Gespräche mit Susanne Wartzeck

in der krypta

Räume und ihre Atmosphären bestimmen Wahrnehmungen und Gedanken. Dieses Mal treffen sich die Präsidentin des BDA, Susanne Wartzeck, und der Chefredakteur dieser Zeitschrift, Andreas Denk, in der Frauenfriedenskirche in Frankfurt. Die Kirche, gebaut 1926 bis 1929 nach Plänen von Hans Herkommer, entstand auf Initiative von Hedwig Dransfeld, der damaligen Vorsitzenden des Katholischen Deutschen Frauenbunds, die auch Mitglied der Nationalversammlung und Reichstagsabgeordnete war. Mit dem allein durch Spenden finanzierten Kirchbau wollte sie ein Mahnmal für die Opferbereitschaft und den Friedenswillen der Frauen nach dem Ersten Weltkrieg errichten, aber auch ein sichtbares Zeugnis der Emanzipation der Frauen in der katholischen Kirche geben. In der Krypta des typologisch wegweisenden Bauwerks sprechen Susanne Wartzeck und Andreas Denk passend zu dieser Ausgabe von die architektin über die Rollen und das Rollenverständnis von Frauen in der Architektur.

Andreas Denk: Frauen haben nach wie vor im Berufsleben nicht die gleichen Voraussetzungen wie Männer. Dass Frauen Kinder bekommen können, ist grundsätzlich gut, kann sich aber im Job negativ auswirken. Zumindest galt das für ältere Generationen, die den gleichen Erfahrungshorizont wie wir beide haben. Glauben Sie, dass dieses Manko noch auf junge Architektinnen zutrifft, oder gehen jüngere Generationen besser und selbstverständlicher mit der Verbindung von Beruf und Mutterschaft um?

Foto: Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

Susanne Wartzeck: Wir sind grundsätzlich immer noch im gleichen Modus: Alle Frauen meiner Generation, die ich kenne, haben den Sprung zur berufstätigen Mutter nur deshalb geschafft, weil sie einen Partner hatten, der auch Architekt ist, und mit dem sie zusammen die Elternschaft bewältigt haben. Da gibt es gute Beispiele – aber nicht allzu viele. Weniger als zehn Prozent der leitenden Positionen in Architekturbüros sind mit Frauen besetzt – klare Verhältnisse. Wir haben diese Hürde bislang nicht überwunden. Ein paar Weichen sind gestellt: Die Kinderbetreuung, die ich persönlich noch privat organisieren musste, ist besser organisiert, aber das ist nicht alles. Es geht um das Selbstbewusstsein und das Selbstverständnis, mit dem Frauen in ihrem Beruf auftreten.

Andreas Denk: Es gibt immer ein gewisses Misstrauen, das mit der Beschäftigung jüngerer Frauen einhergeht…

Susanne Wartzeck: In der Sicht vieler Arbeitgeber sind junge Frauen ein Unsicherheitsfaktor, weil sie möglicherweise irgendwann Kinder bekommen könnten. Je mehr positive Erfahrungen die Gesellschaft mit arbeitenden Müttern hat, je selbstverständlicher wird es werden. Insbesondere Architekturbüros sind auf besonders gut qualifizierte Fachkräfte angewiesen. Wir können uns gar nicht erlauben, auf sehr gute, von uns selbst ausgebildete Mitarbeiterinnen zu verzichten. Hier deutet sich vielleicht am ehesten ein Wandel an, weil so viele hochtalentierte Frauen inzwischen Architektur studieren, die später eine wichtige Rolle spielen werden.

