Eine Inkunabel der Baukunst

Nachts im Haus Schminke

Es ist des Häuslebauers Traum: Ein Wohnhaus ganz nach eigenen Vorstellungen, von professioneller Architektenhand sorgfältig geplant, begleitet und bis in alle Einzelheiten durchdacht. Als sich Fritz und Charlotte Schminke in den 1920er Jahren auf die Suche nach einem Architekten begeben, der ihnen diesen Traum erfüllt, sind sie unter anderem auf der Werkbundausstellung 1929 in Breslau zu Besuch. Dort lernen sie den 34jährigen Hans Scharoun kennen. Die Anforderungen des jungen, wohlhabenden Paares – Fritz Schminke war der Erbe der Anker-Teigwarenfabrik – an das neue Domizil waren präzise formuliert: „Ein modernes Haus für zwei Eltern, vier Kinder und gelegentlich ein bis zwei Gäste; da der Garten zur Hauptsache nördlich des vorgesehenen Bauplatzes lag, sollte der Blick nach dort wohl frei sein, jedoch sollten die Wohnräume auch Südsonne haben; leichte Bewirtschaftung, nur eine Gehilfin für die Hausfrau; praktische Fußböden, einfach und leicht zu reinigende Bäder, Schlaf- und Waschräume; Wohn-, Wasch- und Baderaum für die Hausgehilfin; Möglichkeiten zur Blumenpflege, an der die Hausfrau besonders interessiert war…”. Hans Scharoun, der im Gegensatz zu vielen seiner Kollegen der „Gläsernen Kette“ und des „Rings“ nicht ins Ausland emigriert war, hatte in den 1930er Jahren nur wenige öffentliche Aufträge und baute hauptsächlich für Privatpersonen. Und so konnte er dem Haus Schminke, das er später als „das Haus, das mir das liebste war“ bezeichnete, in den drei Jahren Bauzeit viel Aufmerksamkeit widmen und die Wohnvorstellungen der Schminkes in beinahe täglichem Briefwechsel weitaus spezifischer austarieren, als es die oben zitierte Passage vermuten lässt.

Heute ist das Ergebnis dieser innigen Zusammenarbeit und der folgenden jahrelangen Bauherren-Architekten-Freundschaft im sächsischen Löbau zu besichtigen: Das Haus Schminke, eine Ikone des Neuen Bauens, wird inzwischen von einer Stiftung unterhalten, die in ihrem Besucher-Service auch Übernachtungen anbietet.


Es ist erhellend, einen ganzen Tag und eine Nacht im Haus Schminke zu verbringen, denn es ist buchstäblich aus Licht gebaut: Die Räume sind dynamisch, teils verschiebbare Glaswände gliedern sie und sie verändern sich auch ohne menschliches Zutun allein mit dem Winkel des einfallenden Sonnenlichts. Dabei hatte Scharoun nichts – keinen Schlagschatten, keinen Sonnenfleck – dem Zufall überlassen. Auch die sich ins Innere überlagernde Natur, Charlotte Schminkes geliebter Garten, trägt zu der unglaublich beruhigenden, harmonischen Atmosphäre bei, die dieses Haus erfüllt. Anders als die kurz zuvor fertig gestellt Villa Tugendhat im tschechischen Brno ist es kein Haus zum Repräsentieren, sondern zum drin Leben.

Scharoun begann das Haus als Mauerwerksbau mit einem Sockel aus hellgelbem Klinker und änderte anschließend die Bauweise hin zum leichteren Stahlskelett. Schlanke Stahlträger tragen die Decken und Terrassenvorsprünge, die Außenwände sind dünn und teils verglast. Der Einfluss von Hermann Muthesius, einem der Begründer des Deutschen Werkbundes, ist vor allem beim Grundriss erkennbar, nicht aber in Bezug auf die Konstruktion und die äußere Gestaltung. Das Haus ist von Innen und aus der Funktion der Räume heraus entwickelt und dem Scharounschen Ansatz vom organischen Bauen verpflichtet: Die Bedürfnisse der Bewohner formten das Raumprogramm und die Disposition, alles ist auf den reibungslosen Ablauf des Wohnvorgangs ausgerichtet. Dazu kommt die zweite Gestaltungsschicht, die Scharoun über die Gesamtkonstruktion legt: Da Fritz Schminke ursprünglich Schiffsbauer werden wollte, gab Scharoun – selbst aus einer Hafenstadt stammend – dem Haus die äußere Form eines Schiffes, dessen Großzügigkeit und industrielle Anmutung er auf den Wohnungsbau übertrug: Kühn ragt nun der Bug gen Gartengrundstück; Bullaugen und genietete Stahlflächen allerorten; schiffsartig auch die Außentreppe, die langgestreckten, wie Schiffsdecks von zwei Seiten belichteten Wohnräume, die Halle mit der einläufigen Treppe und die Wohnräume im Obergeschoss, die einseitig entlang eines langen Gangs aufgereiht sind.

