City of Care

Stadt der Fürsorge

Von Tatiana Bilbao und Ayesha S. Ghosh

Im vergangenen Jahrzehnt wurde Stadtplanern, politischen Entscheidungsträgern und Architekten aufgetragen, das akute „Problem“ der Stadt zu lösen. Aspekte wie Lebensqualität und Nachverdichtung sind beständige Herausforderungen, für die man unzählige Lösungsansätze, vom Wohnungsbau bis zur Verkehrsplanung, entwickelt hat. Die Stadt als Kategorie ist weit gefasst, denn Vorstellungen von Stadt hängen von unterschiedlichsten politischen und sozialen Kontexten ab. Eine Stadt ist nicht statisch, sie wächst, schwindet, entwickelt sich und nimmt ihre Bewohner mit ihren Bedürfnissen, neuen Technologien und wirtschaftlichen Veränderungen in sich auf.

Die gegenwärtige Covid-19-Pandemie hat die grundlegenden Probleme von Städten nicht verursacht, aber sie hat sie offengelegt. Vor diesem Hintergrund stellen wir uns immer wieder die gleiche Frage: „Wie wird die Post-Covid-Stadt beschaffen sein?“. Dafür wurden bereits viele Szenarien entwickelt: Städte der kurzen Wege, grüne Städte, Technologien, die eine massenhafte Ausbreitung von Krankheiten verhindern et cetera. Wir hingegen haben uns eine Stadt vorgestellt, die insbesondere den Aspekt der Fürsorge (Care) berücksichtigt. In diesem Text werden wir nach einer kurzen Bestandsaufnahme zur gegenwärtigen Situation der Stadt Aspekte der Fürsorge erkunden und danach fragen, wie diese in die gebaute Umgebung integriert werden können. In der Stadt der Fürsorge finden individuelle Vorstellungen und Lebenserfahrungen Eingang in die Gestaltungsstrategie. Es ist uns ein dringliches Anliegen und auch unsere Hoffnung, einen kritischen Diskurs zum Thema Fürsorgeethik in unseren Städten anzustoßen.

Die Stadt als Lebensform

Es gab viele Momente in der Geschichte, in denen Architekten fieberhaft versucht haben, die mit der Urbanisierung einhergehenden Probleme zu lösen. Mit Blick auf hygienische Verhältnisse oder Überbevölkerung wurden dabei Lösungen entwickelt, die sich in ihrem Maßstab an der Größe der Stadt orientieren. Seit Beginn des Industriezeitalters hat jede Generation versucht, der rasanten Urbanisierung mit radikalen und flächendeckenden Lösungsansätzen zu begegnen. Ideen wie Broadacre City (deutsch: Weite Stadt) von Frank Lloyd Wright und Le Corbusiers Wohnmaschinen ließen den Einzelnen in einem Konzept für die Massen aufgehen. Für die moderne Architektur war der technologische Fortschritt unter dem Deckmantel des gesellschaftlichen Wandels und Egalitarismus’ wesentlicher Impulsgeber bei der Planung von Städten, was schließlich eine ganze dies kritisch hinterfragende Generation hervorbrachte. Aber auch die als Reaktion auf die Schwächen der Moderne entstandenen utopischen Konzepte missachteten das Individuelle zugunsten einer radikalen Intervention wie beispielsweise Archizoom mit der No Stop City. ¹

Ungeachtet der ästhetischen Gestaltungsformen oder der unterschiedlichen Ansätze, denen diese Städte folgten, gibt es nur einen gemeinsamen Nenner, nämlich, wie Elisa Iturbe es bezeichnet, die kohlenstoffbasierte Form. ² Die Städte wurden in einem Zeitalter des energetischen Überflusses konzipiert, die auf der Nutzung fossiler Brennstoffe basierte.

