Jórunn Ragnarsdóttir im Gespräch mit Elina Potratz

Eine romantische Auffassung des Entwerfens

Jórunn Ragnarsdóttir, geboren 1957 in Island, studierte 1976 bis 1982 Architektur an der Universität Stuttgart. Nach einer Mitarbeit im Büro Arno Lederer von 1982 bis 1985 war sie seit 1985 Mitinhaberin des Stuttgarter Büros Lederer Ragnarsdóttir, ab 1992 in Bürogemeinschaft mit Marc Oei. Sie war und ist in zahlreichen Gestaltungsbeiräten tätig, unter anderem in Lübeck (2009 – 2015), Mannheim (2010 – 2012), Freiburg (2014 – 2018), Regensburg und Reutlingen (2016 – 2021) sowie Salzburg und Dresden (seit 2021); von 2012 bis 2018 war sie zudem Mitglied der Kommission für Stadtgestaltung München. 2016 bis 2019 kuratierte sie das Projekt „16 Stationen“ im Rahmen der Remstal Gartenschau, seit 2017 ist sie Mitglied im Baukollegium Berlin und im Beirat des Berlin Creative District in Berlin-Tempelhof. Zudem ist sie Mitglied im Baukollegium Zürich sowie im Kuratorium des Fritz-Schumacher-Preises in Hamburg. 2012 bis 2021 war sie geschäftsführende Gesellschafterin von Lederer Ragnarsdóttir Oei, 2021 gründete sie das Architekturbüro Lederer Ragnarsdóttir Architekten mit Sitz in Berlin.

Elina Potratz: Rüdiger Safranski hat in seinem Buch „Romantik. Eine deutsche Affäre“ eine Unterscheidung zwischen der Romantik als kulturgeschichtlicher Epoche und „dem Romantischen“ vorgenommen, das er als Geisteshaltung beschreibt, die zwar in der Romantik in Reinform entstanden ist, danach aber noch weiterlebte. Ob und wo ist denn das Romantische in der Architektur zu finden und handelt es sich für Sie um einen Begriff, mit dem man gut arbeiten kann?

Jórunn Ragnarsdóttir: Ja, Rüdiger Safranski hat recht damit, ich sehe das genauso. Novalis schrieb Ende des 18. Jahrhunderts: „Die Welt romantisieren heißt, sie als Kontinuum wahrzunehmen, in dem alles mit allem zusammenhängt. Erst durch diesen poetischen Akt der Romantisierung wird die ursprüngliche Totalität der Welt als ihr eigentlicher Sinn im Kunstwerk ahnbar und mitteilbar“. Das ist eine wichtige Aussage. Die Romantik – nicht als Epoche, sondern als Geisteshaltung oder Lebensphilosophie – gibt es schon lange. Ich würde sogar behaupten: seitdem es die Menschen gibt. Die Romantik hat die Fähigkeit, Atmosphären zu transportieren.

Ist die Atmosphäre für Sie der entscheidende Aspekt von Architektur, in welchem sich das Romantische ausdrückt? Wie konkret sehen Sie die Ausformung des Romantischen in der Architektur?

Lederer Ragnarsdóttir Oei, Historisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Roland Halbe

Wir leben in einer Zeit, die extrem von Ökonomie und Ökologie geprägt ist. Man meint, Architektur berechnen zu können. Doch Architektur ist immer ein Ganzes. Das ist wie beim Kuchen backen: Es braucht mehrere Zutaten um einen Kuchen zu backen, der Kuchen kann jedoch nicht in Einzelteile zerlegt werden. Während der Ernährungswissenschaftler sich mit den Zutaten auskennt, aber keinen guten Kuchen backen kann, ist es der Konditor, der einen guten Kuchen machen kann, den er auch schön verziert und appetitlich präsentiert. Die Idee, dass man sich auf Ökonomie und Wirtschaftlichkeit fokussiert, ist uralt, anführend war in den letzten Jahrhunderten sicher Jean-Nicolas-Louis Durand, der das Raster und damit das modulare Entwerfen entwickelt hat. Und wenn man genau hinschaut, wird auch heute noch an vielen Hochschulen nach der Lehre von Durand unterrichtet, weil Architektur nicht als Kunstgattung begriffen wird, sondern eher als etwas, dass man durch die Beherrschung einer Methodik lernt und darüber zu einem guten Ergebnis kommt. Ich denke, Architektur ist mehr als nur Bauen.