Zu Abend speisen wir am rekonstruiertem Esstisch der Familie in der zentralen Halle. Hier hatte jedes Familienmitglied seinen Platz, markiert und voneinander abgetrennt durch farbige Streifen, die in den Tisch eingelassen waren. Die Morgensonne hingegen ist am schönsten im Wintergarten. Die Jahreszeiten müssen regelrecht spürbar im Haus gewesen sein. Eine Tochter der Schminkes, Helga Zumpfe, erinnert sich, dass die Mutter den Kindern immer verboten hat, durch den Neuschnee vor der Nordterrasse zum Garten zu laufen, da sonst ihr Blick auf die perfekte Schneedecke zerstört würde. Überhaupt scheint es, als sei das Haus ein Kinderparadies. Der Gartenteich war wahlweise Schauplatz für Zinkbadewannenregatten oder Eisschnelllaufbahn, eine von Scharoun angelegte buckelige Gleisanlage zur Beförderung der Kohle diente den Kindern als Berg- und Talbahn. In Kinderhöhe angebrachte kleine Bulläuglein in den Türen waren mit farbigen Scheiben versehen, so dass man die Welt – hier klingt die anthroposophische Einstellung der Eltern an – in Rot, Blau oder Orange sehen konnte.

Ungezählt die überraschenden Details im Haus: die Frankfurter Küche nach den Prinzipien der Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky, die orangefarbene Lichtdecke im Wintergarten, die wellenförmig gekrümmten Aluprofile an den Fensterrahmen, die die Falten der Vorhänge aufgreifen. Ursprünglich gab es auch eigens für das Haus entworfene Leuchter, die an die mit Silbertapete verkleidetet Decke strahlten und silberne Lichtinseln bildeten. Alles ist praktisch, durchdacht, schlüssig, und dabei so ästhetisch, leicht und angenehm, dass es eine wahre Freude ist, jede einzelne Tür, jedes Fenster und jede Schublade zu öffnen. Als Beispiel sei ein Fenster im Wohnzimmer genannt, das nicht einfach nach innen schwenkt, sondern sich derart um die eigene Achse nach außen dreht, dass die Gegenstände auf dem dahinter befindlichen Schreibtisch nicht umständlich zur Seite geräumt werden müssen. Der Gestaltungswille reicht bis in den Keller, den Maschinenraum des Hauses: Die Technik sollte sichtbar sein, leuchtend Rot angemalt winden sich die dicken Rohre der Haustechnik.

Nachts müssen wir uns zwischen dem Gästezimmer und dem Elternschlafzimmer entscheiden. Die Betten waren getrennt aufgestellt, so dass der Hausherr beim ersten und letzten Augenaufschlag seine Nudelfabrik durchs Fenster sehen konnte, die Hausherrin jedoch mit Blick nach Osten schlief und im Licht der ersten Morgensonne ihre morgendlichen Yogaübungen absolvieren konnte.

Die Stiftungsmitarbeiter haben sich alle Mühe gegeben, die Schminkes anwesend und ein augenscheinlich unbeschwertes Familienleben allgegenwärtig zu machen. Überall stehen Fotos des Hauses aus den dreißiger Jahren, eine DVD zeigt private Filmaufnahmen der Familie. Und doch – ein beklemmendes Gefühl beschleicht uns, da wir aus gegenwärtiger Perspektive auf die Geschichte blicken: Die Schminkes wohnten nur zwölf Jahre in ihrem Heim. Der Sohn fiel im Krieg, der Vater war in Gefangenschaft und wurde nach Kriegsende enteignet, anschließend zogen die Eltern in den Westen. Kurz darauf zerbrach die Ehe.

Zu DDR-Zeiten wurde das Haus als FDJ-Ferienheim genutzt und schließlich im Jahr 2000 aus Mitteln der Stadt Löbau und der Wüstenrot Stiftung saniert. Das für die Restaurierung zuständige Büro Pitz und Hoh aus Berlin hat bei der Wiederherstellung der Farbfassung nicht immer werkgetreu gearbeitet, besonders in der Eingangshalle ist das sehr zu bedauern.

Es ist den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Haus Schminke-Stiftung zu verdanken, dass das Bauwerk in seiner Bedeutung mehr ins Bewusstsein lokaler Politiker und der nationalen und internationalen Touristen rückt. Die Projektleiterin der Stiftung, Claudia Muntschik, erzählt von weiteren Zukunftsplänen: Das Haus Schminke soll in Zukunft zu einem „Zentrum der Moderne“ werden – als Herz und erster Anlaufpunkt eines Netzes moderner Bauten im Dreiländereck Tschechien-Polen-Oberlausitz, die hier in großer Zahl vorhanden sind. Derzeit ringt die Stiftung jedoch um Geld, da der Hauptstifter kürzlich aufgegeben hat. Dazu wurde 2012 das kürzlich fertiggestellte EU-geförderte Forschungsprojekt „Topographie der Bauten der Moderne“ (TOPOMOMO) gegründet, dessen Ergebnisse bald öffentlich vorgestellt werden.

Juliane Richter

Haus Schminke
Kirschallee 1b

02708 Löbau
Öffnungszeiten: Do bis So 12 – 17 Uhr
Übernachtungsmodalitäten und -preise

Fotos: Stiftung Haus Schminke, Juliane Richter

 

 

 

 

 

 

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