Tatiana Bilbao Estudio, Collage „Rituales de Sanación“ (Rituale der Heilung)

Das derzeitige Konsumzeitalter lässt eben jene Probleme stärker hervortreten, die die Moderne mit Blick auf eine demokratische Vision zu lösen versucht hat. Wir leben nicht nur in Städten, weil wir ihren produktiven Wert zu schätzen wissen, sondern auch, weil wir uns als Menschen auf Beziehungen und Austausch verlassen, die das Überleben sichern sollen. Heutzutage leben wir in einer Stadt, in der wir produzieren müssen, um zu existieren – wo wir doch eigentlich existieren müssen, um zu produzieren. Vor diesem Hintergrund plädieren wir für eine Stadt, die ihre auf Kohlenstoff basierende Form hinter sich lässt und die Existenz in ihren Mittelpunkt stellt, die Raum für den Körper schafft und nicht lediglich auf statistischen Daten beruht.

Die Stadt der Fürsorge

Die Stadt der Fürsorge nimmt die Menschen und ihre Interaktionen als Ausgangspunkt ihrer Konzeption. Joan C. Tronto und Berenice Fisher definieren Sorgearbeit als „eine menschliche Aktivität, die alles umfasst, was wir für die Erhaltung, Fortführung und Wiederherstellung unserer ‚Welt‘ tun, um in ihr so gut wie möglich leben zu können“. ³ Tronto sagt: „Diese Welt schließt unsere Körper, unser Selbst und unsere Umgebung ein, die wir in einem komplexen und lebenserhaltenden Netz zu verknüpfen versuchen.“ ⁴ Fürsorge ist für uns in erster Linie die Sorge um unsere Körper und sie umfasst die Art und Weise, wie wir Netzwerke der Unterstützung füreinander schaffen, und die Art und Weise, wie wir uns ernähren, waschen, kleiden und Dienstleistungen bereitstellen, die es uns ermöglichen, in Würde zu leben und zu existieren. Tronto stellt auch fest: „Fürsorge erfordert, dass Menschen aufeinander achtgeben, füreinander Verantwortung übernehmen und sich in physischen Prozessen der Sorge füreinander engagieren und auf Menschen eingehen, die diese Unterstützung erfahren haben.“ ⁵ Während im Zusammenhang von Sorgearbeit häufig von ausgegrenzten Personengruppen wie Migranten, Frauen et cetera die Rede ist, ist es doch tatsächlich so, dass jeder Einzelne Teil der Fürsorgesysteme ist, ob er Pflegender, Empfänger von Pflege, Kind oder Erwachsener sei.

Sorgearbeit ist prekär. Sie wird im Hinblick auf Arbeitsproduktivität und Wirtschaft häufig ignoriert und bleibt als Arbeit im privaten Bereich unsichtbar, wo sie Kinderbetreuung oder auch Haushaltsführung beinhaltet. Sorgearbeit wird oft von denjenigen ausgeführt, die keine Rechte haben oder historisch in der politischen oder urbanen Entwicklung nicht berücksichtigt wurden. ⁶ Indem wir Menschen in ihrer Abhängigkeit voneinander betrachten, hebt das nicht die Handlungsfähigkeit des Einzelnen oder persönliche Entscheidungsfreiheit auf, vielmehr wird eine alternative Sichtweise auf die Existenz durch Netzwerke der Unterstützung und des Austauschs angeregt.

Die Stadt selbst ist das Ergebnis davon, dass wir Essen, Kleidung und ein Dach über dem Kopf brauchen. Sie ist auf der Grundlage von Wunschvorstellungen errichtet und existiert, weil sie der Ort der Begegnung ist, der Gelegenheiten, des Wissens, der Produktivität, des kulturellen Austauschs. In erster Linie besteht die Stadt aber fort, weil Menschen einander brauchen, um zu existieren. In der gegenwärtigen Dynamik werden Einzelne als Akteure dargestellt, die einer eigenen Beschäftigung nachgehen müssen, um sich selbst versorgen zu können, während ihr Einkommen vorgeblich im angemessenen Verhältnis zu ihrer Arbeit steht. Orte der Arbeit, Freizeit, Erholung und Ruhe werden zudem klar getrennt. Diese Aktivitäten sind in Wirklichkeit aber durch die unterbewertete Sorgearbeit miteinander verwoben.

