Buch der Woche: Extra Normal

Schauerliche Postmoderne

Wer Serge Fruehaufs Fotobuch „Extra Normal“ zum ersten Mal durchblättert, braucht zunächst ein wenig Zeit, um hier einen roten Faden zu finden. Klar ist: Es geht um unterschiedliche Architektur, dabei oft um architektonische Details, aber auch um Kunst am Bau und im öffentlichen Raum. Das meiste davon kann als Produkt der sechziger, siebziger und achtziger Jahre identifiziert werden. Außerdem sticht viel Kurioses und Hässliches ins Auge: Bauformen, die sich gegenseitig in die Quere kommen, in ihrer Proportionierung und Materialität nicht harmonieren oder in ihrer skulpturalen Gestalt schlichtweg überambitioniert oder für ihre Umgebung unpassend erscheinen. Viel Beton ist dabei, der mit der Zeit eine deutliche Patina angesetzt hat und entgegen der heute wieder aufflammenden Faszination für den Brutalismus in eher wenig schmeichelhaftem Licht dasteht.

Was hier fotografisch präsentiert wird, erinnert dabei an ein Phänomen, das man aus manchen Arztpraxen, Restaurants oder Dönerläden kennt: Offensichtlich war jemand von einer Dekorier- und Gestaltungswut besessen, deren Resultat irgendwelche Bilder von Cappuccinotassen, Aquarelldrucke in Plastikrahmen und verloren wirkende Topfpflanzen sind. Die Vermutung liegt nahe, dass diese Orte ohne all die vermeintlich schöne Aufmachung wesentlich ansehnlicher wären. Aus eben diesem ungelenken und unbedingten Gestaltungswillen heraus scheinen auch viele Architekturen in Fruehaufs Fotografien entstanden zu sein, denn bei all der Hässlichkeit des Gezeigten ist zugleich fast immer das deutliche Bemühen um einen, wenn nicht bedeutungsvollen, so doch in irgendeiner Weise kunstvollen Ausdruck zu erkennen.

„Extra Normal“ ist mit seinem scharfen und humorvollen Blick auf alltägliche bauliche Verfehlungen sehr unterhaltsam. Die formalen Prinzipien der Menschenleere, des neutralen Lichts und der Korrektur der stürzenden Linien, einst von Bernd und Hilla Becher zur Vollendung geführt, sorgen auch hier für eine Ästhetisierung des Unansehnlichen und Unscheinbaren. Man fühlt sich sowohl abgestoßen als auch angezogen von dieser etwas „peinlichen“ Architektur – ein wohliges Gruseln könnte man es nennen. Serge Fruehauf kann zumindest teilweise den Umstand ausgleichen, dass er mit seinem Fotobuch etwas einseitig den Spott auf die Architektur der Nachkriegs- und Postmoderne zieht und sein Bildband somit beinahe etwas anklagend anmutet. Hierzu trägt nicht zuletzt auch der einleitende Text von Martino Stierli bei, der von den „alltäglichen architektonischen Unglücksfällen und Verbrechen“ einer „in die Jahre gekommenen Nachkriegsmoderne“ spricht. Das Buch verführt in gewisser Weise dazu, in jeder abgebildeten Architektur das Scheußliche erkennen zu wollen, obschon dieses nicht bei jedem Bau gleichermaßen offensichtlich ist. Mitunter fragt man sich, ob es vielleicht etwas zu einfach ist, sich über etwas zu erheben, das sich durch Spuren der Zeit und mitunter lieblose Überarbeitungen der letzten Jahrzehnte in bemitleidenswertem Zustand befindet. Hat die Architektur der sechziger, siebziger und achtziger Jahre tatsächlich in besonderem Ausmaß „Unglücksfälle und Verbrechen“ hervorgebracht? Gab es diese nicht zu jeder Zeit? Glücklicherweise traut man Serge Fruehauf zu, dass er sein Bildarchiv nicht einseitig erweitern wird, denn es sind auch einige zeitgenössische Bauten in „Extra Normal“ zu finden. Nicht nur deshalb kann man hoffen, dass in Zukunft noch weitere Bände zu diesem Thema erscheinen werden.

Elina Potratz

Serge Fruehauf: Extra Normal, 200 S., gebunden, 177 Farbabb., 48 Euro, Scheidegger & Spiess, Zürich 2016, ISBN 978-3-85881-527-9

 

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