Glauben Sie, dass das fortschreitende Durchdringen des Kapitalismus aller Lebensbereiche sowie das Nützlichkeits- und Effektivitätsdenken sich heute noch in stärkerem Ausmaß auf Architektur auswirken als noch vor ein paar Jahrzehnten?

Die Rationalisierung und das Raster-Denken gehen mehr oder weniger auf die Moderne zurück. Es gab aber auch Meister der Moderne, die einen anderen Weg gegangen sind. Ein glänzendes Beispiel ist Le Corbusier, der für mich der große Baumeister des letzten Jahrhunderts war. Er hat im Sinne der Moderne gearbeitet, obwohl ich ihn eher als einen barocken Baumeister sehe. Er war künstlerisch begabt und hat sich intensiv mit den bildenden Künsten befasst. Das beste Beispiel für sein ganzheitliches Bauen ist vielleicht die Kapelle in Ronchamp, an der man im besten Sinne nichts wegnehmen oder hinzufügen kann. Es gab schon immer Kollegen und Kolleginnen, die nicht der Doktrin des Wirtschaftlichen gefolgt sind und andere Wege gesucht haben: den der Kontinuität. Man nennt das heute „Weiterbauen“, aber das ist mittlerweile ein unklarer Begriff in der Architektur. Es geht darum, mit Verstand und Herz die vielen Möglichkeiten einer Bauaufgabe zu erkennen. Eine präzise Analyse der Geschichte ist für mich die Voraussetzung für eine gelungene Weiterentwicklung eines Ortes.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Vor einigen Jahren habe ich im Remstal eine Gartenschau kuratiert. Jeder teilnehmende Architekt und jede Architektin hat damals ein konkretes Grundstück zur Verfügung gestellt bekommen – Uwe Schröder bekam eine sogenannte Hochzeitswiese. Das ist ein grüner Hügel mit vielen Obstbäumen, auf der er ein kleines Bauwerk errichten konnte. Bei der Auseinandersetzung mit dem Ort und der Geschichte fand er heraus, dass es kein Zufall ist, dass diese Obstwiese als Hochzeitswiese bezeichnet wurde, denn im 18. Jahrhundert gab es in Plüderhausen den Brauch, dass Eheleute, die sich das Ja-Wort gaben, dort einen Baum pflanzen und pflegen mussten. Auf wundersame Art und Weise ist es Uwe Schröder gelungen, Tradition und Zukunft miteinander zu verbinden. Heute betreten die Eheleute dieses Bauwerk von der Hangseite durch zwei Türen, lassen eine Münze in einen Schlitz im Boden fallen und verlassen das Bauwerk anschließend mit Blick auf das Remstal gemeinsam durch eine Tür. Das Bauwerk wird enorm gut von der Bevölkerung angenommen. Dort merkt man diese Sehnsucht nach Orten – der Mensch braucht immer einen Ort. Ich denke, wenn man aus dem Ort heraus arbeitet und an die Geschichte anknüpft, den Ort bereichert, ist das eine romantische Architektur. Es sollte niemals darum gehen, dass ein Bauwerk selbst in den Vordergrund tritt, sondern immer darum, auf das Umfeld einzugehen, etwas zu ergänzen, einen Baustein dazuzugeben, um einen Ort zu stärken.

Viele Architektinnen und Architekten sagen heute, dass die stark normierte und regulierte Baupraxis ein Maß erreicht hat, das sich nicht unerheblich auf die Gestaltungsmöglichkeiten und -vielfalt auswirkt. Ist das ein Aspekt, der noch hinzugekommen ist zu den Entwicklungen der Rationalisierung? Gibt es deswegen wieder ein verstärktes Bewusstsein für oder ein Bedürfnis nach dem Romantischen in der Architektur?