Die Stadt der Gegenwart ist polarisierend und ausgrenzend, in dem sie Bildungseinrichtungen oder Zonen mit limitierten Zutrittsrechten nutzt, um den Zugang zu anerkannten Erwerbsmöglichkeiten zu beschränken. Eine Betreuungsperson erbringt essenzielle Dienstleistungen, die häufig nur unzureichend entlohnt und wenig wertgeschätzt werden. Care macht die unsichtbare Arbeit im Haushalt sichtbar, die letztlich Kapital aufrechterhält, und wirft ein Licht auf Migranten, die von der politischen Handlungsfähigkeit abgeschnitten sind. Doch Sorgearbeit ist die wichtigste Arbeit, ohne sie können wir nicht existieren und folglich auch nicht produktiv sein. Wesentlich für Care ist die Anerkennung von Lebenserfahrungen und deren Beobachtung. Eine Stadt der Fürsorge nutzt dies, um gemeinschaftliche Netzwerke zu schaffen, die den dynamischen Bedürfnissen des Einzelnen Rechnung tragen. Sie berücksichtigt überdies die gesellschaftliche und kulturelle Produktion, in der Fürsorge entsteht und ausgeführt wird. Der Familienbegriff unterscheidet sich von Kultur zu Kultur. In den USA umfasst er eher die Kernfamilie mit Mutter, Vater und Kindern, während in Mexiko gewöhnlich auch Großeltern, Tanten und Onkel dazu zählen. Die Fürsorgeethik richtet den Fokus in erster Linie auf zwischenmenschliche Dynamiken und hat somit auch eine Bedeutung für nicht-traditionelle, alternative Beziehungen. Fürsorgliches Handeln kann zwischen Freunden, Nachbarn und in allen möglichen gewählten Beziehungen stattfinden. Indem die Lebenserfahrung des Einzelnen anerkannt wird, wird die Art und Weise, wie wir grundlegende Bedürfnisse definieren, verändert, und die Tatsache unterstrichen, dass die Bevölkerung immer aus Menschen besteht.

Tatiana Bilbao Estudio, Collage „Comunidad“ (Gemeinschaft)

Es gibt in vielen Städten Gegenbewegungen, die das gemeinschaftliche Fürsorgeprinzip zum Ziel haben, angefangen mit gemeinschaftlich genutzten Kühlschränken, kollektiven Küchen, Gemeinschaftsgärten, urbanen Farmen, Projekten für gemeinschaftliches Wohnen und Leben sowie Solidarmodelle wie Community Land Trusts. In den 1980er-Jahren haben Frauen in Chile und Peru sogenannte „Ollas Comunes“ ins Leben gerufen, inoffizielle Gemeinschaftsküchen, in denen Lebensmittel gesammelt wurden, um die lokale Versorgung zu sichern. ⁷ Es ist ein Beispiel für kollektive reproduktive Arbeit, die Armut und Gewalt abgemildert hat.

Silvia Frederici schreibt über die positive Wirkung von urbanen Gärten, Orten „die uns eine gewisse Kontrolle über die Lebensmittelproduktion zurückgeben, unsere Umwelt regenerieren und unseren Eigenbedarf decken. Die Gärten bieten sehr viel mehr als Nahrungssicherung: Sie sind Mittelpunkt von Begegnungen, Wissen, Produktion und kulturellem und generationenübergreifendem Austausch.“ ⁸ Die Sweetwater Foundation in South Chicago macht genau das. Der Gemeinschaftsgarten wird von den Gemeindemitgliedern bestellt und die Anwohner können je nach Bedarf dort Produkte ernten. In Workshops über Bauhandwerk und Tischlerei erfolgt ein Wissensaustausch, der den Gebäuden vor Ort zugutekommt.

