Buch der Woche: Architektonische Gewissensfragen

Schön und gut?

Rainer Erlinger ist mit seiner Kolumne der „Gewissensfragen“ im Magazin der Süddeutschen Zeitung eine Art Guru der moralischen Alltagskonflikte geworden. Auch mit dem Planen und Bauen sind viele ethische Fragen verbunden – doch sind diese manchmal so spezifisch, dass sie wohl nur jemand beantworten kann, der sowohl Kenntnisse aus Architektur als auch Moralphilosophie in sich vereint. Martin Düchs ist so ein Jemand, der nun mit seinem Buch „50 + 1 Architektonische Gewissensfragen“ zeigt, dass Architektinnen und Architekten sich konkreter und anwendungsbezogener mit ihrer besonderen Verantwortung auseinandersetzen sollten. Und – hier steht der Autor seinem Vorbild aus der SZ in nichts nach – das funktioniert sogar ohne Moralpredigt und äußerst unterhaltsam. 

Dass Architektur von zahlreichen moralischen Entscheidungen bestimmt wird, liegt zunächst auf der Hand, sie prägt schließlich einen bedeutenden Teil unserer Lebensrealität. Wie Martin Düchs jedoch bereits nach seinem Studium der Architektur und Philosophie feststellte, gibt es dabei eine „merkwürdige Diskrepanz (…) zwischen einer enormen moralischen ‚Aufladung’ (…) der Architektur“ und „dem Fehlen einer fundierten ethischen Aufarbeitung“ derselben. Tatsächlich stellt man fest, dass die gesellschaftliche Verantwortung der Architektenschaft zwar allenthalben hochgehalten wird – was dies aber für das konkrete Handeln des Einzelnen heißt und die vielen Entscheidungen, die im Berufsalltag getroffen werden müssen, bleibt oft schleierhaft. 

50 + 1 Architektonische Gewissensfragen beantwortet von Dr. Martin Düchs

Aufgeteilt ist das Buch in acht Kapitel, in denen große Gebiete wie „Architektur und Gesellschaft“ ebenso behandelt werden wie Situationen „aus dem Büroalltag“, ergänzt durch rechtliche Aspekte sowie die Themen Nachhaltigkeit, Gestaltung, Vermittlung und Berufsstand. Viele bemerkenswerte Fragen, eingereicht von Architektinnen und Architekten, sind dabei berücksichtigt worden. Einige Auszüge: „Darf ein Umbau die architektonische Aussage eines Gebäudes völlig verändern?“, „Ist es ungerecht, wenn in den Medien nur der Büroinhaber genannt wird?“, „Darf man Architekturfotografien manipulieren?“, „Bin ich bei einem Bau eines Stalles den Tieren oder dem Landwirt verantwortlich?“ Und ganz fundamental: „Gibt es moralische Gründe, einen Architekten zu beauftragen?“

Spannend ist unter anderem Düchs’ Entgegnung darauf, ob man heute als Bauender Schönheit oder eher sozialen Nutzen anstreben sollte. Er sieht hier keinen fundamentalen Konflikt: „Für uns kann der Gedanke der Einheit von schön und gut wieder nachvollziehbar werden, wenn man von der plausiblen Annahme ausgeht, dass der Mensch für ein gutes Leben zumindest mittelfristig eine für ihn angenehme und schöne Umgebung anstrebt“. Dem gängigen Gegenargument, dass Schönheit jedoch subjektiv ist, hält er entgegen, dass sie zwar nicht „wie eine physikalische Größe bestimmbar“ ist, Menschen jedoch „bis zu einem gewissen Grad und in bestimmten zeitlichen und kulturellen Grenzen (…) offensichtlich darüber überein(stimmen), was sie als schön empfinden“. Daraus folge zwar „nicht, dass sich Schönheit objektiv bestimmen lässt“, aber „Schönheit ist auch nicht völlig subjektiv“. 

Wie deutlich wird, berühren viele Konflikte letztlich zentrale philosophische Reflexionen: Was ist Schönheit? Was ist das gute Leben? Wie wollen wir zusammenleben? Ohne in zu abstrakte Sphären hinaufzusteigen, wird insgesamt sehr pointiert und mit anschaulichen Verweisen auf die Philosophiegeschichte erläutert, wie moralische Zwickmühlen gelöst werden könnten. Die Antworten, die Martin Düchs bereithält, sind bereichernd in ihrem Abwägen und Wertschätzen der unterschiedlichen Interessen, der Berücksichtigung sowohl universaler Grundsätze, rechtlicher Fragen, Berufsordnungen und individueller Bedürfnisse – und das alles mit Blick auf die Besonderheiten, die der Architektenberuf mit sich bringt sowie die Praktikabilität der Umsetzung. Klar ist aber auch: Die Antworten erheben nicht den Anspruch, endgültige Lösungen zu bieten, sondern sollen in ihrer systematischen Herangehensweise eine fundierte Grundlage für weitere Debatten bieten.

Bauen setzt immer enorm viel Aushandlung zwischen verschiedensten Interessen voraus. Ein Abwägen zwischen den vielen Perspektiven ist meist komplex und zieht in einigen Fällen eine Menge Kommunikation mit den Beteiligten nach sich. Damit wird das Bild der Architekten als Mediatoren gestärkt, deren Aufgabe es ist, gesellschaftliche, soziale, gestalterische und individuelle Aspekte von einer höheren Warte aus zu moderieren. Für diese Aufgabe können sie sich mit den „architektonischen Gewissensfragen“ argumentativ bestens ausstatten. Daher zum Schluss ein nicht-kategorischer Imperativ: Lesen Sie dieses Buch!
Elina Potratz

Eric-Oliver Mader / Julia Mang-Bohn (Hrsg.): 50 + 1 Architektonische Gewissensfragen beantwortet von Dr. Martin Düchs, 248 Seiten, Dölling und Galitz Verlag, 22 Euro, München/Hamburg 2019, ISBN 10: 3-86218-127-8, ISBN 13: 978-3-86218-127-8

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