigerweise relativ gering, solange man versucht, sie „von Hand“ zu erheben. Der Umfang der auf dieser Basis zu treffenden Aussagen ist folglich ebenfalls beschränkt. Zudem steht deren Objektivierbarkeit infrage, wenn jede Beobachtung eigenen Regeln folgt.

Die Frage ist also weniger, ob es möglich oder nötig ist, den bereits jetzt sehr unterschiedlichen Aspekten von Typologie noch eine weitere Facette abzuringen, sondern mehr, ob es nicht möglich wäre, typologisches Wissen zu systematisieren. Ob also nicht sehr viele Informationen zu gleicher Zeit gesammelt werden könnten, um sie in Relation zueinander zu setzen und so zu vernetzen, dass neue Arten von Aussagen und Vorhersagen generiert werden.

Karl Blossfeldt, Vier Herbarien mit präparierten Disteln und Rittersporn, o. J., Abb.: Karl Blossfeldt Archiv / Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München

Es ist gut vorstellbar, dass manche Kolleginnen und Kollegen an dieser Stelle etwas skeptisch reagieren. Tatsächlich waren die Versuche der 1960er-Jahre, das Entwerfen von Architektur wissenschaftlich einzuhegen, in vielerlei Hinsicht nicht sehr erfolgreich. Hier wäre sicherlich ein Perspektivwechsel hilfreich. Die systematische Erfassung von Typologien sollte nicht als Bedrohung von Kreativität betrachtet werden, als eine Art Gängelung durch die Wissenschaft, sondern als Erweiterung und Unterstützung der eigenen Arbeit. Ohnehin beinhalten schon jetzt die allermeisten Entwürfe so etwas wie typologische Vorstudien, wenn hierfür Referenzen ausgewertet oder bereits realisierte Beispiele gesucht werden. Diese Recherchen müssten in Zukunft nicht mehr von jeder Architektin und jedem Architekten im Alleingang und immer wieder aufs Neue ausgeführt werden.

Auch können einzelne Personen selbstverständlich nur eine begrenzte Zahl von Referenzgebäuden betrachten. Was für eine Erweiterung der Möglichkeiten würde es also darstellen, wenn die Untersuchung unabhängig vom konkreten Entwurf auf eine sehr große Zahl von Objekten ausweitet würde! Was wäre, wenn mit stochastischen Methoden Szenarien hochgerechnet oder typologische Erhebungen mit sozialwissenschaftlichen Methoden kombiniert werden könnten, beispielsweise, um Fragen der Zufriedenheiten zu ermitteln. Wer das als Angriff auf die künstlerische Freiheit begreift, wird sich fragen lassen müssen, warum immer noch ausschließlich auf die vergleichsweise unwägbare Kreativität des Einzelnen gesetzt wird, anstatt kollektive Erkenntnisse miteinzubeziehen. Zumal der oder die Architekturschaffende durch die Verfügbarkeit entsprechend aufbereiteter Daten unterstützt werden könnte. Andere Disziplinen sind da weniger voreingenommen. Im Bereich des Produktdesigns beispielsweise liegen oft sehr genaue Untersuchungen vor, die unter anderem Nutzerbedürfnisse zum Gegenstand haben. Die Orientierung steht dabei offensichtlich nicht grundsätzlich einer guten Gestaltung oder einem originellen Entwurf im Wege. Ist ein Design, welches die Faktoren Form, Nutzerbedürfnis und Funktionalität integriert, wie beispielsweise beim iPhone, wirklich undenkbar im Bereich der Architektur? Natürlich müsste man sich an die entsprechenden Untersuchungen langsam herantasten. Es kann dabei nicht darum gehen, auf schnelle Erfolge zu hoffen.

Ernst Haeckel: Die Radiolarien (Rhizopoda radiaria), Berlin 1862, Tafel 34

Es mag sogar sein, dass sich zumindest im Bereich des Neubaus gar keine unmittelbaren Erfolge einstellen, wenn be­stehende Gebäude auf ihre Eigenschaften hin untersucht würden. Im Bereich des Erhalts von Gebäuden hingegen ist es völlig offenkundig, dass es nicht nur zu wenig Wissen über die Bestände gibt, sondern die Folgen unseres Tuns aufgrund des mangelnden Wissens häufig nicht abschätzbar sind. Was beim Umbau eines einzelnen Hauses noch verträglich sein mag, wird beim kollektiven Agieren in den großen Nachkriegsbeständen zu einer Art Roulette, bei dem unklar ist, wer an welcher Stelle gewinnen oder verlieren wird. Die riesige Menge und die Ähnlichkeit von Gebäuden, insbesondere aus den 1960er-Jahren, legt es deshalb nahe, durch systematische Auswertung von Daten zu Erkenntnissen zu gelangen, die für den Erhalt dieser Bestände von Nutzen sein könnten. Das betrifft natürlich nicht nur entwerferische, sondern auch baukonstruktive Fragen, beispielsweise des Brandschutzes und der Statik. Informationen zu all diesen Aspekten müssten in einer Art und Weise vorliegen, die gerade in der Zusammenschau Handlungsoptionen und Konsequenzen des Handelns aufzeigt.