„Taller Communal“ in Mexiko wiederum arbeitet mit Gruppen von indigenen Frauen und organisiert Workshops zu Baumethoden und der praktischen Errichtung von Gebäuden. Über diese Workshops werden Netzwerke zur Unterstützung gebildet sowie Kenntnisse und Fertigkeiten für wirtschaftliches Empowerment ausgetauscht. Die Frauen lernen selbstbestimmt, ihre eigenen Unterkünfte zu bauen.

Dies sind nur einige Beispiele für eine Stadt der Fürsorge, wie wir sie uns vorstellen. Eine Stadt vereinigt in sich unendlich viele Städte, jede dieser Städte wird von ihren Einwohnern und den in ihr geschaffenen Räumen definiert. Jeder Bürgersteig, jede Straßenlampe, jedes Gebäude bestimmt die Stadt. Insofern definiert auch jeder Moment der Begegnung und des Zusammenseins die Stadt. Das kann im Park, auf dem Markt, in einer Wäscherei oder Schule sein. Die Stadt der Fürsorge wird auf der Grundlage dieser Begegnungen und dieses Austauschs errichtet. Um einen tiefgreifenden Wandel zu bewirken, sollten wir auf andere Ressourcen als auf Kohlenstoff für unsere Städte zurückgreifen. Das ist der erste notwendige Schritt; für eine echte Veränderung müssen wir jedoch neue Lebensweisen entwickeln, oder, noch wichtiger, eine neue, post-kapitalistische Form sozialer Beziehungen. Zu den zentralen physischen Voraussetzungen von Fürsorge gehört das Obdach, ein Ort, der den Körper vor den Elementen schützt sowie Vertraulichkeit und Kontemplation ermöglicht. Insofern können wir unsere Vorstellungen von einer Stadt der Fürsorge aus dem privaten Bereich heraus entwickeln.

Das Haus der Fürsorge

Elisa Iturbe schreibt: „Wenn wir Unterschiede feststellen zwischen jenem Haus, das wir erträumen und das vorteilhaft für den Planeten ist und jenem, das wir tagtäglich abzahlen und putzen, ist das so, weil das moderne Haus seinen Ursprung in drei fiktiven Annahmen hat: das Haus als Ort der Erholung (als ob Arbeit vom Leben
getrennt werden könnte und die Hausarbeit verschwinden würde); das Haus als für jedermann zugängliches Privateigentum (als würde seine Betrachtung als Ware es von einer marktgetriebenen Dynamik ausnehmen, die es für die meisten Menschen unerschwinglich macht); und das Haus als Rückzugsort der Kernfamilie (als würde es keine anderen Formen der Koexistenz geben und als wären das Private und das Öffentliche zwei völlig unabhängige Teile).“ ⁹

Das Haus ist der persönlichste Raum in der Stadt und zugleich der umkämpfteste Raum der Fürsorge. Wir brauchen mit Silvia Fredericis Worten eine „Revolution am Nullpunkt“ ¹⁰ (Revolution at Point Zero), und zwar eine soziale Revolution, die mit dem Verständnis von Hausarbeit, Reproduktion, dem feministischen Kampf beginnt sowie mit der Vorstellung von unserem Körper und seiner Präsenz auf diesem Planeten.

Das moderne Haus ist ein Produkt des Individualismus. Dolores Hayden schreibt, dass das Haus sich entwickelt habe, um die Arbeitsmarktbedingungen zu perpetuieren. ¹¹ Man muss arbeiten, um sich ein Zuhause leisten zu können, und weiterarbeiten, um es erhalten zu können, wodurch sich eine klare Trennung zwischen Arbeit und Erholung ergibt. Das moderne Haus ist ein Instrument der Isolation, da es die Sorgearbeit und Haushaltsführung unsichtbar macht. Konsum fördert diese Vorstellung, da Geräte und Technologie für die Haushaltsführung kommodifiziert werden. Indem Reproduktionsarbeit, Kochen, Putzen, emotionale Unterstützung, die alle wesentliche Aspekte der Sorgearbeit sind, sichtbar gemacht und ausgegliedert werden, können wir Alternativen zu unserem häuslichen Umfeld entwickeln, um die Grenzen zwischen dem Privaten und dem Öffentlichen durchlässiger zu gestalten und bessere Fürsorgenetzwerke zu etablieren. Früher gab es beispielsweise gemeinsame Orte für das Waschen von Wäsche, die Gelegenheit boten, Nachbarn zu treffen und zu plaudern.

