Aldo Rossi (1931 – 1997)

Das Romantische? Ein exaltierter Rationalismus

Im April 1967, nicht einmal ein Jahr nach der Veröffentlichung seines berühmten Buches „Die Architektur der Stadt“ bei Marsilio Editori,(1) gibt Aldo Rossi in der Buchreihre „Polis“ im selben Verlag die italienische Ausgabe des Manuskripts von Étienne-Louis Boullée „Architecture. Essai sur l’Art“ heraus.(2) Schon vor der Erscheinung des Meilensteins der neuen rationalen Theorie der städtischen Architektur arbeitete er bereits an der Übersetzung des „revolutionären“ Büchleins eines romantischen Aufklärers und untersuchte in der Einleitung – einem fulminanten Essay – die unerbittliche und notwendige Beziehung zwischen Vernunft und Gefühl in der architektonischen Gestaltung. „In dieser Einleitung“, so schreibt Rossi, „beharre ich immer auf die Beziehung zwischen Logik und Kunst und auf die rationalistische, autobiographische und exaltierte Seite von Boullée.“(3)

Aldo Rossi, Piazza del Municipio und Denkmal für die Partisanen in Segrate, 1965, Foto: Stefano Topuntoli 2015, © Eredi Aldo Rossi

Für Rossi drückt diese „Exaltation“ gerade die Unzulänglichkeit und Mittelmäßigkeit der Ergebnisse aus, die aus einem rein rational-logischen Schluss entwickelt werden können. Daher der Drang, die rationale Konstruktion von innen heraus aufzubrechen und eine Art ständigen Widerspruch zwischen systematischer Lehre und freier Meinungsäußerung aufzustellen. „Der konventionelle Rationalismus“, schreibt Rossi weiter, „behauptet, den gesamten Prozess der Architektur aus Prinzipien abzuleiten, während Boullées exaltierter Rationalismus ein Vertrauen (oder einen Glauben) voraussetzt, das das System erhellt, aber außerhalb desselben steht. Daraus ergibt sich einerseits die maximale Autonomie des Systems, die Klarheit der Aussagen und andererseits die autobiographische Singularität der Erfahrung.“(4)

Hier scheint Aldo Rossi den zerreißenden Zwiespalt, der den Übergang von der Aufklärung zur Romantik als eine Epoche des Wandels und des Umbruchs kennzeichnete, am eigenen Leib zu erfahren. Die rationale Architekturtheorie, die er mitbegründet hat und die eine Grundlage seiner Arbeit bildet, wird von innen heraus infrage gestellt und mündet in einer „metaphorischen“ Dimension als ein emotionaler Gestaltungsprozess zur Erzeugung von Emotionen. Zwei Elemente tauchen in der Tat in diesem Text mit überwältigender Kraft auf, um das System der rationalen Architektur zu hinterfragen oder, genauer gesagt, zu kontaminieren: die Autobiographie und die Metaphysik.

Wohneinheit im Quartier Gallaratese, Mailand 1969 – 1970, Foto: Stefano Topuntoli 2017, © Eredi Aldo Rossi

Die Autobiographie und damit die Natur des Subjekts – des Handelnden und des Betrachters – bildet das Evokative, was Boullée als „Poesie“ in der Architektur bezeichnet.(5) Boullées Poesie stellt hier für Rossi, wie in der Romantik Schlegels oder wie bei Schinkel, den Berührungspunkt zwischen intellektueller Konstruktion und emotionaler Beteiligung in der künstlerischen und architektonischen Gestaltung dar. Aber nicht nur das: Rossi teilt eindeutig Schlegels weithin theoretisiertes Bewusstsein für die Untrennbarkeit von Poesie und Kritik, Kunst und Kunstdiskurs und überträgt es auf die Beziehung zwischen Architektur und Architekturtheorie und -geschichte. So wie die romantische Poesie nach Schlegel immer ein Moment der Selbstreflexion enthalten muss, eine „Transzendentalpoesie“ sein muss, die über ihren eigenen Sinn und ihrer Entstehung immanent reflektiert,(6) so setzt Rossi die der Architektur innewohnende analytische Eigenschaft voraus, die den Entwurfsprozess kritisch hinterfragt und seine Methodik explizit macht.(7)