Andreas Denk: Ich habe mitunter den Eindruck, dass die Generation zwischen 25 und 35 Jahren allmählich selbstverständlicher mit dem Thema umgeht. Sie gehen eher davon aus, dass Mutterschaft und Beruf vereinbar sein sollten. Was von vielen Frauen – allerdings auch von immer mehr Männern – als problematisch empfunden wird, ist die Selbständigkeit. Das hundertprozentige Engagement für das eigene Büro, die Dauersorge um Aufträge, der erschwerte Zugang zu Wettbewerben und VgV-Verfahren, die existenzbedrohenden Haftungsbestimmungen – das sind Rahmenbedingungen, denen sich viele nicht gewachsen fühlen oder nicht unterwerfen wollen.

Susanne Wartzeck: Da kann ich etwas aus der Betreuung eines Masterstudiengangs in Erfurt berichten. Es waren nur Frauen in meinem Kurs, zum Abschluss des Semesters habe ich die Studentinnen gefragt, was sie vorhaben: Es war keine einzige der teilweise sehr guten Frauen dabei, die auch nur im Entferntesten daran gedacht hätte, sich selbständig zu machen…

Andreas Denk: …das deckt sich mit meinen Erfahrungen in Köln: Die wenigsten der teilweise sehr befähigten Studentinnen wollen den Fortgang ihres Lebenswegs durch eine Selbständigkeit festlegen. Eine angestellte Tätigkeit erscheint sorgenfreier, ist in Bezug auf das zeitliche Engagement limitierbar und ermöglicht eine freiere, stärker selbstbestimmte Lebensplanung. Die Wahlfreiheit scheint wichtiger.

Foto: Andreas Denk

Foto: Andreas Denk

Susanne Wartzeck: Es gibt inzwischen ja einige Büros, die nur von Frauen geführt werden, die sich solidarisch bei Leitungsaufgaben abwechseln, um für die Kolleginnen familiäre oder individuelle Freiräume zu schaffen. Ich bin sicher, dass diese Solidarität in jedem Büro vorhanden sein kann. Es geht hier um die Einsicht und den guten Willen. Aber bis zu einer wirklichen Gleichstellung der Frauen muss die Gesellschaft noch einen längeren Weg zurücklegen: Ich habe vor kurzem in einem Film über Rollen- und Berufsbilder von Schulkindern gesehen, wie sehr Mädchen klassischen Rollenvorstellungen verhaftet bleiben. Da war die Rede davon, dass Frauen „nicht so selbständig wie Männer“ seien oder „nicht so gut Verantwortung tragen“ könnten. Warum Frauen das nicht können, konnten die Mädchen nicht beantworten. Solche Meinungen werden offensichtlich in der Familie oder im sozialen Umfeld weiterhin vermittelt. Deshalb muss man Mädchen und Frauen immer wieder Mut machen und am eigenen Beispiel verdeutlichen, dass Frauen eine wichtige Rolle im Berufsleben spielen. Aber es bleibt zugleich eine langfristige gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Stück für Stück eine Veränderung der Klischees herbeiführen muss.

Andreas Denk: Es geht um einen grundsätzlichen Umbau gesellschaftlichen Denkens und gesellschaftlicher Mentalität, der seit mehreren Generationen stattfindet und sicherlich auch noch einige Generationen dauern wird. Die Schritte sind langsam, aber unübersehbar.

Susanne Wartzeck: Wir müssen daran arbeiten. Nach den Suffragetten, der Frauenbewegung der 1920er Jahre und der 1960er und 1970er Jahre hatte meine Generation den Eindruck, die „Gleichberechtigung“ sei bereits erkämpft. Ich habe mir damals einfach genommen, was mir zustand. Aber ich habe lange Zeit nicht gemerkt, dass ich mich auch weiterhin dafür einsetzen muss.

Andreas Denk: Die Stärkung von Architektinnen und Stadtplanerinnen ist Ihnen ein persönliches Anliegen. Was kann der BDA dafür tun, dass seine weiblichen und seine männlichen Mitglieder in ein ausgewogeneres Verhältnis kommen? Die Zahl weiblicher Mitglieder spricht nicht für den Bund. Immerhin hat er inzwischen seinen Namen geändert. Und er hat zum ersten Mal eine Präsidentin. Den Anteil der Frauen in der Mitgliederschaft erhöht das jedoch noch nicht signifikant.