Tatiana Bilbao Estudio, Kindertagesstätte, Domestic Commons, Collage: TBE

Dolores Hayden hat 1986 mit der exemplarischen Neukonzeption einer typischen Vorstadtstraße für eine Umwandlung der US-amerikanischen Vororte plädiert. Es handelt sich dabei um zwei Reihen freistehender Häuser mit Gartenflächen rundherum. Ihr Konzept sieht eine Anpassung der Grundstücksgrenzen vor, sodass private Flächen für einen gemeinschaftlichen Spielplatz, eine Kita, einen Gemüsegarten sowie ein Lebensmittellager und eine Wäscherei zur Verfügung stehen. ¹² Die Betreuung der Kinder soll gemeinschaftlich geregelt sein, sodass die Anwohner arbeiten können, während zugleich auch in unmittelbarer Nähe Arbeitsplätze entstehen. Das Kochen kann abwechselnd erfolgen, Außenflächen werden geteilt, außerdem erübrigen sich teure Anschaffungen (da beispielsweise nicht jedes Haus eine Waschmaschine benötigt) und nicht zuletzt könnte das Projekt den Gemeinschaftsgeist beflügeln. Die Idee für dieses Projekt veranschaulicht, wie eine Stadt der Fürsorge aussehen könnte.

Wir sind der Überzeugung, dass wir unsere Städte auf der Grundlage der Erkenntnis umgestalten müssen, dass die wichtigste Arbeit innerhalb unserer Wohnhäuser verrichtet wird. Dafür gilt es, Räume für den individuellen privaten Rückzug zu schaffen, die perfekt auf die Gestaltung der Räume abgestimmt sind, die dem kollektiven Verantwortungsbereich unterliegen und für Sorgearbeit vorgesehen sind. Ein solches Haus weiß die physische Präsenz des Körpers aufzunehmen, jeden Körper in seiner privatesten und grundlegendsten bloßen Existenz, und es erlaubt den nötigen sozialen Beziehungen, für ihn Sorge zu tragen. Die Räume dieses Hauses sind so angelegt, dass sich der Körper in ihnen entfalten und für das Überleben der Gemeinschaft Beziehungen knüpfen kann. In diesem Szenario dürften wir existieren, bevor wir produzieren müssen.

Das Haus in der Stadt der Fürsorge ist nicht so konzipiert, dass es nur bestimmte Formen von Beziehungen unterstützt, es gibt vielmehr allen möglichen Beziehungen Raum. Jedes Haus wird durch das individuelle und kollektive Leben in ihm geprägt, insofern ist jedes Haus anders. Die Entwicklung eines jeden Individuums hat seine Zeit und formt die Stadt. Das Haus in der Stadt der Fürsorge bildet den Kern der Stadt. Und wenn eine Gemeinschaft von einer solchen Struktur getragen wird, finden alle Menschen ihren Ort und sind Teil des Ganzen.

Soziale Verantwortung und die Rolle des Architekten

„Architektur sollte der gefährlichen Annahme widerstehen, dass sie den Schlüssel für die Beendigung eines Konflikts in der Hand hält, vielmehr muss sie diesen in seiner ganzen Wahrheit offenlegen.“ ¹³ Architektur sollte eine Plattform sein, die jedem Einzelnen seine individuelle Lebensgestaltung erlaubt. Durch den Fokus auf Wechselbeziehungen kommen alle städtischen Facetten des Interagierens zum Tragen, sei es mit Freunden, Familie, Haushalten oder Nachbarn. Die gebaute Umwelt kann Orte der Interaktion und Fürsorge befördern. Wir begreifen Architektur nicht als statische Objekte, die einmal konzipiert und fortan unverändert und autonom bleiben. Gebäude tragen zur Lebenserfahrung von Menschen in der Stadt bei, und für sich gesehen können sie auch nur in Beziehung zu ihrer Umgebung existieren. Wir sollten eine Neugestaltung der Zwischenräume erwägen und für das Wohlergehen der Menschen mehr Möglichkeiten für gemeinschaftliche Sorgearbeit eröffnen. Wenn wir Räume für kollektive Fürsorge vorsehen, können wir Arbeit aufteilen, eine alternative Infrastruktur schaffen und die Entfaltung der Einzelnen unterstützen.

