Neubau in Lübeck

Passgenau

Wie schwer das Bauen im Bestand ist, wissen viele Architektinnen und Architekten. Umso bemerkenswerter sind jene Bauten, die von ihren Planern feinfühlig in bestehende Strukturen eingefügt wurden – wie etwa das Ulrich-Gabler-Haus in Lübeck von Konermann Siegmund Architekten BDA (Hamburg/Lübeck).

Inmitten der historischen Altstadt der Hansestadt haben die Architekten – direkt gegenüber den Türmen der Marienkirche – auf sechs historischen Parzellen den Neubau entwickelt. Welche Herausforderung der Status des UNESCO-Weltkulturerbes der Lübecker Innenstadt dabei spielte, kann nachvollziehen, wer die Debatten um Neubauten in Köln, Passau oder München verfolgt hat. Hervorgegangen aus einem beschränkten Wettbewerb haben Georg Konermann-Dall und Ingo Siegmund ihren Entwurf geschickt in unterschiedlich große Volumina zergliedert. So umschiffen sie zum einen die planerischen Untiefen der Unwirtschaftlichkeit der historischen Parzellen, fügen den Neubau aber passgenau in das Gefüge vor Ort ein. Dies wird durch die Materialität, die spitzen Giebel, die nach außen aufschlagenden Fenster sowie durch die Vor- und Rücksprünge der Fassaden weiter unterstützt.

Im Eckbereich der Straßen Schüsselbuden und Alfstraße befand sich vor dem Krieg das älteste bis heute in Nordeuropa nachgewiesene Saalgeschosshaus – erbaut noch vor der Errichtung der gotischen Marienkirche im ersten Viertel des 13. Jahrhunderts. Kelleraußenwände und Säulenstümpfe, die einst die Gewölbe dieses Baus trugen, wurden in den 1980er Jahren archäologisch ergraben und stehen seitdem als Kulturdenkmal unter Schutz. Die Architekten integrieren diese Fragmente und lassen in den Umfassungswänden des historischen Kellers ein öffentlich zugängliches Café entstehen, das über einen geschossübergreifenden Luftraum die Verbindung zum Stadtraum aufbaut.

Den größeren Teil des Neubaus nutzt die Vorwerker Diakonie, eine Einrichtung der Behindertenhilfe. Sie betreibt das Café mit Kaffeerösterei im Untergeschoss und eine Kantine mit Küche für die insgesamt über 120 Nutzer des Gebäudes. Zudem bietet das Haus Platz für einen Laden, in dem von Behinderten produzierte Handwerksobjekte verkauft werden nebst öffentlich einsehbarer Werkstätten, wie Bonbonmanufaktur, Töpferei und Schauweberei. In den Obergeschossen befinden sich weitere Werkstätten und mit der Gisa-Feuerberg-Schule eine Fachschule für Heilpädagogik. Den kleineren westlichen Teil des Gebäudes nutzt die Lübecker Polizei mit Büros.

Dka

Konermann Siegmund Architekten BDA, Ulrich-Gabler-Haus, Lübeck 2010-2014, Fotos: Dorfmüller-Klier

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