Susanne Wartzeck: Wir haben derzeit nur zwölf Prozent weibliche Mitglieder. Unsere Möglichkeiten sind begrenzt. Wir signalisieren durch unsere Umfirmierung zum Bund Deutscher Architektinnen und Architekten wenigstens eine größere Offenheit als der „Altherrenverein“, als der der BDA früher bekannt war. Wir können Frauen ansprechen, die bereits im Berufsleben stehen und noch nicht den Weg zum BDA gefunden haben. Und wir müssen vor allem junge Frauen, die sich in eine Architekturausbildung begeben, dafür begeistern, sich selbständig zu machen und – vielleicht auch zu mehreren – die Verantwortung für ein Büro übernehmen.

Andreas Denk: Inzwischen hat der BDA einige Initiativen entwickelt, die in diese Richtung gehen.

Foto: Andreas Denk

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Susanne Wartzeck: Es gibt in fast allen Ländern Preise für Studierende und Nachwuchs wie „max40“, die einerseits natürlich den BDA unter jungen Architekten bekannter machen und andererseits diejenigen fördern sollen, die es beim Aufbau eines eigenen Büros schwer haben – also auch Frauen. In der Zeit des Studiums müsste und kann allerdings mehr passieren: Es mangelt schließlich nicht an begabten Frauen, die Architektur studieren wollen. In der Architektur gibt es kein MINT-Problem wie in der Mathematik oder in der Physik, was nur wenige Frauen studieren wollen. Vielleicht ist das eine Aufgabe, die sich in den Büros der BDA-Mitglieder entscheidet: Wie können wir jungen Frauen ermöglichen, in leitende oder Führungspositionen zu kommen und zu bleiben?

Andreas Denk: Das wäre eine gute Initiative: Einerseits den BDA an den Hochschulen so einzuführen, dass er Frauen in fortgeschrittenen Semestern engagiert und umsichtig mit den Bedingungen der Selbständigkeit vertraut macht. Vielleicht ist das „SELBSTSTÄNDIG“-Seminar, das Alesa Mustar und Elina Potratz im Rahmen des Women-in-Architecture-Festivals Ende Juni dieses Jahres in Berlin planen, ein Schritt in die richtige Richtung…

Susanne Wartzeck: …so eine Starthilfe für Architektinnen ist eigentlich eine grundsätzliche Aufgabe der Architektenkammern. An den IHK gibt es solche Fortbildungen für Frauen in Führungspositionen schon lange. Allein das Angebot legt ja schon die Möglichkeit einer realistischen Chance nahe.

Andreas Denk: Andererseits müsste sich auch in den Büros selbst ein Haltungswechsel einstellen. Für größere Büros ist es leicht, den Ausfall von Frauen in wichtigen Positionen wegen Schwangerschaft, Elternzeit oder Pflege-Auszeiten zu kompensieren. In kleinen Büros werden solche „Wechselfälle des Lebens“ gleich als existenzbedrohende Krisen empfunden. Trotzdem müsste es auch ihnen bei gutem Willen gelingen, Modelle zu entwickeln, wie Frauen in die Verantwortung kommen können.

Susanne Wartzeck: Ja, das stimmt. Aber dafür muss sich auch bei den Frauen etwas ändern: In meinem Büro haben wir meist einen kleinen Überhang von Mitarbeiterinnen. Bei nicht wenigen von ihnen beobachte ich eine gewisse Skepsis, wenn es darum geht, Positionen mit größerer Verantwortung zu übernehmen. Da reicht die Aufgabe weiter: Wir müssen in den Familien, in den Schulen, in den Hochschulen und in den Architekturbüros daran arbeiten, Mädchen und Frauen mit dem notwendigen Selbstvertrauen auszustatten: „Ich als Frau kann das!“

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