neu im club: ARQ Architekten Rintz und Quack, Berlin

Stadtraum der Zukunft

Wir sind zu Besuch in Berlin Kreuzberg bei Lydia Rintz und Philipp Quack, Inhaber des jungen Büros ARQ Architekten Rintz und Quack. In ihrem Büro im obersten Stockwerk eines gründerzeitlichen Industriebaus war vormals ein Tonstudio untergebracht – so schauen wir vom Regieraum, der heute als Besprechungsraum dient, durch ein Fenster in den Aufnahmeraum, in dem jetzt das Büro untergebracht ist. Im Nebenraum rattern mehrere 3D-Drucker, mit denen die Architekten einen Großteil ihrer Modelle erstellen. Die Fragen stellen Elina Potratz und Alesa Mustar (DAZ).

Sie haben 2015 einen Hochbauwettbewerb für eine Feuerwache gewonnen – ein sehr großes Projekt für ein junges Büro. Trotz dieses Hochbau-Erfolgs sind Sie jetzt sehr stark in den Bereich Städtebau hinübergeschwenkt. Wie kam es dazu? War das schon im Studium eine Option?
Lydia Rintz: Eigentlich nicht. Wir haben nach unserem gemeinsamen Diplom an der TU Berlin zunächst im hochbaulichen Feld gearbeitet. Dann haben wir beide Städtebau-Lehraufträge an der FH Münster übernommen und sind in das Thema ein bisschen reingerutscht. Der andere Grund war, dass man in städtebauliche Verfahren als junges Büro ganz gut reinkommt. Viele hochbauliche Verfahren haben durch die geforderten Referenzen sehr hohe Schranken, das ist im Städtebau häufig nicht der Fall.

Spielen Wettbewerbe auch jetzt noch eine wichtige Rolle bei Ihnen?
LR: Wir machen sehr viele Wettbewerbe, heute fast nur noch beschränkte, wo wir uns mit den geforderten Referenzen bewerben, die wir mittlerweile im Städtebau fast immer mitbringen können.
Philipp Quack: Das Wettbewerbswesen ist trotz aller Widrigkeiten etwas Tolles, es macht einfach sehr viel Spaß, immer neue Aufgaben zu haben. Zudem tut es auch ganz gut, nach einer gewissen Zeit ein Projekt auch abzuschließen. In den städtebaulichen Verfahren sind auch die Auftragsphasen kürzer; auch wenn es meist viel länger dauert, bis dann wirklich etwas steht, nimmt der Auftrag selbst meist keine lange Zeit in Anspruch.

Wie Sie sagen, nimmt es oft eine lange Zeit in Anspruch, bis die städtebauliche Planung auch im Hochbau umgesetzt ist – wie geht man mit diesem zeitlichen Abstand um?
PQ: Das ist ein interessanter Punkt: Wie wahrt man die Qualität im Städtebau? Da wir sehr an Wettbewerbsverfahren glauben, sagen wir, dass man die Vorgaben relativ offenhalten kann, wenn sich hochbauliche Wettbewerbsverfahren anschließen, wie zum Beispiel bei der Alanbrooke-Kaserne in Paderborn. Denn dann gibt es eine qualitätskontrollierende Instanz. Wenn dagegen irgendein Investor sich nachher dieses Grundstück nimmt, sollte man ein ganz klares Regelset entwerfen.

ARQ Architekten Rintz und Quack, Neubau der Feuer- und Rettungswache, Gütersloh 2015–2020, Foto: Laura Thiesbrummel

Sie sind beide in der Lehre, mittlerweile haben Sie, Lydia Rintz, eine Professur für Städtebau an der TH Lübeck. Welchen Schwerpunkt setzen Sie hier?
LR: Wir beschäftigen uns mit den städtischen und ländlichen Lebensräumen von Morgen in ihren vielfältigen Herausforderungen. Dabei hat sich in den letzten Jahren das Schwerpunktthema „neue Mobilität“ herausgebildet. Ich denke, dieses Thema wird auch noch eine Weile bleiben.
PQ: Das Thema „neue Mobilität“ kann man ja sehr technisch sehen. Unser Hauptinteresse ist aber das lebendige Quartier, also die Auswirkung der Mobilitätswende auf den Stadtraum. Wie sieht der Stadtraum der Zukunft aus, wenn es viele Abhängigkeiten, die es gerade gibt, nicht mehr gibt? Es ist zwar kein neues Thema, aber es ist schon heftig, was ruhender Verkehr mit einer Stadt macht. Wenn ich durch die Linienstraße in Berlin gehe, die jetzt eine Fahrradstraße ist, wundere ich mich, dass es beidseitig parkende PKW gibt – das ist eine vertane Chance. Als Anwohner bekommt man einen Parkplatz, das heißt zwölf Quadratmeter in Berlin-Mitte, für zwei Jahre für 40 Euro. Das ist verrückt. Und wenn es um Fragen der Zumutbarkeit geht, muss man feststellen, dass dies jährlich drei Tageskarten im ÖPNV entspricht.