Die Metaphysik hingegen – auch ein Ausdruck dieser transzendentalen Dimension – hat mehr mit Vereinfachung, Abstraktion und Zeitlosigkeit zu tun, mit dem, was Boullée als „Architektur der Schatten“ bezeichnet.(8) Die Architektur der Schatten entspringt der unmittelbaren, logischen und gefühlsmäßigen Erfahrung der Natur. „Dem Licht entgegengesetzte Volumina werfen ihre Schatten als Abbild des Körpers. Und der Künstler beobachtet diese natürlichen Tatsachen, um daraus Prinzipien für seine Kunst abzuleiten“, schreibt Rossi über Boullée.(9) Die Beziehung zwischen Licht und Schatten sowie die Vereinfachung der Formen – die Überwindung des Prinzips der Imitation bei Boullée – werden zum Werkzeug, um Gefühle zu wecken und Emotionen zu produzieren, die aus der Untersuchung der Realität entstehen. In Rossis damaliger Interpretation von Boullée erkennt man viel von Le Corbusiers Ausspruch „Baukunst ist das wissende, genaue und großartige Spiel der Baukörper unter dem Licht“,(10) was nicht verwunderlich ist. In jenen Jahren war in der italienischen Baukultur die Lektüre der Schriften von Emil Kaufmann an der Tagesordnung, der vor den Augen der Architekten die Paradigmen der klassischen Geschichtsschreibung durchbrach, indem er programmatisch mit typologischen und formalen Analogien jenseits der Chronologie arbeitete.(11) Aber auch die Begegnung Rossis mit der metaphysischen Malerei der 1920er-Jahre von de Chirico und Sironi ist ein entscheidendes Element, das seine Architektur und die Darstellungsform seiner Projekte so stark beeinflussen wird, dass eine autonome Form des bildlichen Ausdrucks entsteht.(12)

Wohneinheit im Quartier Gallaratese, Mailand 1969 – 1970, Foto: Stefano Topuntoli 2014, © Eredi Aldo Rossi

Rossis Projekte der 1960er- und frühen 1970er-Jahre spiegeln all diese Aspekte wider, die ich ohne zu zögern als „romantisch“ in dem Sinne bezeichnen würde, den er selbst 1968 diesem Begriff in einer Passage seiner Quaderni Azzurri zuschreibt: „Ich denke darüber nach, wie ungenau der Begriff ‚romantisch‘ ist, aber gleichzeitig scheint es mir, dass er eine Gesamtheit von Erfahrungen umfasst, die über jede chronologische oder stilistische Definition hinausgeht. Es ist eine Form der Annäherung oder auch des schwierigen Verständnisses der Beziehung zwischen Natur, Geschichte und Technik.“(13)

Natur, Geschichte und Technik, Zeitlosigkeit und Abstraktion, sind genau die Elemente, die im Denkmal für den Widerstand in Cuneo (1962), im Projekt für die Pilotta in Parma (1964) oder in der Piazza del Municipio in Segrate (1965) Rossis Architektur der Schatten und der Körper im Licht erzeugen. Hier, wie auch im Quartier Gallaratese (1969), „bilden der Platz und das Denkmal eine Architektur der Schatten. Die Schatten markieren die Zeit und den Lauf der Jahreszeiten.“(14)

Friedhof von San Cataldo, Modena 1972 – 1978, Foto: Stefano Topuntoli 2009, © Eredi Aldo Rossi

Im Projekt von Segrate drücken zylindrische Elemente wie die Überreste anderer früherer Bauten „etwas Tragisches und Unvollendetes“ aus (15) und führen die Themen der Fragmente und der Geometrie der Körper ein, insbesondere des Zylinders, der, inspiriert von Filaretes Säule in Venedig, in vielen von Rossis Architekturen wiederkehrt.(16) Jenes romantische Motiv der Verlassenheit, des Verfalls und der Zerstörung, welches schließlich 1972 in dem Projekt für den Friedhof San Cataldo in Modena seinen Niederschlag findet: ein „leeres Haus“ als „Raum für die Erinnerung an die Lebenden.“ Vor allem im Sakrarium, schreibt Rossi, „hat das kubische Gebäude mit seinen regelmäßigen Fenstern die Struktur eines Hauses ohne Boden und ohne Dach, die Fenster sind ohne Rahmen; Schnitte in der Wand; es ist das Haus der Toten, in der Architektur ein unfertiges und daher verlassenes Haus.“(17) Und weiter fügt er hinzu: „Der Kubus ist ein verlassenes oder unfertiges Haus, der Kegel ist der Schornstein einer menschenleeren Fabrik.“(18) Metaphysik und Surrealismus verbinden sich in diesem Projekt, dessen Wettbewerbsmotto „Das Blau des Himmels“ nicht zufällig der Titel eines Buches von Georges Bataille ist.(19)

All dies soll nicht überraschen. Metaphysik, Surrealismus und Aspekte einer gewissen „Romantik“ gehörten in denselben Jahren auch zur Realismus- (und Neo-Realismus-) Debatte, die bereits seit den späten 1950er-Jahren im Italien des Wiederaufbaus die Kunstdiskussion anheizte und an der sich Rossi sofort mit Überzeugung beteiligte. Bereits in einer 1955 zusammen mit Guido Canella verfassten Schrift wandte sich Rossi gegen den italienischen Rationalismus als trockene und formalistische Ästhetik, die sich auf eine abstrakte Theorie stützte und plädierte stattdessen für die Notwendigkeit einer „sentimentalen Komponente“ in der Architektur, der es gelingt, „die tiefe Menschlichkeit des Inhalts darzustellen und zu feiern.“(20)

