Tanzstudio in Köln

Strukturiert

Die Neusser Straße zieht sich scheinbar endlos vom nördlichen Abschluss des Kölner Rings gen Nordnordwest. Wie viele der Kölner Ein- und Ausfallstraßen ist auch sie ein Panorama städtischer Räume und ihrer jeweiligen Milieus. Unmittelbar am Ebertplatz beginnend, die ehemaligen Wall- und Fortanlagen des Inneren Grüngürtels kreuzend, ist sie in Nippes Teil eines bunten urbanen Viertels. Jenseits des Niehler Kirchwegs aber ist von diesem Charme nur noch wenig übrig. Die homogene gründerzeitliche Stadterweiterung ist abgelöst durch heterogene Bebauung, die von traufständigen zweigeschossigen Wohnhäusern über fünfziger Jahre-Wohnhochhäusern und -zeilen bis hin zu Autohändlern und Discountern eigentlich alles zu bieten hat, was bundesdeutsche Großstädte an ihren Rändern so bereithalten. Auch wenn Köln hier noch nicht aufhört – an der Haltestelle „Neusser Straße/Gürtel“ fühlt es sich ein wenig so an.

TILL ROBIN KURZ ARCHITEKT, Tanzstudio 60/30 Zwei, Köln 2016, Tanzsaal, Foto: Ulrich Kaifer

Im Hinterhof eines dieser typischen Kölner Wohnhäuser – fünf Stockwerke, solide in der Gestalt, zwei in der Fassade ablesbare Treppenhäuser, dazwischen zwei Fensterformate, die Wohn- und Anräume deutlich unterscheidbar machen – hat der in Stuttgart geborene Architekt Till Robin Kurz eine Gewerbehalle in ein Tanzstudio umgewandelt. Dafür wurde der rund 200 Quadratmeter große, eingeschossige Gebäudeteil komplett entkernt, alle nicht tragenden Einbauten entfernt.

TILL ROBIN KURZ ARCHITEKT, Tanzstudio 60/30 Zwei, Köln 2016, Eingang und Damenumkleide, Foto: Ulrich Kaifer

Das neue Tanzstudio strukturiert Till Robin Kurz klar und prägnant, teilt den Grundriss etwa im Verhältnis 5:3 in Tanzsaal und Räume zweiter Ordnung wie Umkleiden, WCs, Teeküche und einen flexiblen Mehrzweckraum. Diese Unterteilung wird durch die gewählten Materialien unterstrichen. Wo der mit Schwingboden ausgestattete Tanzsaal durch reines Weiß und eine große Spiegelfront ganz den Tänzerinnen und Tänzern den optischen Vortritt lässt, dominieren in den angrenzenden Räumen Farben und Ornamente. Der Architekt hat die sich stringent vom Außen- in den Innenraum fortsetzende Heterogenität geschickt gebändigt, indem er die in dem relativ kleinen Raum auftauchenden drei unterschiedlichen Türformate in ein Rahmenwerk aus aufgesetzten schwarzen MDF-Leisten einfasst. Sie formulieren einen oberen Abschluss, betonen die Raumkanten und bilden einen Sockel aus, der je nach Bedarf Sitz- oder Schrankelemente aufnimmt. Zwischen dem Schwarz des MDFs spannt der Architekt eine blaue Tapete auf, die Granatapfelbäume und Vögel zeigt, und den dunklen Teppichboden deutlich kontrastiert.

TILL ROBIN KURZ ARCHITEKT, Tanzstudio 60/30 Zwei, Köln 2016, Damenumkleide, Foto: Ulrich Kaifer

Im folgenden Raum, der Damenumkleide, reicht das Rahmenwerk weniger hoch, sodass die abschließende obere Leiste die Garderobenhaken aufnehmen kann. Die Tapete ist, wo es Tageslicht nur indirekt und über ein einzelnes Oberlicht gibt, deutlich heller. Das florale Motiv taucht auch in der kleineren Herrenumkleide noch einmal auf.  Der Entwurf von Till Robin Kurz überzeugt neben dieser Dualität aus ornamentaler Zierde und reduziertem White Cube vor allem durch die durchgängige, zwischen Filigranität und Robustheit pendelnde Gestaltung der Einbauten. Von den Sitzbänken über die Informationsmöbel und Leuchten bis hin zum WC-Rollenhalter hat Kurz sie aus einer Hand entworfen. Neben schwarzem MDF kommen handelsübliche Kupferrohre und Weißbeton zum Einsatz. Eine gelungene Materialdialektik: Die drei Materialien harmonieren bei gleichzeitigem Kontrast wunderbar miteinander und bilden ein subtiles Geflecht, das die unterschiedlichen Räume durchzieht und optisch zusammenhält.

David Kasparek

TILL ROBIN KURZ ARCHITEKT
Tanzstudio 60/30 Zwei
Köln
2016
Fotos: Ulrich Kaifer, Köln

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