Buch der Woche: Fernsehen und Wohnkultur

Schrankwand und Couchecke

Ständig wird das Ende des Fernsehzeitalters beschworen, doch: der Deutsche Durchschnitt schaut täglich immer noch stolze drei Stunden fern. Das TV gehört somit noch fest zu unserer Wohn- und Lebenswelt. Doch wie wirkt sich das technische Gerät hier eigentlich aus? Eine Publikation der Medienwissenschaftlerin Monique Miggelbrink befasst sich damit, wie sich der Fernsehapparat auf die vier Wände der Bundesrepublik ausgewirkt hat.

Heute scheint es kaum nachvollziehbar, dass nach der Entwicklung des Fernsehens in den 1920er Jahren, das TV-Gerät zunächst nicht nur Faszination ausstrahlte, sondern auch etwas Unheimliches und Unwägbares verkörperte. Als gleichsam magischer Bildüberträger stellte es eine Projektionsfläche für dystopische sowie utopische Visionen einer technisierten Zukunft dar. Erst in den 1950er Jahren wurde das Medium massentauglich und dabei zu einem dezidiert heimischen Phänomen – der vermeintliche Dämon wurde gewissermaßen domestiziert. Hier ist der Punkt, an dem Miggelbrinks im transcript-Verlag herausgegebene Dissertation einsetzt und nach den Gründen und Folgen dieser „Verhäuslichung“ fragt.

Gerade in den 1950er und 1960er Jahren entwickelte sich Miggelbrink zufolge eine Vorstellung von heimischer Gemütlichkeit, die zum einen mit dem zunehmenden Freizeitpensum, zum anderen mit dem erstarkten Ideal der kleinfamiliären Privatheit zusammenhing. Das Fernsehgerät wurde mehr und mehr Teil der Einrichtung und dabei in seinem Design den Möbelformen und Oberflächen angepasst oder gar darin integriert. Im erlebten Widerspruch von Technik und Wohnen wurde die Technik den bestehenden Formen untergeordnet und somit weniger sichtbar, während sie paradoxerweise gleichzeitig zum Mittelpunkt des Wohnbereiches avancierte. Als Ersatz für den Kamin und den zentralen Esstisch, richtete sich die Familie nun nach dem Fernseher ein und aus. Die Idee „vom Fenster zur Welt“ und der Teilhabe am Weltgeschehen kontrastierte damit immer mehr mit dem gleichzeitigen Rückzug und der Passivität, die das Fernsehen für die Schauenden bedeutete. „Es scheint, als habe man lieber seine Ruhe“ (S. 287), konstatiert die Autorin.

Monique Miggelbrink: Fernsehen und Wohnkultur. Zur Vermöbelung von Fernsehgeräten in der BRD der 1950er- und 1960er-Jahre

Schon damals sah man die Fixierung auf den Fernsehapparat und die damit verbundene Kommunikationssituation teilweise als problematisch an und versuchte daher, die Geräte zumindest nach dem Ausschalten hinter Schiebetüren und Vorhänge zu verbannen. Dennoch etablierten sich in den kleinen Wohnungen der Nachkriegszeit bestimmte, auf das TV-Gerät bezogene Einrichtungsweisen: die Wohnbereiche wurden beispielsweise in mehrere „Inseln“ aufgeteilt – zumeist ein Fernsehbereich und ein Esstischbereich, die manchmal sogar durch ein raumtrennendes Möbel separiert wurden. Wie Miggelbrink darlegt, wohnte dieser Einrichtungspraxis auch eine separierende Geschlechterrollenverteilung inne: während der Fernsehbereich dabei vor allem in Zeitschriften oftmals männlich konnotiert ist, sind etwa die zu jener Zeit boomende Servierwagen eindeutig weiblich besetzt – die Frau in der „Rolle von häuslichem Personal“ (S. 329) vermittelt zwischen den Bereichen.

Auch heute noch ist der Wohnraum durch das Fernsehgerät geprägt, obwohl es immer mehr Haushalte ohne TV gibt und das Internet sowie Tablet-PCs und ähnliche Geräte ihren Siegeszug angetreten haben. Noch 2012 brachte Ikea das Regalsystem „Uppleva“ heraus, mit dem sich die Fernseh-Devices, wie etwa Empfänger und DVD-Player sowie der gefürchtete Kabelsalat hinter kompakten Elementen verbergen lassen. Heutzutage gehe es nicht mehr nur „darum, den Fernsehapparat einzuhegen, sondern ganze Medienverbünde zuhause zu orchestrieren“ (S. 344).

Wie Miggelbrink in abschließenden Kapitel erläutert, sei die Geschichte des Fernsehmöbels nun durch die heutigen Entwicklungen des „smart home“ fortsetzbar, in dem sich das „Möbel-Werden von Medien“ umdrehe in ein „Medien-Werden von Möbeln“ (S. 346). Trotz weniger Abbildungen und der teils etwas akademisch-spröden Sprache, die mit der Greifbarkeit des Untersuchungsgegenstandes mitunter zu kontrastieren scheint, eröffnet Miggelbrinks Buch somit insgesamt eine spannende Perspektive auf die Weise, wie der Mensch mit Technik interagiert und darauf, wieviel unsere Wohnungen und Einrichtungen sowie die sie verarbeitenden Medien über unsere Gesellschaft aussagen.

Elina Potratz

Monique Miggelbrink: Fernsehen und Wohnkultur. Zur Vermöbelung von Fernsehgeräten in der BRD der 1950er- und 1960er-Jahre, 378 S., Transcript Verlag, Bielefeld 2018, 39,99 Euro, ISBN 978-3-8376-4253-7.

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