Es handelt sich um dieselben Themen, die sich auf parallelen Forschungspfaden entwickelten. Wenn Boullées exaltierter Rationalismus die phantastische, grandiose Dimension der romantischen Poesie verkörpert, so sucht der Nachkriegsrealismus nach jener anderen Dimension, die mit der Gewöhnlichkeit, dem Alltäglichen verbunden ist (man denke hier unter anderem an den romantischen Neorealismus von Visconti).(21) Der Realismus erschien Rossi auch als ein Versuch, den Rationalismus mit der Poesie des Alltags zu versöhnen: „Zunächst sah ich den Realismus als Alternative: Er stellte sich stolz dem grauen und bußfertigen Aspekt der modernen Architektur entgegen. (…) Ich war auf der Suche nach einem alltäglichen und antiken Realismus.“(22)

Friedhof von San Cataldo, Modena 1972 – 1978. Blick auf die Kapellen vom Portikus aus, Foto: Stefano Topuntoli 2018, © Eredi Aldo Rossi

Aldo Rossi allerdings interessierte sich nicht für die Formen und vielleicht nicht einmal für die Gefühle: „Mehr als über die Architektur – schrieb er noch mit Bezug auf Boullée – sollten wir über die Art und Weise sprechen, Architektur zu machen, über architektonische Komposition und Entwurf.“(23) Im Mittelpunkt des Diskurses steht immer die Methode: Neben der Typologie, die im Zentrum seiner Schriften zur Architektur der Vernunft steht, erscheint die Analogie als das Instrument, das Poesie und Autobiographie an die Oberfläche zu bringen vermag. Man könnte von einem Methodenwechsel, oder vielmehr einer Methodenentwicklung sprechen, die sich durch Rossis kulturelle Reifung in allen ihren Komponenten zieht: Von der Wahl einer analytischen Reflexion auf logischer Basis wendet er sich zunehmend einer Erklärung des psychischen Apparats und seiner Funktionen auf psycho-analytischer Basis zu, um die Entstehung von Architektur zu erklären.(24)

„Es gibt keine Kunst, die nicht autobiographisch ist“, schreibt Rossi in seiner Einleitung zu Boullée.(25) Als Ausgleich zu seinem ersten Buch „Die Architektur der Stadt“ veröffentlichte er 1981 die „Wissenschaftliche Selbstbiographie“, eine Sammlung von Schriften seit den frühen 1970er Jahren,(26) die mit Hilfe von Psychologie und Psychoanalyse eine Mythologie der Vernunft einführt, die in der Lage ist, dem rationalen Inhalt eine sinnliche Form und eine phantasievoll-poetische Kraft zu verleihen: „Deshalb glaube ich (…), dass das Einzige, was möglich ist, die Addition von Logik und Biographie ist.“(27)

Das Romantische bei Aldo Rossi? – Ein exaltierter, emotionaler und autobiographischer Rationalismus.

Prof. Dr. Silvia Malcovati, geboren 1969, ist seit 2016 Professorin für Entwurf und Städtebau an der FH Potsdam. 2002 bis 2016 war sie Professorin im Departement Architektur und Design des Polytechnikum Turin. Sie studierte Architektur in Mailand und Barcelona und legte ihre Abschlussarbeit in Mailand bei Giorgio Grassi ab. Nach Forschungen an der ETH Zürich wurde sie am IUAV Venedig in Entwurf und Städtebau promoviert und arbeitete danach als Post-Doc am Polytechnikum Mailand. Ihre Forschungen konzentrierten sich auf die deutsche Architektur von Karl Friedrich Schinkel über Heinrich Tessenow und Peter Behrens bis zum heutigen Berlin sowie auf die italienische Architektur und Theorie der Nachkriegszeit. Seit 1995 ist sie als freie Architektin an nationalen und internationalen Architektur- und Städtebauprojekten beteiligt.