Bisher gibt es in der Architektur keine echte Tradition für solche systematischen Untersuchungen. Vereinzelt vorliegende Erhebungen haben einen begrenzten Fokus und fließen zudem nur sehr zögerlich in den allgemein verfügbaren Wissensvorrat der Disziplin ein. Spätestens jetzt ist der Zeitpunkt, an dem sich das ändern sollte. Die Frage des Erhalts oder Nichterhalts von Gebäuden wird maßgeblichen Einfluss darauf haben, wie schnell die von der Bundesregierung angestrebte CO2-Neu­tralität erreicht werden kann. Zugleich aber werden die in diesem Zuge erdachten Regularien und Gesetze Auswirkungen auf die Baubestände in diesem Land haben, die derzeit nicht in der notwenigen Präzision vorhersagbar sind. Denn wer kann sagen, welche Folgen ein flächendeckender KfW 55-Standard für den Bestand hätte? Wenn hier eine Abwägung stattfinden soll, wird man lernen müssen, welche Maßnahmen den Bestand bedrohen, und welche tolerierbar sind. Dem müssen typologische Untersuchungen und Kartierungen vorausgehen. Erst auf Grundlage umfassend gesammelter Daten wird es möglich sein, sinnvolle Handlungsoptionen und deren Grenzen aufzuzeigen.

Möglicherweise kommt im Zeitalter von „Big Data“ auch der herkömmliche Begriff der Typologie an seine Grenzen, der in erster Linie auf das bloße Bild des Gebäudes oder seines Grundrisses konzentriert ist. Wenn Typologien jedoch mit großen Mengen automatisch generierter Daten angereichert werden sollen, kommt man mit den üblichen Klassifizierungen nicht aus. Künftig könnte man vielleicht nach dem Vorbild der biologischen Taxonomie vorgehen. Im Bereich der Biologie sind die Kriterien, nach denen Arten, Familien und Gattungen oder ganz allgemein Verwandtschaften gebildet werden, wesentlich systematischer als in der Architektur. Natürlich gibt es auch hier Diskussionen über Grenzen und Abgrenzungen, dennoch ist es weder notwendig noch üblich, Ordnungsprinzipien ständig neu zu erfinden. Eine entsprechende Verlässlichkeit und Fülle an vergleichbaren Kriterien, auch auf dem Gebiet der Gebäudeklassifikation, zu erreichen, setzt natürlich eine Menge definitorischer Vorarbeit voraus, die Eingang in eine allgemeine Betrachtungsweise finden könnte.

Ernst Haeckel: Die Radiolarien (Rhizopoda radiaria), Berlin 1862, Tafel 19

Der Primat des Gebäudeerhalts vor dem Abriss, der diese Ausführungen leitet, betrifft nicht allein das, was bereits gebaut ist. Wenn gewährleistet sein soll, dass jede Substanz eine längere Lebenserwartung hat, dann sollte es die Bemühung geben, die heute neu zu errichtenden Strukturen so zu denken, dass sie in der Zukunft toleranter gegenüber Veränderungen sind. Es wird so gebaut werden müssen, dass sich die Gebäude gut umbauen lassen. Eine These dazu könnte beispielsweise sein, dass dies mit einem gewissen Volumen- und Quadratmeter-Überschuss einhergehen muss. Man denke an Altbauwohnungen aus der Gründerzeit, die sich heute für nahezu jede Nutzung eignen; von der Wohnung über das Büro bis hin zur Arztpraxis. Ganz offenkundig sind viele dieser Einheiten aber gleichzeitig zu groß, um als Blaupause für heutige Entwürfe zu dienen. Wo sind die Grenzgrößen? Ab welchem Punkt sind Strukturen umnutzbar und daher nachhaltig? Welche Volumen müsste man sich leisten, um welches Maß an Umnutzbarkeit zu gewährleisten? Man wird sich nicht allein auf die Kräfte des Marktes, auf die individuellen Erfahrungen unterschiedlicher Investorinnen und Investoren stützen können, sondern systematisch allgemeingültiges Wissen erzeugen müssen. Hierzu wird staatliche Forschungsförderung notwendig sein. Aber auch eine angemessene finanzielle Unterstützung kann nur greifen, wenn die Ergebnisse der Untersuchungen auch in der Praxis wirksam werden. Neben der eigentlichen Forschungstätigkeit ist dabei ein hoher kommunikativer Einsatz gefragt: Nur wenn die Anliegen und Inhalte allen am Bauen Beteiligten mit Nachdruck transparent gemacht werden, können die akademischen Bemühungen auch Früchte tragen.

Prof. Dipl.-Ing. Andreas Hild (*1961) studierte Architektur an der ETH Zürich und der TU München. 1992 gründete er zusammen mit Tillmann Kaltwasser das Büro Hild und Kaltwasser Architekten. Seit 1999 in Partnerschaft mit Dionys Ottl, seit 2011 mit Matthias Haber: Hild und K Architekten. Nach verschiedenen Lehraufträgen und Gastprofessuren wurde Hild 2013 auf die Professur für Entwerfen, Umbau und Denkmalpflege an der TU München berufen. Von 2017 bis 2021 leitete er als Dekan die dortige Fakultät für Architektur. Andreas Hild ist Mitglied des Redaktionsbeirats dieser Zeitschrift, er lebt und arbeitet in München.

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