Lederer Ragnarsdóttir Oei, Hospitalhof Stuttgart. Foto: Arno Lederer

Man muss bedenken, dass es sehr unterschiedliche architektonische Haltungen bei Architekten und Architektinnen gibt. Je genormter man baut, desto besser läuft das Geschäft. Doch ich denke, es reicht nicht, die Anforderungen hinsichtlich Zeit, Geld und der ganzen DIN-Normen umzusetzen. Auch Nachhaltigkeit fängt schon im Städtebau und mit der Schönheit der Häuser an. Das Problem jedoch ist, dass man nicht dafür bezahlt wird, schön zu bauen. Von Schönheit ist in der Honorarverordnung nicht die Rede. Architektur ist, gepaart mit der eigenen Erfahrungswelt, ein intensiver intellektueller Prozess. Es ist viel mehr als nur das schiere Bauen.

Architektur hat sich schon immer in einem Spannungsfeld zwischen einerseits Kunst und andererseits Dienstleistung – die eher rationaler ausgerichtet ist – bewegt. Haben wir uns zu sehr vom Pol der Kunst wegbewegt?

Ich will das rationale Entwerfen nicht verdammen, denn es braucht klare Grundlagen, um diese dann wiederum zu verlassen und zu ergänzen. Eine konkrete Vorstellung von Konstruktion und Materialität ist immer ein Bestandteil des Entwerfens. Doch die Kunst liegt darin, das Rationale zu verlassen. Gekonnte „Brüche“ machen Architektur aus. Räume zu entwerfen ist die Auseinandersetzung mit sich selbst, sie schöpft aus dem, was man erlebt und wahrgenommen hat. Der Fundus geht zurück in die Kindheit und umfasst nicht nur visuelle Erinnerungen, sondern Erinnerungen aller Sinne.

Sie haben das Sinnliche angesprochen: Gibt es ein Beispiel, an dem man eine romantische Geisteshaltung materialisiert sehen könnte? Was heißt das am Ende für die Form, für das konkrete Bauwerk?

Lederer Ragnarsdóttir Oei, Historisches Museum Frankfurt am Main. Foto: Roland Halbe

Es gibt Dinge, die, jenseits der Materialität oder der Oberflächen, mir oder uns sehr wichtig sind. Der Übergang von dem öffentlichen Raum ins Private liegt uns sehr am Herzen. Wie kann man Räume so inszenieren, dass diese Übergänge erlebbar sind? Wie gehen wir mit den technischen Notwendigkeiten um? An der Hauptfassade des Historischen Museums in Frankfurt haben wir beispielsweise die Entlüftung des Bauwerks unsichtbar in die Gestaltung der Fassade eingeplant. Bei einer Schule in Scharnhausener Park bei Stuttgart haben wir zwei riesige Kamine entworfen, die der Entlüftung der darunterliegenden Sporthalle dienen. Formal betrachtet sind sie interessant und sehr identitätsstiftend für den Ort. Ein Ort braucht immer ein wiedererkennbares Zeichen.

Das ist interessant, denn hier wird die Form wieder aus dem Funktionalen entwickelt. Die Form geht zwar über das rein Funktionale hinaus, aber dennoch ist der Ursprung das rein Praktische.

Ja, aus der Not eine Tugend machen.

Sie haben erläutert, dass das Entwerfen für Sie die Verarbeitung von Erfahrungen und Erinnerungen bedeutet. Wie kann man sich den Entwurfsprozess vorstellen, der mit einem Erinnerungsprozess verbunden ist?

Architekten und Architektinnen sind keine Erfinder. Wir schöpfen immer aus dem, was vorhanden ist, wir transferieren es und kombinieren es neu. Wenn man genau schaut, entdeckt man lauter Dinge, die man neu interpretieren kann. Das Kapital von meinem Mann und mir ist, dass wir mit vier Augen hinschauen. Die Diskussion wird dabei enorm beflügelt. Architektur ist keine Einzelleistung, gute Ergebnisse entstehen im Gespräch. Unser Kapital ist die unterschiedliche Herkunft, die unterschiedlichen Erfahrungen und der Wille, dass wir beide in der Architektur einen Einklang finden.

Hat das Romantische und die Sehnsucht der Menschen nach dem Romantischen überhaupt eine reale Chance gegenüber einer Bauwirtschaft, die extrem auf Rendite ausgerichtet ist?