Anmerkungen
1 Rossi, Aldo: L’architettura della città, Padova 1966; Deutsche Ausgabe, Id., Die Architektur der Stadt, Bauwelt Fundamente, Band 41, Basel 1973.
2 Boullée, Étienne-Louis: Architecture. Essai sur l’Art, ca. 1790, Bibliothéque nationale, Paris Ms. 9153. Italienische Ausgabe: Étienne-Louis Boullée, Architettura. Saggio sull’arte, mit einer Einführung von Aldo Rossi, Venezia 1967, Übersetzung der englischen Ausgabe von Helen Rosenau, Boullée’s Treatise on architecture: A complete presentation of the Architecture, essai sur l’art, which forms part of the Boullée papers (Ms. 9153) in the Bibliothéque nationale, Paris, London 1953. Deutsche Ausgabe: Wyss, Beat (Hrsg.): Étienne-Louis Boullée. Architektur. Abhandlung über die Kunst, Zürich / München 1987.
3 Rossi, Aldo: „Introduzione a Boullée“, in Boullée 1967, S. 8.
4 Rossi 1967, S. 9.
5 Boullée 1967, S. 53.
6 Schlegel, Friedrich: Fragmente (Athenäums-Fragmente), Nr. 238.
7 Vgl. Politecnico di Milano, Gruppo di ricerca diretto da Aldo Rossi, Contributi al dibattito e al lavoro di gruppo nell’anno accademico 1968 / 69, L’analisi urbana e la progettazione architettonica, Mailand 1970.
8 Boullée 1967, S. 78.
9 Rossi 1967, S. 19.
10 Le Corbusier: Vers une architecture, 1922: „L’architecture est le jeu savant, correct et magnifique des volumes assemblés sous la lumière”. Deutsche Ausgabe: Le Corbusier: Ausblick auf eine Architektur, Deutsch von Hans Hildebrandt, überarbeitet von Eva Gärtner, Basel 1963, S. 157.
11 Kaufmann, Emil: Three Revolutionary Architects, Boullée, Ledoux, and Lequeu, Philadelphia 1952 (italienische Ausgabe Mailand 1976); Von Ledoux bis Corbusier, Wien 1933 (italienische Ausgabe Mailand 1973); Architecture in the Age of Reason, Cambridge 1955 (italienische Ausgabe, Turin 1966). Vgl. hierzu Rossi, Aldo: „Emil Kaufmann e l’architettura dell’illuminismo”, in: Casabella-continuità, Nr. 222, October 1958, S. 42-47.
12 Vgl. Ruhl, Carsten: Magisches Denken – Monumentale Architektur. Aldo Rossi und die Architektur des Bildes, Tübingen / Berlin 2013.
13 Rossi, Aldo: Quaderni Azzurri. 1968-1992, Mailand / Los Angeles 1999, Vol. 1, 13. Mai.
14 Ferlenga, Alberto (Hrsg.): Aldo Rossi. Tutte le opere, Mailand 1999, S. 38. Vgl. auch Marilou Lobsinger, „The Obscure object of desire”, in Grey Room, Nr. 08, Sommer 2002, S. 38-61.
15 Ferlenga 1999, S. 25. Der Text ist die Transkription eines Manuskripts vom Dezember 1971.
16 Rossi, Aldo: A Scientific Autobiography, Cambridge Mass. 1981; erste italienische Ausgabe: Rossi, Aldo: Autobiografia scientifica, Parma 1990, S. 15.
17 Rossi, Aldo: „L’azzuro del cielo”, in Controspazio, N. 10, Oktober 1972, S. 4-5.
18 Rossi 1972, S. 9.
19 „Das Blau des Himmels“ ist ein Roman von Georges Bataille aus dem Jahr 1935, der erst 1957 veröffentlicht wurde. Georges Bataille, Le bleu du ciel, Paris 1957; italienische Ausgabe, Id., L’azzurro del cielo, Mailand 1962.
20 Rossi, Aldo / Canella, Guido: „Per una architettura realista. 1955“, unveröffentlichtes Manuskript für die Tageszeitung L’Unità, wiedergegeben in: Gentucca / Canella et. al. (Hrsg.): Per una architettura realista, Mailand 2015, S. 20-34.
21 Vgl. Reichlin, Bruno: „Figures of Neorealism in Italian Architecture,“ Part 1, in Grey Room, Nr. 5, Erbst 2001, S. 78-101 und Part 2, in Grey Room, Nr. 6, Winter 2002, S. 110-133. Vgl. auch Lobsinger 2002.
22 Rossi, Aldo: „Une éducation réaliste“, Archithese, Nr. 19, 1976, S. 25-26; erneut veröffentlicht in L’architecture d’Aujourd’hui, Nr. 190, 1977, S. 39. Vgl. Malcovati, Silvia: „Realism and Rationalism: An Italian-German Architectural Discourse,“ in bfo-Journal, Nr. 2, 2016, S. 4-15.
23 Rossi 1967, S. 9.
24 Vgl. Lobsinger 2002, S. 42-43.
25 Rossi 1967, S. 18.
26 Rossi 1981; Erste italienische Ausgabe, Rossi 1990; Erste Deutsche Ausgabe: Aldo Rossi, Wissenschaftliche Selbstbiographie, Bern / Berlin 1988.
27 Rossi 1981, S. 8.

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