Wir hoffen, mit diesem Aufsatz einen Diskurs anzustoßen, der weitere Optionen für eine Stadt der Fürsorge aufdeckt. Wir müssen unsere Gestaltungsstrategien neu ausrichten, um dem Individuum und seinen spezifischen Bedürfnissen gerecht werden zu können. Wenn wir den Aspekt der Fürsorge in den Mittelpunkt stellen, können wir eine Stadt schaffen, in der alle in Würde leben können.

Übersetzung aus dem Englischen von Jeremy Gaines

Tatiana Bilbao gründete ihr Büro Tatiana Bilbao Estudio im Jahr 2004 mit dem Ziel der Integration von sozialen Werten, Zusammenarbeit und sensiblen Designansätzen in die architektonische Arbeit. Davor war sie Beraterin im Ministerium für Entwicklung und Wohnungsbau der Regierung des Bundesdistrikts Mexico City. Sie lehrt an der Yale University School of Architecture und unterrichtete unter anderem an der Harvard Graduate School of Design. Neben vielen weiteren Auszeichnungen erhielt sie 2012 den Kunstpreis Berlin.

Ayesha S. Ghosh ist Projektmanagerin für „Investigations and Strategic Projects“ bei Tatiana Bilbao Estudio in Mexico City. Vorher sammelte sie Arbeitserfahrung in New York City und arbeitete an internationalen Forschungs- und Ausstellungsprojekten in den USA, der Türkei und Korea mit. Sie leitet die internen Forschungsprojekte und begleitet die Veröffentlichungen und akademischen Aktivitäten bei TBE. Zudem ist sie Dozentin für Architektur am College of Environmental Design der University of California, Berkeley.

Anmerkungen

1 Picon, Antoine. „Learning From Utopia: Contemporary Architecture and the Quest for Political and Social Relevance.“ Journal of Architectural Education (1984 – ), Bd. 67, H. 1, 2013, S. 19.

2 Iturbe, Elisa. „Architecture and the Death of Carbon Modernity.“ Log 47: Overcoming Carbon Form, ohne Jahresangabe.

3 Ebenda, S. 142.

4 Ebenda, S. 142.

5 Ebenda, S. 145.

6 Krasny, Elke. „Architecture and Care.“ Critical Care: Architecture and Urbanism for a Broken Planet, Architekturzentrum Wien, hrsgg. v. Angelika Fitz und Elke Krasny, Wien, 2019, S. 34.

7 Frederici, Silvia. „Feminism and the Politics of the Commons.“ The Wealth of the Commons: A World Beyond Market and State, hrsgg. v. David Bollier und Silke Helfrich, Levellers Press, Amherst, MA, 2012, S. 5.

8 Ebenda, S. 3.

9 Iturbe, Elisa. „Architecture and the Death of Carbon Modernity.“ Log 47: Overcoming Carbon Form, ohne Jahresangabe.

10 Frederici, Silvia. Revolution at Point Zero: Housework, Reproduction, and Feminist Struggle. PM PR, 2020.

11 Hayden, Dolores. „What Would a Non-Sexist City Be Like? Speculations on Housing, Urban Design, and Human Work.“ Signs, Bdl. 5, H. 3, 1980, S. 172.

12 Ebenda, S. 184.

13 Picon, Antoine. „Learning From Utopia: Contemporary Architecture and the Quest for Political and Social Relevance.“ Journal of Architectural Education (1984 – ), Bd. 67, H. 1, 2013, S. 21.

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