Bei der Frage nach Umgestaltungen des öffentlichen Raums mit neuen Mobilitätskonzepten gibt es ja durchaus auch Widerstand in der Bevölkerung…
PQ: Es gibt zum Beispiel die Sperrung der Friedrichstraße. Ich sehe dort und auch bei anderen solcher Sperrungen das Problem, dass es meistens nur temporär umgestaltete Straßenräume sind. Aber es gibt keinen echten umgestalteten Raum, bei dem man wirklich zeigen kann, welche Qualitäten möglich sind. Das sind dann nicht mehr die kleinen Bäume in Wurzelballen, sondern echte Bäume, ein breiterer Bürgersteig und höchstens einseitig ruhender Verkehr, mit Parkbuchten für Paketboten – all diese Sachen, von denen wir wissen, dass sie wichtig sind.

ARQ Architekten Rintz und Quack, Neubau der Feuer- und Rettungswache, Gütersloh 2015–2020, Foto: Laura Thiesbrummel

Was wünschen Sie sich, damit man den gesellschaftlichen oder auch technischen Entwicklungen im Städtebau schneller hinterherkommt?
PQ: Tatsächlich passiert ja wahnsinnig viel. Ich habe das Gefühl, dass in den Aufgabenstellungen neuer Auslobungen schon ein ziemlich großes Bewusstsein herrscht. Ich glaube aber, dass man sich noch mehr Dichte und Gebäudehöhe trauen könnte, weil kompakte Gebäude meines Wissens immer noch der beste Weg zur Ökologie sind. Man muss zwar vorsichtig sein, mit welcher Forderung man sich da positioniert, aber ich finde auch bei anderen Dingen liegen die Grenzen des gut-Zumutbaren weit über dem, was in Deutschland möglich ist. Es werden dann oft große Verrenkungen gemacht, um Verordnungen einzuhalten, die teilweise größere negative Auswirkungen haben. Hier gibt es das herrliche Snozzi-Zitat: „Jede der vorgenannten Regeln kann gebrochen werden, wenn das Projekt besser ist als die Regel.“ Diese Sichtweise würde ich mir in Deutschland auch wünschen.
LR: Ich würde mir wünschen, dass der städtebauliche Auftrag mehr ins politische Bewusstsein rückt. Gute Projekte und gute Modelle sind weit entfernt davon, allgemein bekannt zu sein, während sie in Planerinnen-Kreisen seit Jahren völlig klar sind. Beispielsweise, dass keine neuen Einfamilienhausgebiete mehr ausgewiesen werden sollten. Da wünsche ich mir eine stärkere Wahrnehmung in der Politik.

Sie haben vor kurzem zwei Wettbewerbe gewonnen, beides Ortszentren in eher kleinen Städten: Effeltrich, eine Gemeinde in Bayern, und Osterholz-Scharmbeck bei Bremen. Worum ging es bei diesen Planungen?
PQ: Ich glaube, es sind Städte, die mit ähnlichen Aufgabenstellungen kämpfen, die merken, dass sie etwas tun müssen, um die Innenstadt und das Stadtzentrum lebendig zu halten. Und gleichzeitig haben sie, was sehr gut ist, eine Motivation und den Antrieb, aktiv zu werden. In Osterholz-Scharmbeck gibt es eine richtige Innenstadt mit Fußgängerzone, da ging es mehr darum, die vorhandenen Qualitäten zu stärken. In Effeltrich ist die städtische Struktur viel diffuser, hier ging es darum, neue Qualitäten zu schaffen.

ARQ Architekten Rintz und Quack, Innenstadt Osterholz-Scharmbeck, 1. Preis im städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb, 2020, Abb.: ARQ

Sie arbeiten in einem kleinen Team. Wie schaffen Sie es, so viele Wettbewerbe zu machen? Das bindet doch enorm Ressourcen.
PQ: Ja, das ist natürlich ein Kampf. Die Verfahren sind auch unterschiedlich: Mal bekommt man mit einer Platzierung Geld, sodass man annährend bei Null herauskommt, aber man braucht auch Aufträge – und die städtebaulichen Auftragsversprechen sind nicht groß. Aber bis jetzt funktioniert es immer.

Das Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf spielt auch bei Architektinnen und Architekten eine immer größere Rolle. Sie sind ein Paar und haben ein Kind zusammen – schätzen Sie die kleinere Bürostruktur, weil Sie sich die Arbeit dadurch besser einteilen können?
PQ: Ja, im ersten Büro, in dem ich gearbeitet habe, gab es eine Stechuhr. Da denkt man zuerst: Was ist das für eine biedere Aktion. Aber am Ende ist es herrlich, weil die Stechuhr ja auch dazu führt, dass jede Arbeitsminute registriert wird. Wir haben dieses Prinzip übernommen. Dass man mal 20 Stunden arbeitet, kommt ja leider vor. Aber es wird registriert und kann wieder abgefeiert werden.
LR: Die Vereinbarkeit der Tätigkeit an Hochschule und Büro ist oft fordernd. Es ist mir aber ein sehr ernstes Anliegen, gerade den Studentinnen zu zeigen, dass es geht: dass ich Mutter bin, ein Büro und diese Professur haben kann.

www.rintzquack.de

neu im club im DAZ
Talk mit Lydia Rintz und Philipp Quack: 
26. Januar 2022, 19.00 Uhr
www.daz.de
www.neuimclub.de

Medienpartner: www.marlowes.de
neu im club wird unterstützt von Haushahn, Erfurt und Heinze sowie den BDA-Partnern

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