Die Politik ist in der Regel der Entscheidungsträger für Bauprojekte. Und wenn ein Großprojekt scheitert, dann scheitert ja ein ganzes Quartier. Wenn man das Quartier dagegen parzellieren würde und vielen Menschen die Möglichkeit gäbe, dort zu investieren und zu bauen, wäre der Schaden deutlich geringer, wenn ein Projekt scheitert. Die Politik ist gefragt, Menschen die Möglichkeit einer Teilhabe an der Wertschöpfung der Innenstädte zu geben. Wir müssen mehr auf Qualität und Diversität setzen.

Wenn sich das Romantische sich ins Politische verirrt, kann das große Probleme mit sich bringen – das thematisiert auch Rüdiger Safranski in Hinblick auf den Nationalsozialismus…

Die Aufgabe der Politik muss es sein, Freiräume zu schaffen. Wir werden uns nie auf irgendeine Lehre der Architektur einigen können, das wäre völlig fatal und ergibt auch gar keinen Sinn. Aber die Vielfalt sehr guter Architekturen schafft größere Akzeptanz und Zufriedenheit in der Gesellschaft.

Kommen wir noch einmal zum Aspekt der Geschichte zurück. Sie haben davon gesprochen, dass es nicht nur um die gestalterisch-sinnliche, sondern auch um die inhaltliche Ebene geht. Ist es das Narrative, das Erzählerische, was Sie damit ansprechen?

Mit dem Begriff „Narrativ“ kann ich wenig anfangen. Auch „erzählerische Architektur“ ist ein eher unpassender Begriff, weil Architektur ja nicht erzählt, sondern ist. Und das, was die Menschen darin sehen oder empfinden, ist sehr persönlich. Wenn es gelingt, ein Bauwerk zu errichten, in dem die Menschen einen Resonanzraum für ihre Seele finden, dann ist es ein gelungenes Bauwerk.

Was ist, wenn es um regionale Eigenheiten geht, man beispielsweise lokale Baumaterialien oder Bautraditionen nutzt und diese in neue Formen überführt, ist das nicht ebenfalls eine Art Erzählung?

Es ist sehr vernünftig, ortstypische Baumaterialien zu verwenden. Es spart Kosten, schafft Arbeitsplätze, schont die Umwelt und stärkt die Identität der Menschen mit ihrer Heimat.

Sie setzen sich in Ihren Projekten immer wieder mit dem Bauen im Bestand auseinander. Wie verhält es sich mit dem Romantischen beim Umgang mit historischen Schichten?

Lederer Ragnarsdóttir Oei, Bildungszentrum in Aschersleben. Foto: Roland Halbe

Der vorhandene Bestand und sein Erhalt ist immer unser Ausgangspunkt. Unabhängig von der Denkmalpflege versuchen wir immer, schonend mit dem Vorhandenen umzugehen. Das Potenzial des Erhalts übertrifft in der Regel die Qualität eines Abrisses gefolgt von einem Neubau. Das Spannende am Weiterbauen ist das Fortschreiben der Geschichte des Ortes. Man fügt einen Baustein dazu, ergänzt einen anderen und führt dabei einen Ort in die Zukunft.

In Ihrer aktuellen Publikation (Rezension auf unserer Seite) schreiben Sie, dass Sie Häuser bauen wollen „bei denen einem das Herz aufgeht“. Was meinen Sie damit?

Dieser wunderbare Spruch ist leider nicht von mir, wurde aber bereits, nachdem ich das in einer Pressekonferenz in Berlin erzählt habe, plötzlich von vielen Leuten verwendet. Dieser Spruch stammt aus einer Erzählung von Gottfried Böhm. Sein Vater, Dominikus Böhm, hatte ihm als Kind erklärt, wie man gute Architektur erkennt. Bei der Besichtigung seiner Kirche in Ulm sagte der Vater zu seinem jungen Sohn Gottfried, dass man die Schönheit einer Architektur daran erkenne, dass einem das Herz aufgehe.

Hat das auch etwas mit der „Poetisierung des Prosaischen“ zu tun?

Ja, man kann es Poetik nennen. Aber es ist vielleicht auch einfach das Bedürfnis, etwas zu verinnerlichen. Es ist das natürliche Bedürfnis nach Schönheit und Sinnlichkeit.

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